Gartenclub – Alraunen!
Der Himmel über dem Hexengarten war von Nebelschleiern durchzogen, als ich aus dem Turm trat. Die Luft roch nach feuchter Erde und Rosmarin, ein sicheres Zeichen, dass es wieder Zeit war für die jährliche Alraunen-Ernte. Ich zog meinen schwarzen Umhang enger um die Schultern, mein Amulett schimmerte schwach in der Morgendämmerung.
Ich spürte, wie die vier Elemente in meinem Inneren zu tanzen begannen. Es war ein belebendes Gefühl, das mich jedes Mal durchströmte, wenn ich bald Magie wirken würde.
“Amarin Marun Mira Mara Arun,” murmelte ich leise und legte mit Hilfe meines Amuletts eine Schutzschicht aus Windmagie um mich. Die Alraunen waren nicht nur laut, sie waren gefährlich.
Bevor ich mich dem Garten näherte, lief ich zum Schuppen der Kräuterkundigen. Dort standen allerlei nützliche Dinge. Unter anderem ganz normale Gartengeräte, aber auch Tinkturen, magisch konservierte Fliegenpilze und, für die heutige Mission ganz wichtig, Ohrenschützer.
Ich fand ein Paar, das mit Efeuranken verziert war, sehr hübsch. Ich setzte sie auf und sofort war es, als ob die Welt ein paar Dezibel leiser geworden wäre. Perfekt.
Im Alraunenbeet warteten schon unsere Klubvorsitzende Nyx. Ihr langes rosafarbenes Haar fiel wie flüssige Seide über ihren Rücken, sie war wahrlich eine elegante Erscheinung, wie eine Orchidee in voller Blüte. Sie war gekommen, um mir Rückendeckung zu geben, falls etwas schief lief.
“Bereit, Amber?” rief Nyx durch die Ohrenschützer. Ich konnte sie nicht verstehen, konnte mir aber denken, was sie gesagt hatte und nickte entschlossen.
Ich kniete mich nieder, grub meine Hände vorsichtig in die Erde um die erste Alraune. Ihre kleinen, knorrigen Finger klammerten sich an die Erde wie ein trotziges Kind an das letzte Bonbon. Ich nahm meinen Zauberstab zur Hand, das Amulett begann zu leuchten.
“Amarin Marun Mira Mara Arun”
Ein Windstoß ließ meine Haare aufwirbeln, Erde löste sich auf magische Weise, und die Alraune glitt aus dem Boden, kreischend, natürlich. Zum Glück dämpften die Ohrenschützer und der Windschild den Lärm auf ein erträgliches Maß.
Ich packte das zappelnde Pflänzchen, steckte sie in einen vorbereiteten Tontopf und deckte sie mit genug Erde wieder zu, kuschelig wie mit einer Decke. Sie schlief weiter. Eine geschafft, fehlten nur noch ein Dutzend andere, aber immerhin war ich nicht allein. Ich warf einen Blick über die Schulter, um nach Nyx zu sehen. Doch wo war sie? Panisch glitt mein Blick durch den Schulgarten. Da lag sie, ihre Ohrenschützer saßen wohl nicht richtig und ihre Alraune hatte sie ausgeknockt. Mist.
Ich sprang vor, riss meinen Zauberstab hoch und schrie erneut:
“Amarin Marun Mira Mara Arun!”
Ein Wasserstrahl schoss aus meiner Hand und traf die Alraune mitten ins Gesicht. Sie glitt zurück in die Erde, wo der Boden ihren Schrei erstickte. Nyx lag noch immer bewusstlos am Boden, ich eilte zu ihr. Blut lief ihr aus dem Ohr, übel. Schnell besorgte ich aus dem Beet zu unserer Rechten Recilakraut und zerdrückte es grob in der Hand und verreibe es hinter ihrem Ohr. Dann flüstere ich erneut meinen Zauberspruch, der meine Hand in heilendes Wasser hüllt. Ich lege die Hand an ihr Ohr und lasse meine Magie hineinfließen. Die Heilung gelingt und Nyx kommt langsam zu Bewusstsein.
“Alles okay?” fragte ich erleichtert. Sie nickte benommen.
Ich half ihr hoch. “Wer hätte gedacht, dass es dich erwischt und nicht mich.”
“Das kann den Besten passieren”, scherzte sie. “Gut, dass du da warst, danke.”
Bis zum Nachmittag hatten wir den Großteil der Alraunen sicher eingetopft. Ich roch nach Erde und sah auch entsprechend dreckig aus, denn einige der Alraunen waren recht…aktiv.
Ich war echt müde und kaputt, sicher würde ich nachher einfach ins Bett fallen.
Als ich zum Turm zurückging, pulsierte mein Amulett sanft am Hals. Das war stressig, aber auch erfüllend. Und nächstes Jahr? Nächstes Jahr würde ich vielleicht sogar die Ernteleitung übernehmen. Ehrgeiz ist schließlich auch eine Form von Magie.