Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
22.10.2026 um 16:25 Uhr
14 Oktober, 2026| LegY| , |
Falsche Rune 🪞

Als ich das Spiegelkabinett betrat, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Draußen tanzten die letzten Blätter im Wind, und der bleiche Samhainmond warf sein silbernes Licht durch die hohen Fenster.

„LegY! Wie gut, dass du da bist!“, rief Elis und kam hastig auf mich zu. „Seit Samhain zeigen unsere Spiegel nicht mehr die Wirklichkeit. Irgendetwas stimmt mit ihnen ganz und gar nicht.“

Ich zog meinen Hexenhut tiefer ins Gesicht. „Hast du schon die Runen überprüft?“

Elis nickte nervös. „Die Schutzrunen sind noch da. Aber manchmal leuchten sie rückwärts, und in manchen Spiegeln bewegen sich die Abbilder, obwohl niemand davorsteht.“

Das klang nach einem Fall für eine Junghexe, die ihre zehnte Prüfung in Runenkunde bereits bestanden hatte. Ich trat vor den ersten Spiegel. Mein Spiegelbild lächelte. Ich nicht. Langsam hob ich meine rechte Hand. Mein Abbild hob die linke. Zuerst dachte ich, das sei normal. Doch dann bemerkte ich, dass hinter meinem Spiegelbild eine Tür zu sehen war, die es im Raum gar nicht gab. Auf der Tür stand eine Rune, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Als ich sie mit dem Finger in die beschlagene Spiegelfläche zeichnete, ertönte ein leises Flüstern.

„Zwölf Fehler verbergen sich im Glanz. Finde sie alle, sonst bleibt die Wirklichkeit gefangen.“

Ich fuhr herum. Niemand war da.

„Elis? Hast du das gehört?“

Doch Elis war verschwunden. Nun wurde mir wirklich mulmig. Ich ging weiter durch das Kabinett. Die Spiegel standen in zwei langen Reihen, und jeder zeigte eine andere, unmögliche Szene. In einem sah ich mich selbst als uralte Hexe. In einem anderen schien mein Schatten vor mir davonzulaufen. Ein dritter Spiegel war vollkommen schwarz, obwohl sich darin das Mondlicht hätte spiegeln müssen.

Ich erinnerte mich an Ich ein altes Buch, worin es um Wahrheitsrunen und ihre Anwendung ging: Magische Spiegel lügen nicht unbedingt. Manchmal zeigen sie eine Wahrheit, die aus den Fugen geraten ist. Wenn die Ordnung der Runen gestört wurde, konnten sich Gegensätze vertauschen und Erinnerungen mit der Gegenwart vermischen.

Ich begann, die Spiegel genauer zu untersuchen.

Auf manchen Rahmen entdeckte ich winzige Runen. Einige waren verdreht, andere standen an der falschen Stelle. Als ich die erste fehlerhafte Rune berührte, flackerte der Spiegel auf. Für einen Atemzug sah ich einen langen Gang voller Kerzen. Ganz am Ende stand eine Gestalt mit einem silbernen Schleier.

Sie hob den Kopf.

Obwohl ihr Gesicht verborgen war, wusste ich, dass sie mich ansah.

„Wer bist du?“, flüsterte ich.

Die Gestalt legte einen Finger an den Schleier und deutete hinter mich. Ich drehte mich um. Auf dem Boden lag ein kleiner, zerbrochener Spiegel. In seinen Scherben erkannte ich etwas, das mich erschreckte: Mein eigenes Spiegelbild stand darin, obwohl ich mehrere Schritte entfernt war. Ich kniete mich hin. Auf der Rückseite des Spiegels waren Worte eingeritzt:

„Was falsch herum erscheint, muss nicht falsch sein. Was richtig erscheint, kann die größte Lüge bergen.“

Ich musste die zwölf Fehler finden. Doch je länger ich suchte, desto mehr veränderte sich das Kabinett. Die Wände schienen sich zu verschieben. Das Ticken einer Uhr kam einmal von links und dann wieder von rechts. Und irgendwo über mir lachte jemand leise.

Dann bemerkte ich etwas Seltsames. Alle Spiegel zeigten dieselbe Rune – bis auf einen. Dieser eine Spiegel zeigte keine Rune, sondern ein Auge.Es blinzelte. Ich wich zurück. Das Auge verschwand, und an seiner Stelle erschien mein Spiegelbild. Es formte lautlos drei Worte mit den Lippen:

„Vertrau Elis nicht.“

In diesem Moment hörte ich Schritte hinter mir.

„LegY?“, rief Elis. „Hast du schon herausgefunden, was hier passiert?“

Ich sah auf mein Spiegelbild. Es schüttelte langsam den Kopf. Dann hörte ich Elis erneut. Diesmal kam die Stimme aus dem Spiegel.

„LegY“, flüsterte sie, „du musst den letzten Fehler finden.“

Ich hielt den Atem an. Vor mir stand Elis, blass und nervös wie zuvor. Hinter mir sprach Elis aus dem Spiegel. Und beide warteten auf meine Antwort. Da verstand ich: Vielleicht war nicht das Spiegelkabinett verzaubert worden. Vielleicht war etwas durch die Spiegel hereingekommen. Ich hob meine Hand und begann, die Schutzrune aus der achten  Runenkunde-Prüfung zu zeichnen. Die Luft knisterte. Einer nach dem anderen begannen die Spiegel zu zittern. In ihren Oberflächen erschienen zwölf kleine Lichtpunkte. Elf davon leuchteten auf. Der zwölfte blieb dunkel. Ich wusste, dass ich den letzten Fehler noch nicht gefunden hatte. Und dann sah ich ihn. Nicht im Spiegel. Sondern in Elis’ Schatten. Er hatte Hörner. Als ich aufblickte, lächelte Elis. Zum ersten Mal wirkte ihr Lächeln nicht nervös, sondern unheimlich zufrieden.

„Sehr gut, kleine Hexe“, sagte er. „Du hast fast alles erkannt.“

Die Spiegel hinter ihr wurden schwarz.

„Aber kannst du auch erkennen, wer von uns beiden wirklich vor dir steht?“

Ich schloss die Augen und sprach die letzte Rune. Ein gleißender Lichtblitz erfüllte das Kabinett. Als ich wieder sehen konnte, war Elis verschwunden. Die Spiegel zeigten wieder den Raum, wie er tatsächlich war. Nur der letzte Spiegel blieb dunkel. Auf seiner Oberfläche erschienen langsam zwölf leuchtende Runen. Darunter stand eine letzte Botschaft:

„Die Wirklichkeit ist wieder frei. Doch nicht alles, was entkommt, kehrt dorthin zurück, woher es kam.“

Ich verließ das Spiegelkabinett mit klopfendem Herzen. Draußen war der Samhainmond hinter den Wolken verschwunden. Und als ich zu Hause meinen Hexenhut abnahm, fiel ein winziger Splitter aus seinem Saum. Er spiegelte mein Gesicht. Doch mein Spiegelbild hatte die Augen geschlossen. Ich war mir ganz sicher, dass meine eigenen noch geöffnet waren, oder nicht?