Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
25.10.2026 um 08:20 Uhr
2 Oktober, 2026| Hazel| |
Verlorene Spur

Fortsetzung von ERUPTION

Die Nacht nach den Geschehnissen in Birkhafen war für Hazel der reinste Albtraum.

Die erfahrenen Heilhexen im Sternchenweg hatten Merle nach allen Regeln der Kunst untersucht und für völlig gesund befunden – die Kleine sollte lediglich eine Nacht zur Beobachtung und Erholung dort bleiben. Hazels Gedanken kamen aber einfach nicht zur Ruhe. Sie lag in ihrem Bett, starrte an die Decke und drehte dabei den Nocturnit-Stein immer wieder mechanisch in ihren Fingern. Der tief dunkelblaue Edelstein glimmte matt im Dunkeln, funkelte wie ein nächtlicher Sternenhimmel, doch er vermochte ihr keine Ruhe zu geben. Ständig wälzte sie die Szenen des Tages im Kopf hin und her: das unerklärliche Fieber, Sejanus‘ Blick und sein Handeln, den Trank, Merles schnelle Genesung. Das ergab alles keinen Sinn. Was war der Auslöser?

Schließlich war es Citrin, die das ständige Hin und Her nicht mehr mit ansehen konnte. Die Elfe schwebte herbei, legte eine Hand auf Hazels Stirn und sprach einen leisen, sanften Einschlafzauber, der den Sturm in Hazels Kopf endlich dämpfte und sie in einen tiefen, wenn auch unruhigen Schlaf gleiten ließ.

Am nächsten Morgen war an regulären Unterricht nicht zu denken. Hazel war wie auf heißen Kohlen. Sie eilte sofort zu den Heilhexen, um nach Merle zu sehen. Die Kleine strahlte sie jedoch sofort mit ihren großen Augen an, brabbelte vergnügt und griff nach Hazels Finger. Alles war in Ordnung. Als wäre nie etwas gewesen. Auch die Hexen konnten es sich nicht erklären.

Hazel brachte Merle zurück in ihre gewohnte, sichere Umgebung: den Kindergarten. Dort war sie geborgen und sicher. „Seja-nu?“ fragte Merle plötzlich und Hazel blieb der Mund offen stehen. Was ging in ihrem kleinen Köpfchen vor? Angst schien sie nicht vor ihm zu haben. „Ja mein Schatz, Sejanus. Ich muss ihn sprechen.“ erklärte sie ihrer zauberhaften Tochter und strich ihr eine Locke hinters Ohr. Die Fragen, die Hazel auf der Zunge brannten, duldeten keinen Aufschub mehr. „Citrin. Bleib du bitte hier bei Merle.“ Citrin wollte protestieren, doch sie sah und spürte die Dringlichkeit, die von Hazel ausging. „Ist gut. Bitte pass auf dich auf! Dein Mana ist sehr schwach. Mach keine Dummheiten.“ Hazel nickte und gab beiden einen Kuss auf die Stirn.

Sie musste Sejanus finden.

Hazel machte sich auf den Weg. Ihr erster Flug führte direkt zurück nach Birkhafen in die kleine Apotheke, wo die freundliche Apothekerin ihr bestätigte, dass Sejanus am Vortag seine Tasche dort abgeholt hatte, danach aber weitergereist war.

Die Spur verlief im Sand, also suchte sie nach weiteren Hinweisen. Sie flog zu Dela – denn Dela wusste eigentlich alles. Sie fragte, ob er dort aufgetaucht war – doch Fehlanzeige. Dela hatte ihn nicht gesehen.

Schließlich führte ihr letzter Weg zu Aria in die große Bibliothek der Akademie. Aria sah Hazel mitfühlend an, als sie ihr Anliegen hörte, musste sie jedoch enttäuschen.

„Es tut mir leid, Hazel“, sagte Aria leise. „Sejanus war hier, ja. Aber er hat sich bis auf weiteres verabschieden müssen. Er hatte es furchtbar eilig. Er packte alle seine Dinge hastig ein und war weg.“ Aria schüttelte bedauernd den Kopf. „Einen Namen hat er nicht genannt. Und auch keinen Ort, wohin seine Reise geht.“

Hazel sank der Mut in die Knie. Eine tiefe Enttäuschung breitete sich in ihrer Brust aus. So viele Fragen waren offen geblieben, so vieles ungeklärt – und nun war er fort, einfach so.

Aria bemerkte Hazels betrübtes Gesicht und kramte in den Falten ihres Gewandes. „Warte… bevor er ging, hat er mir noch etwas gegeben. Für dich.“

Hazels Augen weiteten sich, was Aria zum Kichern brachte. Mit zitternden Fingern nahm Hazel das kleine Stück Pergament entgegen. Die Tinte war verschmiert und die Buchstaben wild und hastig hingekritzelt, als hätte er es in absolutem Zeitdruck geschrieben. Darauf standen nur wenige Zeilen:

„Ich hoffe, es geht Merle gut. Es tut mir leid, dass ich so abrupt gehen muss. Aber wir werden uns bald wiedersehen. Pass auf dich auf. Sejanus.“

Hazel starrte auf die Zeilen. Ein stechender Schmerz der Wehmut zog durch ihr Herz, weil er fort war und sie im Ungewissen ließ. Doch im selben Moment spürte sie, wie sich ein warmes Gefühl in ihrer Brust ausbreitete und ein unwillkürliches Lächeln auf ihre Lippen zauberte. Er hatte an sie gedacht.

Sie presste den Zettel fest an ihr Herz. Doch während sie so dastand, kreisten ihre Gedanken fieberhaft weiter. Sie dachte über ihren weiteren Weg nach. Bei all den offenen Fragen zu Sejanus kam sie im Moment einfach nicht weiter. Plötzlich spürte sie die kalte Schwere des Steins in ihrer Tasche. Der Realm-Schlüssel! Das war ihr Ziel sein. Sie nahm sich vor, ihren Unterricht über magische Artefakte endlich zu beenden und einen Weg zu finden, diesen Schlüssel anzuwenden.

Puh. Ihr drehte sich der Kopf bei all den Gedanken und sie musste sich im Flur kurz an die Wand lehnen. Da fielen ihr Citrins mahnende Worte wieder ein: Energie laden. Ihr Mana war am Limit. Das war jetzt der wichtigste Schritt. Auf zur Mana-Quelle! Hazel straffte ihre Schultern und lief los.

• • • • • • • • •

Im tiefsten Norden des Königreichs Astraea, kämpfte sich Sejanus durch den Schnee.

Die Kälte von Rødholt biss ihm gnadelos ins Gesicht. Eingehüllt in den dicksten, wärmsten Mantel, den er in seinem Besitz finden konnte, stapfte er durch den tiefen, knirschenden Schnee der eisigen Gassen. Die kleinen Holzhäuser des Ortes versanken unter schweren Schneelasten, während der kalte Wind an seinen Kleidern zerrte.

Es hatte sich als verdammt schwer erwiesen, das gesuchte Haus überhaupt zu finden. Zwar kannte er den alten Kurator und Arkanisten flüchtig, doch wo genau er in diesem verschneiten Labyrinth wohnte, war ihm keineswegs klar gewesen. Er hatte tief in seiner Tasche kramen müssen, um eine alte, handgeschriebene Notiz seiner Familie hervorzuholen – doch das vergilbte Pergament war durch die Kälte klamm geworden, und die verschnörkelten, alten Buchstaben zu entziffern war im schummrigen Licht und bei dem heftigen Schneetreiben fast unmöglich gewesen. Mehr als einmal hatte er sich in den gähnenden, weißen Gassen verirrt.

Die Ereignisse in Birkhafen ließen ihm einfach keine Ruhe. Das schreckliche Weinen der kleinen Merle, das plötzliche Fieber – und die schreckliche Erkenntnis, dass seine eigene Sammlung der Auslöser gewesen sein musste, hatten in ihm ein tiefes Unbehagen ausgelöst. Noch in derselben Nacht hatte er ein schweres, magisches Siegel über die Ledertasche gelegt, um die unheilvollen Energien einzudämmen. Doch das reichte bei Weitem nicht. Eines der Artefakte in der Tasche schien unaufhaltsam an Kraft zu gewinnen; es vibrierte unheilvoll und sah aus, als würde es jeden Moment unter dem inneren Druck bersten oder aufzubrechen drohen.

Er brauchte dringend professionellen Rat.

Nach einer schier endlosen Suche im Schnee sah er sie endlich: die massive, schiefergedeckte Fassade, deren Fenster warm in die Winternacht leuchteten. Er war am Ziel.

Mit kalten, klammen Fingern trat Sejanus an die schwere Holzpforte und klopfte energisch an.

Es dauerte einen Moment, bis drinnen Schritte zu hören waren. Dann wurde die Tür mit einem tiefen Knarren aufgestoßen. Vor ihm stand ein riesiger, fast zwei Meter großer, stämmiger Mann mit einem wilden, weißen Zottelbart, der ihm bis auf die Brust reichte. Erst musterte er den nächtlichen Besucher mit einem extrem finsteren, misstrauischen Blick, der pure Abweisung signalisierte. Doch als sein Blick auf Sejanus‘ Gesicht fiel – das vor Kälte, Erschöpfung und tiefer Sorge völlig kreidebleich war –, schienen sich die steifen Züge des alten Mannes zu lockern.

„Sejanus?“, brummte der Riese mit einer tiefen, knarzenden Stimme, die den Schnee von der Dachkante rieseln ließ. „Bei allen alten Runen… Was in aller Welt treibt dich mitten in der Nacht und bei diesem Sturm hierher in den Norden?“

Sejanus schluckte schwer gegen die Kälte an und hob die schwere Ledertasche. „Ich brauche deine Hilfe“, stieß er heiser hervor. Ohne ein weiteres Wort trat der große Mann zur Seite und gab den Weg in die warme Stube frei.