LUNASTRIA HEXENAKADEMIE

05. Stunde Zauberhafte Wesen

Als Professorin Elspeth mit ihren Raben das Klassenzimmer betrat, spürten wir alle sofort dieses Knistern der Erwartung in der Luft. Sie erklärte kurz die heutige Aufgabe und rief mich als Erstes zu sich nach vorn. Ich platzierte mich direkt vor dem Spiegel und atmete einmal tief ein, um mich zu sammeln. Die Raben saßen reglos auf den Stangen, doch ihre Köpfe drehten sich synchron, als der Spiegel vor mir zu schimmern begann.

Das Spiegelglas vor mir verschwamm, wirbelte umher und zog mich mit einem magischen Sog in seinen Korpus.

Plötzlich stand ich auf einer felsigen Anhöhe – allein. Gras beugte sich im Wind, der Himmel war hell, aber unruhig. Wolken rasten über mir vorbei. Ein tiefes Knurren riss mich aus meinen Beobachtungen und ich wandte mich sofort dem beunruhigenden Geräusch zu.

Zwischen zwei Felsen erhob sich ein Sturmdrache und blickte mich aus seinen leuchtend grünblauen Augen an. Eine kurze Analyse von Körperbau und Schuppendichte verriet mir, dass er noch sehr jung sein musste, auch die Hörner waren noch nicht weit entwickelt. Ich wandte den Blick nicht ab, Drachen witterten Angst und ein standhaftes, entschlossenes Auftreten imponierte ihnen. Eine Weile blieben wir so stehen und starrten uns an. Dann verdunkelte sich der Himmel und es begann zu regnen, erst leicht, dann immer stärker. Der Drache bäumte sich auf und schlug mit den Flügeln, erschuf einen kontinuierlichen Windstrom, der mir das Haar zerzauste und den Rock meiner Uniform umher wirbelte. Doch mehr passierte nicht, er kam nicht auf mich zu und er griff auch nicht an.

War das eine Art Begrüßung? Ein Ritual unter Drachen? Ein Test?

Kein Problem, Wind und Wasser kann ich auch.

Langsam und weiterhin mit Blick in seine schimmernden Augen griff ich nach meinem Hexenkristall und hielt ihn vor meine Brust.

“Amarin Marun Mira Mara Arun”

Auf dem Boden zu meinen Füßen erschien ein leuchtend weißer Kreis, aus dem keine Sekunde später eine kontrollierte Windhose erschien, die sich um meinen Körper herum aufbaute und immer größer wurde. Ich streckte meine Hände aus und erweiterte ihren Radius, ließ sie ein wenig tänzeln, spielte mit dem Element der Luft. Ich blickte immer wieder zum jungen Drachen, der dem Zauberspiel interessiert zusah. Dann machte ich eine abrupte Handbewegung und ließ den Wind einfach verschwinden. Ich grinste ihn an.

Er schaute mich regelrecht verdutzt an, wenn man das von einem Drachen behaupten konnte, doch er schien die unausgesprochene Herausforderung anzunehmen. Seine Schuppen stellten sich auf und ein Schimmern durchfuhr seinen gesamten Körper, als er seine dracheneigene Magie einsetzte. Der Regen, der uns umgab, formte sich zu kleinen Spiralen, die nun in wilden Formen um uns herum wirbelten und ein wunderbar, magisches Schauspiel darboten.

“Du kleiner Angeber”, dachte ich und mein Grinsen wurde breiter. Entschlossen griff ich mein Amulett und wirkte erneut meine Äthermagie. Erst passierte nichts und der Drache blickte hochmütig auf mich herab, doch mit einem zauberhaften Klirren verwandelten sich plötzlich all seine Wasserspiralen zu Eis. Umgeben von wunderschön funkelnden Eisspiralen gab der junge Drache sich nun geschlagen. Er senkte ehrfürchtig sein Haupt, blickte mich noch einmal an, erhob sich in die Luft und ließ mich auf dem Hügel zurück. Der Himmel klarte auf, doch das war nicht von Bedeutung, denn Sekunden später verschwamm meine Sicht und ich wurde ins Klassenzimmer zurück teleportiert.

Professorin Elspeth sah mich mit strenger Miene an, was mich wunderte, denn es war ja nichts passiert.

“Miss Rose, können Sie mir sagen, was Sie falsch gemacht haben?”, fragte sie ruhig und trat näher an mich heran.

Ich schluckte, dann schüttelte ich den Kopf. Sie wandte sich der Klasse zu.

“Obwohl die Annäherung und das Ritual zur Rangeinordnung unter Drachen tadellos vollführt wurde, war die Einschätzung der Situation nicht ausreichend. In diesem speziellen Fall hat es zwar funktioniert, doch war die Sondierung der Lage stümperhaft und überstürzt.”

Sie wandte sich wieder mir zu. Ihr Blick wurde weicher.

“Nichtsdestotrotz war die Durchführung beispiellos und Sie haben dem Drachen entschlossen die Stirn geboten, ohne zu zögern oder Furcht zu zeigen. Das kann wahrlich nicht jede Hexe. Bestanden.”

Ich lächelte erleichtert.

“Sie können nun gehen.”

Im Gehen stupste Flaimi mir in die Seite.

“Da hast du ja mal wieder eine Show abgeliefert”, scherzte sie. Ich grinste verlegen.

“Das war keine Absicht”, entgegnete ich. “Irgendwie…waren wir einfach auf einer Wellenlänge.”

“Ob das mit deiner Drachenabstammung zu tun hat?”

“Möglicherweise? Es wäre ein naheliegender Grund für die schnelle Verbundenheit.”

“Das ist ja quasi Schummeln”, grinste sie wieder.

Beleidigt zog ich einen Schmollmund.

“Musst du gerade sagen, wir haben immerhin die gleiche Abstammung.”

“Ich bin aber nicht so impulsiv wie du.”

“Das nennt man leidenschaftlich!”

Wir lachten beide und gingen zusammen in den Gemeinschaftssaal. Dort setzten wir uns in unsere Lieblingssessel und lasen ein Buch vor dem Kamin.