LUNASTRIA HEXENAKADEMIE

  • Sommerzeit
    10 August, 2025||
18 August, 2025| Amber, LegY|

Die Korallenblüte von Aquaria

Man sagt, Aquaria sei im August schöner als jeder Traum. Und heute würden meine Mitschülerin LegY und ich herausfinden, ob das stimmt. Im Königreich des Meervolkes findet nämlich aktuell das Fest der Korallenblüte statt, das den Ozean in ein funkelndes Lichtermeer verwandelt. Wir hatten uns bereits einen Plan zurechtgelegt, denn obwohl Miyu und ihre Freundinnen die Portale in das Königreich repariert und geöffnet hatten, wollten LegY und ich einen etwas ausgefalleneren Weg wählen – wir nutzen unseren Zauberkreisel um uns beide in Meerjungfrauen zu verwandeln!

Für dieses Vorhaben und natürlich, um den Weg dorthin auf klassische Weise – durch das Meer – zu bestreiten, reisten LegY und ich nach Bresea an den Strand. Warme Sandkörner klebten an meinen Knien, während ich die letzten Runen in den Sand zog. LegY saß neben mir, der Wind wehte durch ihre wilden Locken und sie summte leise eine Melodie, als würde sie schon die Feier im Kopf vertonen.
“Amber”, sagte sie, ohne aufzusehen, “du drückst den Stab zu fest in den Sand. Wenn du ihn zerbrichst, sind wir beide keine Meerjungfrauen, sondern zwei Hexen mit kaputtem Zauberstab.”

Ich hob den Blick, merkte, wie verkrampft meine Finger waren und lockerte sie sofort. “Du hast Recht, tut mir leid, ich bin nur so aufgeregt“, sagte ich peinlich berührt. Meerjungfrauen waren selbst unter den magischen Wesen DIE magischen Wesen, jedenfalls war das meine Meinung, seit ich ein kleiner Knirps war. Ich fand sie immer schon wahnsinnig schön und anmutig und mich selbst in eine zu verwandeln, ist seit jeher ein Traum gewesen. Doch mit dem Zauberkreisel im Zeichen des Wassers sollten wir es hinbekommen, uns längere Zeit verwandeln zu können.

Unsere Elfen Marin und LeLe spielten derweil im Sand, ausgelassen wie Kinder. Sie würden uns begleiten, Marin hatte bereits ein paar Wasserzauber geübt. Sie würden sich nicht verwandeln, sondern in kleinen Luftkugeln an unserer Seite durch das Wasser gleiten.

Als wir in die Mitte des Kreises traten, begann die Magie bereits zu pulsieren. Wir hatten den Zauberkreisel gerade erst bei LegYs Prüfung angewandt, dieses Mal würden wir uns hauptsächlich auf das Element Wasser konzentrieren, um den Zauber noch präziser zu wirken. Der Zauberspruch floss gleichzeitig von unseren Lippen:

“Amarin Marun – Zeit der Wunder”

“Lumina Lumora Lunara – Zeit des Leuchtens”

Es war wie ein warmer Schock, der durch meine Adern floss. Meine Beine zogen sich zusammen, wurden von leuchtendem Wasser überzogen, Schuppen blitzten im Licht. Die Luft wich einem Gefühl von Wasser, das mich trug, mich beweglicher machte als je zuvor. Wassersäulen und Schaum umgaben uns, verwandeln uns und tragen uns aufs Meer hinaus.

LegY tauchte ins Meer, ihre Flosse in einem wilden Muster aus Grün und Gold. Sie sah mich an, grinste und schwamm los, als wollte sie sich ein Wettrennen mit mir liefern. Ich folgte ihr, nicht weniger begeistert. Meine Flosse schimmerte Korallenrot und ich konnte noch nicht glauben, dass ich tatsächlich unter Wasser atmen und schwimmen konnte, noch dazu in dieser eleganten Gestalt, von der ich als Kind immer geträumt hatte. Eifrig schwamm ich hinter LegY her und unsere Elfen folgten uns in ihren Luftblasen.

Das Meer war kein einfaches Blau, es war wie ein Buntglasfenster, in dem sich das Sonnenlicht brach. Die Korallenblüte hatte begonnen und Millionen winziger, phosphoreszierender Partikel schwebten durch das Wasser wie Sternenstaub, der nicht den Himmel, sondern die Tiefe erleuchtete. Die Strömungen führten die Farben wie schimmernde Seidenbänder umeinander und selbst der Sand am Boden glitzerte wie mit Kristallen bestäubt.

Doch so schön es war, wir waren nicht nur zum Vergnügen hier. Die Schneiderin der Meereskönigin hatte sich an die Akademie gewandt. Der Perlenkranz der Königin war verschwunden. Ein Schmuckstück mit langer Tradition, der nicht nur schön anzusehen war, sondern das Symbol ihrer Herrschaft über Strömungen und Gezeiten. Ein verspielter Delfin hat in einem unaufmerksamen Moment den Haarschmuck stibitzt und war nun über alle Berge. Wir mussten irgendwie seine Spur aufnehmen, doch wo anfangen?

Korallen wuchsen wie Wälder aus bunten, fluoreszierenden Bäumen, durchzogen von Fischschwärmen, die in perfekter Formation hin und her glitten. Zwischen den Riffen tanzten Seesterne, Muscheln öffneten und schlossen sich wie schläfrige Augen.

Marin war, seit sie erwachsen geworden war, ein wenig ernster, spielte gern die große Schwester, es war fast ein wenig süß. Immer ein Auge auf die kleine LeLe, schwebte sie neben ihr her. LeLe dagegen wirbelte lachend durch die Korallen, zog Funkenbahnen hinter sich her, die sich wie kleine Wasserblumen öffneten. Wir schauten unsere Elfen an, dann sahen wir uns an und lachten kurz herzlich. Diese süße, kindliche Unbeschwertheit im Kontrast zu Marins neu gewonnener Ernsthaftigkeit war zu köstlich.

Doch zurück zu unserer Mission. Ich hob meinen Kristall und sprach:

“Amarin Marun Mira Mara Arun – Geist des Wassers, führe uns!”

Ein kleiner Wassergeist in Form einer funkelnden, magischen Qualle erschien vor unseren Augen. Sie drehte sich einmal kurz, als ob sie kurz ihren Standort bestimmen musste und flitzte dann mit einer Geschwindigkeit los, die man einer Qualle nicht zutrauen würde. Wir schwammen so schnell es ging hinterher, passierten viele unterschiedlich farbige Korallenriffe und versteckte Höhleneingänge. Es wurde zunehmend dunkler und an einem Spalt hielt die Qualle an und löste sich in Luft auf. Kurz tauschten wir einen Blick aus, ließen kleine Lichter erscheinen, die uns den Weg erhellten und schwammen ins Dunkel.

Wir fanden den Delfin ein paar Meter tief in der Schlucht, er zappelte hilflos vor sich hin. Eine alte, großgewachsene Schlingalge hatte ihn erwischt und drückte ihr Muster in seine Haut, versuchte langsam, sie aufzulösen und ihn dann zu verspeisen. Sein Blick und seine Hilflosigkeit trafen uns bis ins Mark. Diese Mischung aus Angst und Hoffnung, dass wir ihn befreien würden. Und das würden wir auch. Ohne zu zögern hob LegY ihren Stab.

“Lumos”

Ein präzise platzierter Feuerball traf die Alge an der Wurzel, sie zuckte zusammen und ihr Griff löste sich. Der Delfin nutzte den Moment und schwamm an uns vorbei nach oben. Er war frei, doch die Alge war nicht erfreut. Immerhin hatten wir sie ihrer Mahlzeit beraubt und jetzt hatte sie es auf uns abgesehen. Ihre Schlingen schossen auf uns zu wie Tentakel, wendig wichen wir ihnen aus.

“Amarin Marun Mira Mara Arun”

Spitze Felsen, ähnlich wie Stalaktiten, stießen aus der Wand hervor, formten einen Schutzwall und versperrten der Alge den Weg. Diesen Moment nutzten wir, um uns selbst nun auch in Sicherheit zu bringen und aus der Schlucht zu schwimmen. Oben angekommen, wieder im Licht der Korallenblüte, erblickten wir den Delfin. Statt wegzuschwimmen, drehte er sich im Kreis, stieß ein fröhliches Schnattern aus und stupste uns beide einmal an.

“Ich denke er mag uns”, gluckste LegY und ich nickte nur lächelnd.

Er bedeutete uns, ihm zu folgen. Er führte uns durch endlose Tunnel aus schillerndem Korallengestein, bis wir in einer verborgenen Lagune ankamen. Das Wasser war hier so klar, dass selbst unsere Schatten auf dem Sandboden gestochen scharf wirkten. Zwischen zwei gewaltigen Muscheln lag der Perlenkranz, jede Perle leuchtete, als hätte sie eine eigene Sonne in sich.

Ich streckte die Hand aus und das Licht verschwand. Ein Schatten über uns verdunkelte alles. Wir sahen hinauf, eine Seeschlange stieg auf, ihr Körper lang und geschmeidig wie ein endloses Band, Schuppen wie flüssige Edelsteine. Sie griff nicht an, doch sie beobachtete uns ausfmerksam mit ihren spitzen Augen. Ich fühlte den Druck ihrer Präsenz in meinem Brustkorb, als würde sie mein Herz im Blick behalten.

“Sie denkt, wir sind Diebe”, sagte LegY leise.

“Wie zeigen wir ihr, dass wir in friedlicher Mission kommen?”, flüstere ich zurück.

LegY hob ihr Amulett, rief eine Strömung, die warm und sanft um den Körper der Seeschlange floss. Die Schlange blinzelte, entspannte sich und verschwand in der Tiefe, ohne uns zu verletzen.

Verdutzt sah ich LegY an. “Das war erstaunlich, du hast wohl ein Händchen für Tierwesen.”

Sie grinste nur breit. Der Delfin nahm den Kranz vorsichtig ins Maul, schwamm neben uns zurück in die hellen Gewässer von Aquaria. Über uns explodierten die Farben der Korallenblüte wie ein nie endendes Feuerwerk. Als wir Marisa den Kranz übergaben, lächelte sie.

“Vielen Dank, junge Hexen. Es war eine gute Entscheidung, uns an die Schule zu wenden.” Sie rückte ihre kleine Brille zurecht. “Als Dank für eure Hilfe, wollen wir euch prächtige Gewänder schenken und euch zu unserem Fest einladen.”

Ich stieß LegY sanft mit dem Ellbogen an. “Hast du gehört? Wir bekommen super coole Meerjungfrauen Klamotten”, flüsterte ich begeistert. Sie kicherte und korrigierte: “Gewänder!”

Marin verschränkte die Arme in ihrer Luftkugel. “Ich kam gar nicht dazu zu zaubern”, schmollte sie. LeLe flog zu ihr rüber, streichelte ihr den Kopf und wir mussten lachen.

Am Abend schon bekamen wir unsere Gewänder und besuchten das Fest. Es unterschied sich gar nicht so sehr von unseren Festen an Land. Es war etwas merkwürdig Meeressnacks unter Wasser zu essen, aber im Grunde war es ein buntes, lebhaftes Sommerfest wie an der Oberfläche auch.

Wir saßen etwas abseits und sahen uns beiläufig das Bühnenprogramm an, während wir ein paar Algensnacks aßen.

“Du LegY”

“Mhh?”

“Ich bin sehr froh, dass wir dieses Abenteuer zusammen erlebt haben. Du hast etwas später angefangen und wir haben kaum Unterricht zusammen, da dachte ich, wir würden nie dazu kommen. Ich hatte viel Spaß und bin total glücklich, dass wir das zusammen gemacht haben.”

Peinlich berührt sah ich zur Seite. LegY schlug mir spielerisch auf die Schulter.

“Man Amber, jetzt sei doch nicht so sentimental. Als ob wir nicht noch ganz viele Abenteuer zusammen erleben werden. Unsere Ausbildung ist noch lang und ich hab dich bald eingeholt,” grinste sie triumphierend.

Sie hatte Recht, wir hatten alle Zeit der Welt und unsere Abenteuer würden immer gewaltiger werden. Und wir freuten uns darauf.