Frühlingserwachen
Der von sanftem Abendlicht durchflutete Hain, wo sich die ersten Knospen unter dem Flüstern des Frühlings öffnen, erstreckt sich vor Amber und Legy. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Zwischen schimmernden Blüten und leuchtendem Moos bereitet die Gemeinschaft der Fae das Fest des Erwachens vor, ein uraltes Ritual, das nicht den Häschenmond selbst ehrt, sondern die Rückkehr des Lebens in all seinen Formen.
Am Rande des Treibens stehen Amber und Legy staunend. Sie zögern für einen Moment.
“Also…das ist schon eine Nummer größer als gedacht,” murmelt Legy und rückt ihre runde Brille zurecht. Ihr Blick wandert über die tanzenden Lichter und die eleganten Wesen, die sich mit spielerischer Leichtigkeit durch die Vorbereitungen bewegen. “Meinst du, wir sind hier überhaupt eine Hilfe?”
Amber verschränkt kurz die Arme, ihre zwei Dutts wippen leicht bei der Bewegung. “Ich denke, es geht gar nicht so sehr um unseren Beitrag,” murmelt sie nachdenklich und schaut Legy in die Augen. “Die Professoren haben uns diese Gelegenheit verschafft, um die Kultur kennenzulernen und unseren Horizont als Hexe zu erweitern.” Legy knufft ihr spielerisch in die Seite und grinst. “Hey, jetzt klingst du fast wie Professorin Elvina, ein bisschen Spaß dürfen wir sicher auch haben.” Amber nickt lächelnd.
Die beiden werfen sich ins Getümmel und schlängeln sich durch eilende Fae hindurch. Ihr Blick fällt auf die Frühlings-Quelle, deren Wasser im Abendlicht rosa schimmert wie Kirschblütensaft. Eine junge Fae mit langem, lavendelfarbenen Haar kommt freundlich lächelnd auf uns zu.
“Ihr seid die Hexenschülerinnen von der Lunastria Akademie, nicht wahr? Mein Name ist Nelu, ich bin für euch zuständig.”
“Ja, das sind wir”, sagte Amber und Legy nickt eifrig neben ihr.
“Wundervoll, wir freuen uns immer über helfende Hände aus der Hexenschule. Eure Aufgabe wird es sein die Krüge für die Zeremonie mit dem Wasser aus dem ewigen Frühlingsquell zu füllen.”
Legy atmet tief ein, als würde sie Mut sammeln.
“Ihr seid Ätherhexen oder? Das sollte kein Problem für euch sein, keine Angst.”
Amber nickt zuversichtlich und schnappt sich Legys Hand.
“Das schaffen wir, komm, lass uns gleich loslegen.”
Amber kniet nahe der flachen Quelle, deren Wasser wie flüssige Kirschblüten schimmert. Zunächst zögert sie, streckt vorsichtig die Hand aus. “Was für ein unfassbar klares, schönes Wasser…,“ murmelt sie leise zu sich selbst. Ihr Amulett beginnt sanft zu glühen und als sie sich konzentriert, hebt sich das Wasser in feinen, schwebenden Strömen aus der Quelle.
“Oh, das sieht gut aus!“ ruft Legy von der Seite, während sie die fein gearbeiteten Krüge vorbereitete. Fast schon tänzelnd, mit ihrem Zauberstab locker in der Hand, lässt Legy mehrere der Fae Krüge durch die Luft schweben und mit einer Handbewegung landen sie sanft und akkurat aufgereiht neben dem Gewässer.
“Wenn du weiter so tänzelst, geht noch was zu Bruch”, scherzt Amber und streckt ihr fast kindisch die Zunge raus.
“Ich tanze nicht, schon mal was von Effizienz gehört?“ verteidigt sich Legy lachend und macht dabei eine kleine Pirouette.
Die Zeit vergeht, ohne dass sie es richtig bemerken und die Abendsonne hat sich vollends verabschiedet. Der Hain wird nun von leuchtenden Pilzen, handgefertigten Blumenlaternen und vielen funkelnden Glühwürmchen erhellt.
Amber lenkt die letzten Wasserströme in ein kunstvoll verziertes Gefäß. Legy hatte währenddessen bereits die fertigen Krüge für die Vorführung zum Festplatz schweben lassen.
Nelu kehrt zurück und die beiden wollen gerade gehen. “Ähm, wo wollt ihr beide denn hin?” Legy und Amber schauen erst sich und dann Nelu ganz verdutzt an, dann ergreift Legy das Wort.
“Die Arbeit ist erledigt, wir dachten, wir ziehen uns zurück, bevor es losgeht.”
Nelu lacht und wedelt mahnend mit dem Finger. “Wir Fae sind doch keine Exklusiv-Gesellschaft, jeder kann teilnehmen und vor allem nach eurer tatkräftigen Hilfe wäre es eine Beleidigung, sich das Ergebnis nicht anzuschauen. Kommt mit.”
Sie führt die beiden in ein großes Stoffzelt, in dem jede Menge fließender Stoffgewänder hängen. “Allerdings…”, fährt sie fort. “…müsst ihr euch angemessen kleiden.”
Sofort kommt eine rundliche Frau mit einer Schürze, in der mehrere Maßbänder stecken, angedüst und beäugt die beiden akribisch von oben bis unten.
“Wer seid ihr denn, wieso seid ihr noch nicht gekleidet? Was für eine interessante Augenfarbe und deine Haare sind ja der Wahnsinn”, murmelt sie, während sie um die beiden herum wirbelt, mehrere Stoffe in verschiedenen Farben neben die beiden erstarrten Hexenschülerinnen hält.
Kurze Zeit später verlassen Amber und Legy das Zelt, gehüllt in zwei wundervolle Fae Gewänder in den Farben ihrer Augen. Nelu hat sich währenddessen den Spaß erlaubt, ihre Haare zu frisieren, sie haben nun beide kunstvoll gesteckte Locken, in die einige Blüten eingeflochten sind.
Legy streicht über den Stoff ihres Ärmels. “Okay, das ist offiziell das schönste, was ich je getragen habe.” Amber mustert ihr eigenes Gewand, wirbelt kurz im Kreis. “So fühlt man sich selbst ein bisschen wie eine Fae.”
Amber und Legy stehen nun nebeneinander, gekleidet in traditionellen Fae Kleidern, ein wenig verdutzt darüber, was gerade geschehen ist. Doch ihre Arbeit war getan und sie konnten sich nun nach Herzenslust über das Fest bewegen und genau das taten sie.
Überall entstehen kleine Wunder. Ranken winden sich zu Bögen, die Fae stimmen leise Melodien an, die durch den Hain hallen wie ein ferner Traum. Für einen Moment sagen beide nichts.
Dann lächelt Amber leise. „Weißt du noch, wie alles anfing?“ Legy lässt den Blick durch den leuchtenden Hain schweifen. “Ja, ich kam ein Jahr nach dir zur Akademie und war komplett hinterher.“
“Aber du hast unglaublich schnell aufgeholt und bald können wir sogar schon unsere Lehrstelle antreten.” Ein kleines, ehrliches Lächeln huscht über Legys Gesicht. “Ich freu mich schon so sehr auf das, was noch kommt.”
Ein sanfter Wind erhebt sich, lässt ihre Gewänder tanzen und trägt Blütenblätter durch die Luft. Die Stimmen der Fae verweben sich mit dem Rascheln der Zweige und dem leisen Rauschen der Quelle.
Legy stößt Amber leicht mit der Schulter an. “Gleiche Zeit nächstes Jahr?”
Amber nickt kaum merklich und lächelt. Sie nehmen sich an den Händen und schauen sich entschlossen in die Augen. Und obwohl sie keine Fae sind, stehen sie dort. Hand in Hand, umgeben von leuchtenden Frühlingsblumen, dem Beginn eines neuen, aufregenden Schuljahres entgegenfiebernd.
















