Lunastria
Hexenakademie
14.06 – 12.07.2026
- Astrolabium Zodiac
Prompt Juni 2026
29.06.2026 um 15:45 Uhr
Die Mittsommernacht – Aufzeichnungen einer Händlerin
Das Lodern des fernen Mitternacht-Feuers spiegelte sich als unruhiges Orange auf der Oberfläche des dunklen Wassers. Für die Landbewohner von Helvik war die Mittsommernacht ein Grund zum Lachen, Tanzen und Lärmen. Für mich war sie schlicht eine lukrative Gelegenheit, Geld zu verdienen.
Ich strich über den rauen Holztisch meines kleinen Standes, den ich ganz am Rand des Festplatzes aufgebaut hatte. Hier, wo das Gras in den feuchten Sand des Ufers überging, war es schattig und kühl. Genau richtig für mich. Das bunte Treiben der lärmenden Menschen passierte weit genug weg, um meine Ruhe nicht zu stören. Die Menschen nannten mich rätselhaft, nannten mich scheu. Sollen sie ruhig. Solange sie dachten, ich sei eine unnahbare Merfolk-Hexe, stellten sie keine lästigen Fragen. Sie hielten respektvoll Abstand…bis sie sahen, was ich anbot.
Auf samtenen Tüchern lagen sie aus: Mondschein-Perlen, die im Dunkeln von innen heraus leuchteten, und Muscheln in allen möglichen Formen und Farben, in denen man das Flüstern des Ozeans hören konnte, wenn man sie ans Ohr hielt. Für viele der eitlen Hexen der Akademie waren es begehrte Statussymbole oder seltene Zutaten für ihre Tränke. Für mich waren es Fundstücke aus den Tiefen, die mich keinen Cent gekostet hatten.
Das Gold in meinem Samtbeutel wurde mit jeder Stunde schwerer, während das bunte Volk von Helvik an meinem abgelegenen Stand vorbeizog. Wenn man die Landbewohner lange genug aus dem Schatten heraus beobachtete, wirkten sie fast wie eine eigene, kuriose Tierart. Sie waren ein absurdes Spektakel, genau wie deren legendäre Großereignisse, von denen man in alten Büchern las – laut, chaotisch und völlig überdreht.
Zuerst stolperte eine Gruppe junger Hexen der Akademie an meinen Tisch. Sie hatten sich extrem schick angezogen, alle drei trugen perfekt abgestimmte, mädchenhafte Outfits im Mittsommer-Stil, die sichtlich teuer waren. Ihre Gewänder bestanden aus feinster Seide in den Farben von Blumen – sanftes Lavendel, blasses Kornblumenblau und ein zartes Rosé –, bestickt mit echten Silberfäden, die im fahlen Licht schimmerten. An ihren Gürteln hingen kleine Samttaschen mit eingewebten Sternenmustern, und in ihren kunstvoll hochgesteckten Frisuren steckten funkelnde Mondstein-Spangen. Sogar an ihren Fingern blitzten kostbare Ringe mit geschliffenen Diamanten.
Sie kicherten ununterbrochen und stießen sich gegenseitig an.„Ich hätte gerne… oh mein Gott, seht mal, wie die leuchtet!“, quietschte eine von ihnen. „Ich hätte gerne diese Mondschein-Perle da!“
Sie wandte sich aufgeregt an ihre Begleiterinnen. „Passt die zu meinem Mittsommer-Kleid?“
„Ja, absolut!“, riefen ihre Freundinnen wie aus einem Mund im Kollektiv. „Die unterstreicht die Farbe deines Kleides perfekt!“, fügte eine eifrig hinzu.
Ganz aufgeregt rief die Käuferin: „Dann nehm ich die!“
Ich reagierte mit der kühlen Gelassenheit. Mit professionellen, flinken Handgriffen griff ich nach einem winzigen, nachtblauen Beutel. Ich legte die Perle hinein und nannte ihr den Preis. Er war hoch, aber meiner Meinung nach absolut angemessen hoch, da man diese Perlen nur unter ganz bestimmten, seltenen Umständen in den tiefsten Unterwasserhöhlen bei Neumond findet.
Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, warf sie mir die Goldmünzen hin. Das überraschte mich kaum. Wer so viel Luxus ausführte, feilschte nicht am Strand.
Kurz darauf tauchte der Albtraum eines jeden Verkäufers auf: Ein älterer, unglaublich wichtigtuerischer Zauberer mit einem pelzbesetzten Umhang, der für die laue Sommernacht viel zu warm wirkte. Er trug eine eckige Brille, die seine Augen riesig erscheinen ließ, und hielt eine mickrige Lupe in der Hand.
„Ich hätte gerne eine genaue Expertise zu dieser magischen Tiefsee-Muschel“, schnarrte er und tippte mit einem langen, ungepflegten Fingernagel auf das zarte Gehäuse. „Handelt es sich dabei um echte ozeanische Resonanz-Magie oder bloß um einen billigen Illusionszauber aus dem seichten Gewässer? Ich kenne mich aus, wissen Sie? Ich habe in Oxenfurt studiert!“
Ich lehnte mich langsam vor, sodass das spärliche Licht meine leicht schuppigen Wangenknochen traf. Ich zischte ein leises, meeresgrollendes Geräusch, das ich von den Tiefsee-Ungeheuern gelernt hatte – ein Ton, der Mark und Bein erschütterte. Der Zauberer zuckte heftig zusammen, steckte seine Lupe weg und ging hastig weiter, ohne noch ein einziges Wort zu sagen. Manche Kunden bezahlten eben nicht mit Gold, sondern mit ihrer Flucht.
Glücklicherweise gab es auch die angenehmen Ausnahmen. Ein riesiger, bärtiger Marulin, gekleidet in ein einfaches Hemd aus grobem Leinen, trat an den Stand. Er war Händler, arbeitete heute auf dem Fest und wünschte sich ein kleines Andenken für seine Familie, die weit weg in den Bergen wohnte.
Ich spürte seine ehrliche Absicht und bot ihm ruhig mehrere Optionen an. Er wog die Stücke vorsichtig in seinen großen, schwieligen Händen und entschied sich am Ende für eine relativ unauffällige und dennoch sehr hübsche grüne Wellhorn-Muschel.
So verging der Abend. Als die Feuer langsam herunterbrannten und die ersten Gäste müde wurden, zählte ich meine Einnahmen. Es hatte sich mehr als gelohnt. Ich hatte heute Nacht genug verdient, um mir endlich das sündhaft teure Zauberbuch über Gezeitenmagie vom berühmten Merfolk-Gelehrten, Professor Thalassius Vane zu kaufen, das ich schon so lange im Auge hatte.
Ich war müde, und meine Glieder sehnten sich nach dem kühlen Wasser, aber ich war vollkommen zufrieden.













