Professorin Estrella betritt schwungvoll den Klassenraum, gerade als Iris sich noch ein wenig ausruhen wollte. In der letzten Nacht war es so warm gewesen, dass sie kaum hatte schlafen können – wirklich ein Punkt im Sommer, der durchaus ausbaufähig ist! Doch ausgerechnet heute ist eine der letzten Stunden vor der wichtigsten Prüfung in Hexerei und Magie. Seufzend richtet Iris sich auf, schlägt pflichtbewusst ihr Notizbüchlein aus – nachdem Elisa ihr einen strengen Blick zugeworfen hat – und legt ihren Stift bereit. „Ich werde aufpassen, versprochen“, wispert sie Elisa beruhigend zu und sie nickt mit einem Lächeln. „Ich habe nichts anderes erwartet“, sagte sie leise und setzt sich auf Iris Schulter.
„Guten Morgen, liebe Schüler*innen“, beginnt Professorin Estrella und blickt ernst in die Runde. „Langsam rückt der Tag, an dem ihr euren eigenen Hexenkristall beschwören sollt, immer näher. Deswegen bereiten wir uns nun besonders sorgsam auf diesen Tag vor. Heute geht es um einen anspruchsvollen Zauber. Ihr werdet einen Gegenstand herbeizaubern – und dann verzaubern. Den Gegenstand an sich könnt ihr frei wählen. Es sollte aber ein Gegenstand mit einer Bedeutung sein, der eine Verbindung zu euch, eurer Magie oder sogar zu eurer Spezialisierung hat. Sucht euch euren Gegenstand sorgsam aus – Vorbereitung ist schon die halbe Arbeit.“
Nach der Einleitung beginnt Iris, verschiedene Ideen in ihr Büchlein zu schreiben. Etwas, was eine Bedeutung für sie hat und wichtig ist. Aber es sollte ein Gegenstand sein. „Wichtig ist meine Familie, Elisa, meine Freunde – vielleicht etwas, was ihnen Freude bereitet? Aber diese Gegenstände hätten dann eher einen Bezug zu ihnen, als zu mir … hm“, überlegt Iris im Flüsterton, um Elisa ihre Gedanken mitzuteilen. „Wenn ich an dich denke, denke ich zuerst an Blumen. Immerhin hast du auch eine Blütenspezialisierung“, sagt Elisa sanft, ohne ihr eine Idee aufzudrängen. „Stimmt, ich denke mein Ziel einmal eine große Blumenhexe zu werden, ist doch schon ein großer Teil von mir“, sagt Iris mit einem Lächeln und kritzelt drauf los.
Bald zieren Blumentöpfe, Gießkannen, Schaufeln und Handschuhe ihre Seite im Notizbuch. Neben den Gegenständen stehen kleine Notizen, wie: stichfest, wird nie leer, zerbricht nie, wächst mit der Pflanze, …
Lauter kleine Ideen schwirren durch Iris Kopf, bis sie schließlich schwungvoll die Gießkanne einkringelt. „Ich werde eine Gießkanne herzaubern“, sagt sie voller Freude und blickt Elisa an. Sie liebt die Pflege von Blumen und Pflanzen, aber das Wasser holen ist ihr schon immer lästig gewesen. „Das Herzaubern dürfte ohne Probleme klappen, das haben wir ja nun schon öfter geübt, aber beim Verzaubern brauche ich wahrscheinlich deine Hilfe.“ Elisa nickt und sagt: „Wir schaffen das zusammen!“
Nachdem verschiedene Varianten der Zaubersprüche notiert worden sind und Iris und Elisa sich für einen entschieden haben, beginnt sie mit dem Herbeizaubern des Gegenstands. „Gießkanne, erscheine! La Le Lillium!“, sagt sie laut und lässt ihre Magie durch sich strömen. Das Schwingen des Zauberstabs fühlt sich vertraut an und kurz darauf steht eine kleine, blaue Gießkanne vor ihr. Sie ist genau so, wie Iris sie sich vorgestellt hat – niedlich, aus Metall und mit einem weißen blumenförmigen Aufsatz zum Gießen. „Das hat geklappt. Nun kommt der schwierige Teil“, sagt Iris nervös und blättert in ihrem Notizbuch. „So – wir möchten, dass der Gießkanne nie das Wasser ausgeht. Das heißt wir müssen eine Wasserquelle in die Gießkanne zaubern, aber ohne, dass die Gießkanne überläuft oder zu schwer wird. Elisa nickt aufmerksam. „Ich werde die Wasserquelle zaubern, und du bringst gleichzeitig den Begrenzungszauber um die Quelle in den Zauber ein?“, schlägt Iris vor und Elisa stimmt zu.
„Wasserquelle, klein und endlos, ich rufe dich, La Le Lillium“, beginnt Iris mit ihrem Zauber, und während ihre Magie in ihren Zauberstab strömt, kann sie spüren, wie Elisas Magie sich mit ihrer vermischt. „Schild, begrenze die Wasserquelle und lasse nur so viel Wasser heraus, wie für die Pflanzen benötigt wird“, ergänzt sie dann gemeinsam mit Elisa. Während Iris Fokus auf der Wasserquelle und der Positionierung in der Gießkanne liegt, bringt Elisa ihre gesamte Konzentration ein, um den komplexen Schild zur Begrenzung der Wasserquelle zu errichten, wo aber bei Bedarf ein wenig Wasser austreten kann. Immer mehr Magie fließt und schließlich kann Iris spüren, wie die Wasserquelle ihre richtige Größe erreicht hat und durch den Schild begrenzt wird. Angestrengt atmet sie aus, sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie vor lauter Konzentration ihre Luft angehalten hatte. „Probier sie aus!“, ruft Elisa aufgeregt und Iris hebt den Griff der Kanne an. Vorsichtig, als wäre die Kanne zerbrechlich, trägt sie sie zu der kleinen Pflanze, die im Klassenzimmer steht. Langsam kippt sie die Kanne und wartet – gefühlt endlos lang – bis das Wasser kommt. In kleinen Tropfen perlt es aus dem Aufsatz, stetig und ohne überzulaufen. „Es hat geklappt!“, jubelt Iris und Elisa setzt sich zufrieden auf Iris Schulter zurück. „Ich wusste, dass wir es gemeinsam schaffen würden!“, sagt sie stolz und mit roten Wangen.