Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
13.10.2026 um 15:00 Uhr
22 September, 2026| Hazel| |
Schatten auf der Lichtung & Zeichendeutung

Im strahlenden Königreich Astraea gab es Orte von seltener Schönheit – so wie die Elfenlichtung. Ein geschützter, magischer Zufluchtsort, den normalerweise nur Elfen betreten durften. Menschen war der Zutritt strengstens untersagt, da die uralte Magie dort extrem empfindlich auf fremde Energien reagierte.

Citrin hatte sich an diesem Nachmittag dorthin zurückgezogen, um im reinen, friedlichen Kreis der uralten Bäume tief durchzuatmen und neue Energie zu tanken. Doch die wohlverdiente Ruhe währte nicht lange. Plötzlich durchfuhr Sie ein feines, stechendes Kribbeln – ein unverkennbares, krankes Pochen, das so gar nicht zu der heiligen Harmonie des Ortes passte. Sofort wusste Citrin, was das zu bedeuten hatte. Sie eilte zurück und holte Hazel zu Hilfe, um sie gemeinsam an diesen Ort zu führen.

Gedeckt durch Citrins Elfenmagie, die Hazels menschliche Aura vor den Wächtern des Hains tarnte, schlichen die beiden tiefer in den geheimnisvollen Hain.

Um das Artefakt aufzuspüren, holte Hazel ihren magischen Kompass hervor. Die Nadel schlug sofort heftig aus und drehte sich wild im Kreis, bevor sie zitternd auf eine moosbewachsene Stelle zwischen den Wurzeln einer uralten Silberbuche zeigte.

Hazel kniete sich tief in das weiche, dichte Moos. Mit vorsichtigen, tastenden Bewegungen begann sie, die dicken Moosschichten und die feuchte Erde wegzuschaufeln. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Und plötzlich – tief unten im Schatten der Wurzeln – stießen Hazels Fingerspitzen auf etwas eiskaltes.

Sie hatte es gefunden: ein verfluchtes Artefakt.

Es war eine Kette aus dunklem Silber, an der ein tiefdunkellilaner Edelstein baumelte. Der Stein schien das Licht um sich herum förmlich aufzugsaugen, und eine eisige, unheilvolle Kälte ging von ihm aus.

Hazel wusste, dass sie sofort handeln musste. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und konzentrierte sich. Mit schnellen, präzisen Bewegungen ihrer Hände zeichnete sie leuchtende, goldene Runen in die Luft, um ein mächtiges Siegel zu weben, das die Kette fest umschloss. Während das goldene Netz das Artefakt einengte, sprach Hazel mit fester, hallender Stimme ihren Bannspruch aus, um die finstere Signatur zu neutralisieren:

„Lunae Lucem! Vincula frange, malum dissolve, exi in umbras!“

Kaum waren die letzten Worte verklungen, bäumte sich die dunkle Macht in der Kette heftig auf. Eine finstere, hohnlachende Fratze schoss aus dem lila Edelstein hervor und starrte Hazel hasserfüllt an, während sie versuchte, das Siegel zu durchbrechen. Die Luft auf der Lichtung gefror.

Doch Hazel wich nicht zurück. Entschlossen und mit loderndem Blick sah sie der Fratze direkt entgegen und rief mit einer Stimme, die vor Mut nur so hallte:

„Maru! Ich bin hier! ICH HABE DICH GEHÖRT! Ich finde dich. Ich verspreche es dir!“

Unter der Wucht ihrer Worte und dem goldenen Siegel erstickte die Dunkelheit augenblicklich. Die Fratze zersprang in rauchige Fetzen, und das Artefakt kam endlich zur Ruhe, fest umschlossen von Hazels Magie.

Stille senkte sich über die heilige Lichtung. Ob ihre Worte bis zu Maru durchgedrungen waren? Hazel starrte die sich lösenden Lichtpunkte an.

Und genau in diesem Moment, als die letzten Funken wichen – aus dem Licht, das durch die Baumkronen fiel, formte sich eine Gestalt: Der Vertraute von Maru –  die Geisterhafte Gestalt eines Hasen, der lautlos durch die Luft schwebte und auf weichen Wellen des Lichts glitt.

​Der Hase flog direkt auf Hazel zu, hielt unmittelbar vor ihrem Gesicht an und sah ihr tief in die Augen. Hazel war wie erstarrt. 

​In diesem magischen Blickfeld veränderten sich die Augen des Lichtwesens. Sie wurden tief und spiegelnd wie ein unendlicher Ozean, und für einen Wimpernschlag blitzten darin abstrakte, fesselnde Bilder auf: Uhrwerke, die sich in endlosen Kreisen wandten, ineinander verschlungene Zeitachsen und eine zerbrechliche, gläserne Sphäre, die sich immer wieder von vorn zu drehen schien – eine Welt gefangen im ewigen Kreis.

​Ehe Hazel das Gesehene ganz begreifen konnte, verblasste die Vision im Licht des Hasen. Das Geisterwesen neigte sanft den Kopf und löste sich dann in einem warmen Schimmer in den Baumkronen auf.

​Hazel atmete tief aus, das Herz pochte ihr bis zum Hals. Sie blickte nachdenklich auf den lilanen Stein in ihrer Hand, während die Bilder der rotierenden Zeit und der gläsernen Sphäre vor ihrem inneren Auge nachhallten.

​​„Diese dunklen Relikte…“, flüsterte Hazel und blickte nachdenklich zu Citrin. „Da ist eine Resonanz drin. Eine magische Frequenz, die wie ein Echo funktioniert. Jedes Artefakt zieht mich näher an ihren Ursprung heran.“

​Citrin nickte und musterte den dichten Waldrand. „Dann war das erst der Anfang. Nun müssen wir aber vorsichtig hier raus, bevor die Wächter des Hains uns bemerken.“

​Gedeckt durch Citrins Elfenmagie schlichen die beiden gemeinsam von der heiligen Lichtung. Sie hatten ein viertes Artefakt gesichert – aber Hazel wusste jetzt mehr denn je: Die Jagd hatte erst begonnen, und sie war dem Schatten auf der Spur.

• • • • • • • • •

​Zurück in ihrem warmen, gemütlichen Zimmer in der Akademie, während draußen der herbstliche Wind an die Scheiben klopfte, ließen Hazel und Citrin den Tag Revue passieren. Die Begegnung mit Marus Hasen ging Hazel einfach nicht aus dem Kopf. Was wollte er ihr mit diesen Zeichen sagen?

​Mit dem sicher versiegelten Edelstein vor sich auf dem Holztisch, schlug Hazel tief in der Nacht davor auf: Ihre Bücher und Notizen. Citrin saß mit verschränkten Armen auf der Rückenlehne des Stuhls, schwebte heran und musterte die silberne Kette.

​„Hazel, was genau glaubst du, hat Marus Hase uns sagen wollen?“, fragte sie nachdenklich.

​„Ich weiß es nicht genau. Aber ich habe eine gläserne Sphäre gesehen. Also einen spirituellen Schutzraum oder…eine andere Dimension? Aber ich glaube hier finden wir etwas…“, überlegte Hazel mit glänzenden, entschlossenen Augen. Sie schlug eines ihrer alten, dicken Bücher auf – ein Foliant über magische Wesen und Vertraute, ein Fach, das sie eigentlich längst erfolgreich abgeschlossen hatte. Doch jetzt brauchte sie Antworten. Sie blätterte zielstrebig durch die Seiten, bis sie zu den tiefen, verborgenen Kapiteln über Seelenbande gelangte.

​Citrin flog näher heran und las über Hazels Schulter mit. „Schau mal hier…“, flüsterte Hazel und strich mit dem Finger über eine alte Illustration. „Die Notizen bestätigen es: Magische Vertraute sind weitaus mehr als nur einfache Projektionen der Seele oder Boten. Sie sind tief verankert und in der Lage, Zeichen und Botschaften über Dimensionen hinweg zu senden.“

​Hazels Herz begann schneller zu schlagen. Wenn Marus Vertrauter in der Lage war, Dimensionen zu überwinden, um ihr eine Botschaft zu überbringen – wenn dieser schwebende Licht-Hase ein Bote aus einer fernen, verborgenen Ebene war –, dann bedeutete das…

​Ein Gedanke, nein, ein Funke der Hoffnung durchfuhr sie. Dimensionen. Versteckte Portale. Seit so langer Zeit plagte Hazel die Ungewissheit: Wie konnte sie ihre verschollene Schwester erreichen? Bisher wusste sie nicht einmal, in welcher Welt oder Sphäre sie überhaupt feststeckte.

​Mit neuer Dringlichkeit schlug Hazel ein weiteres Buch auf – das dicke Buch über magische Artefakte, in dem sie vor Kurzem noch geblättert hatte. Sie suchte nach Hinweisen zu den physischen Verbindungen zwischen Welten, blätterte durch Seiten voller Uralt-Geheimnisse und blieb schließlich bei einem Kapitel hängen, das ihr den Atem raubte: Magische, verzauberte Schlüssel.

​Die Seiten erklärten, dass es verschiedene Arten von Artefakten gab, die als Tore dienten. Doch ganz besonders zog ein legendärer Gegenstand ihre Blicke an: der Realm-Schlüssel. Ein meisterhaft geschmiedetes Meisterwerk, das nicht nur Schlösser öffnete, sondern im Stande war, magische Dimensionen zu durchbrechen, Schleier zu lüften und Portale zu öffnen.

​Mit großen, staunenden Augen las Hazel weiter – und stockte. Zu ihrem großen Glück entdeckte sie in einer Randnotiz des Lehrplans für das fortgeschrittene Fach Magische Artefakte (unter der Rubrik der Neunten Stunde) genau diesen Gegenstand verzeichnet: Die Herstellung magischer Schlüssel stand tatsächlich auf dem höheren Lehrplan!

​Ein warmes, wildes Gefühl der Entschlossenheit breitete sich in Hazels Brust aus. Sie ballte die Hände, sah zu Citrin auf und sagte mit fester Stimme:

​„Ich werde diesen Realm-Schlüssel herstellen, Citrin. Ich warte nicht darauf, dass Maru den nächsten Schritt macht. Ich werde den Weg öffnen.“

​Citrin, die die Entschlossenheit in Hazels Zügen sah und auch selbst spürte, lächelte breit und nickte zustimmend. „Dann wissen wir, was zu tun ist.“

​Sofort zog Hazel ein reines Pergament und eine Feder heran. Sie begann akribisch zu erforschen, welche seltenen Erze, welche veränderten Steine und welche Runen-Gravuren sie für die praktische Arbeit in der neunten Stunde brauchte. Die Suche hatte erst begonnen – und Hazel war bereit, dafür jede Grenze zu sprengen.