10. Stunde Verteidigungsmagie
Der Wind zerrt an meinem Umhang, als ich auf meinem Besen durch die ersten Nebelbänke fliege. Der Himmel über dem Königreich ist verhangen, graue Wolken wie gespenstische Vorboten. Doch mein Herz schlägt ruhig und ich schaue fokussiert nach vorn. Unter mir gleiten Felder und Dörfer vorbei, bis die Landschaft rauer wird. Felsiger. Wilder.
Rødholt ist eine beeindruckende Stadt, umgeben von einer majestätischen Mauer, direkt am Fuße des höchsten Berges des Landes. Ich lande vorsichtig vor dem Tor der Stadt und warte brav darauf, hineingelassen zu werden. Marin setzt sich auf meine Schulter, ihr Blick wachsam.
Eine junge Frau mit eisblauem Haar schreitet auf uns zu, während sich das Tor wie durch Magie von selbst öffnet. “Du musst Amber sein.” Sie reicht mir ein in Leder eingeschlagenes Päckchen. Es ist schwerer, als ich erwartet habe. “Es handelt sich um einen Saphir aus der hiesigen Miene, zu wertvoll für die Eulenpost, bitte bring ihn nach Birkhafen.”
Eine verantwortungsvolle Aufgabe in Anbetracht des langen Weges. Ich schaue Marin an, sie sieht mich ernst an, wir nehmen unsere Aufgabe sehr ernst, immerhin sind die Gegenden, durch die wir reisen, alles andere als wegsam. Ein kurzer, stummer Austausch und dann schließe ich das Päckchen fest in meine Tasche. Ich atme kurz und entschlossen ein, dann schwinge ich mich erneut auf meinen treuen Besen.
Der Sternensee macht seinem Namen alle Ehre. Selbst tagsüber glitzert er wie ein Nachthimmel. Wir haben Rückenwind und genießen die feuchte Luft über der Wasseroberfläche. Marin breitet ihre Arme aus und fliegt ein Stück voraus und lässt tanzende Wasserfiguren erscheinen, funkelnde Wirbel, schwebende Tropfen, kleine Strudel. Plötzlich kräuselt sich das Wasser. Schatten. Zwei Wassergeister erheben sich, ihre Körper geformt aus schäumendem Nass.
Marin muss stark abbremsen, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen. Sie scheinen nicht erfreut zu sein darüber, dass wir den altehrwürdigen See zum Spielen benutzt haben. Ich lasse mein Amulett leuchten. Feuer trifft auf Wasser, der entstandene Dampf nimmt ihnen die Sicht. Marin ruft einen Traumnebel herbei, der sich mit einem zarten Rosa um die Geister legt, sie ablenkt und besänftigt.
“Amarin Marun Mira Mara Arun”
Mein Amulett leuchtet auf und ein starker Windstoß katapultiert Marin und mich schnell ans Ende des Sees. Unsanft landen wir am Ufer des Sees in einem Busch mit Dornen. Wir kämpfen uns aus dem Gestrüpp, einige Kratzer zieren mein Gesicht. Marin umkreist mich einmal und mustert mich besorgt, sie denkt wohl, es sei ihre Schuld gewesen.
“Mach dir nichts draus. Naturgeister sind sehr launisch und trauen Fremden nur selten.”
Marin scheint beruhigt zu sein, die Anspannung fällt von ihren Schultern ab und sie entspannt sich sichtlich. Den See lassen wir nun hinter uns, denn vor uns liegt die nächste Passage unserer Reise, der Falkenpass.
Der Himmel verfinstert sich. Kälte schneidet in meine Wangen und der Wind peitscht unbarmherzig. Wir landen am Rand des Passes, das Fliegen ist hier zu gefährlich.
Der Weg ist schmal, steinig und das Grollen eines nahenden Sturms lässt mich frösteln. Ein falscher Tritt und ich stürze. Marin leuchtet mit einem kleinen Lichtzauber voran. Ich nutze Erdmagie, um mir Trittfestigkeit zu geben und festige den Pfad unter meinen Stiefeln.
Doch hinter einer Biegung, ein Felssturz, der Weg ist blockiert. Ich knie mich nieder, lege die Hand auf den Boden.
“Amarin Marun Mira Mara Arun”
Steine beben, rollen zur Seite, ein Pfad öffnet sich. Wir schreiten voran. Marin flüstert einen Schutzzauber gegen die eisige Kälte.
Ich beiße die Zähne zusammen, während meine Finger taub vor Anstrengung werden, meine Magie kann ich kaum noch spüren. Marin berührt mein Handgelenk, lächelt verständnisvoll. Ihr Blick ist ruhig, fast mütterlich, obwohl sie selbst noch so jung ist. Meine Hand ruht auf meinem Amulett.
“Amarin Marun Mira Mara Arun”
Mit meiner schwach glühenden Feuermagie lasse ich ein begleitendes Irrlicht erscheinen. Eine Wärmequelle, die uns nicht verbrennen kann, aber in unserer Nähe schwebt und Wärme spendet. Wir raffen uns auf und kämpfen uns die nächsten Kilometer durch die eisige Kälte und die zerklüftete Landschaft. Wir sind bestimmt anderthalb Stunden unterwegs, als der Boden wieder ebener wird und wir uns langsam an den Abstieg machen können. Der Himmel reißt auf, Sonnenstrahlen durchbrechen das Grau. Vor unseren Augen, noch in einiger Ferne, erblicken wir die Umrisse von Birkhafen.
Den letzten Rest des Weges schwinge ich mich erschöpft auf meinen Besen und gleite mit Marin auf meiner Schulter hinunter ins Dorf. Ich betrete die kleine Gaststätte im Dorfzentrum und werde erwartet. Eine Frau mit leuchtend orangenen Augen und dunkelgrünem Haar nimmt das Päckchen entgegen. “Du hast es geschafft”, sagt sie, “und sogar schneller als erwartet. Wie war eure Reise?”
Marin und ich tauschen einen erschöpften Blick aus. Dann erzählen wir von den Wassergeistern und dem Bergpass. Sie hört aufmerksam zu und nippt an einem Holundertee. Meine Hände zittern noch leicht beim Erzählen, ein Zeichen dafür, dass die Anspannung langsam abfällt. Eleanor mustert mich einen Moment länger als nötig, sagt jedoch nichts. Als wir fertig erzählt haben, führt sie uns zu einem Zimmer im Gasthaus und eröffnet uns, dass wir hier die Nacht verbringen sollen, um uns von der Reise zu erholen. Wir bedanken uns höflich und als sie das Zimmer verlassen hat, lassen wir uns aufs Bett fallen. Wir schliefen in Kleidung und ohne Abendessen sofort ein. Morgen machen wir uns auf den Rückweg.