Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
15.09.2026 um 15:00 Uhr
4 September, 2026| Hazel| , |
Grün bleibt grün

Die Anspannung im Klassenzimmer war beinahe greifbar, als die 5. Stunde im Fach Verwandlung begann. Doch bei Hazel ging der Puls aus einem ganz anderen Grund durch die Decke. Erst am Vortag hatte sie ein zweite Artefakt gebannt – und dabei glasklar die Stimme ihrer Schwester Maru rufen gehört. Der Nachhall dieses Augenblicks hämmerte noch immer in ihrem Kopf. Ihr Blick war starr, ihre Gedanken meilenweit entfernt, und sie starrte auf den Holzpult vor sich, ohne wirklich etwas zu sehen.

Professorin Elinor trat mit der jungen, noch etwas nervösen Lehrerin in Ausbildung an Hazels Tisch. Die Professorin blieb abrupt stehen, beugte sich ein Stück vor und musterte Hazel mit einem prüfenden, besorgten Blick.

„Hazel?“, fragte Professorin Elinor leise, aber bestimmt. „Ist bei Ihnen alles in Ordnung? Du wirkst heute… ungewohnt abwesend. Wenn du dich nicht fit fühlst, kannst du die Prüfung verschieben.“

Neben der Professorin wandte die junge Lehrerin ebenfalls den Kopf. Sie fixierte Hazel mit einem scharfen, beinahe argwöhnischen Blick, musterte jede Regung in ihrem Gesicht.

Dieser kritische Blick traf Hazel wie ein kalter Eimer Wasser. Er rüttelte sie augenblicklich aus ihren düsteren Gedanken wach. Sie richtete den Rücken gerade und atmete tief durch. Konzentrieren. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen!

„Alles bestens, Professorin Elinor“, antwortete Hazel mit fester Stimme und einem so überzeugenden Lächeln, wie sie es aufbringen konnte. „Ich bin voll und ganz bei der Sache.“

Professorin Elinor nickte langsam, wenn auch nicht völlig überzeugt, und ging schließlich weiter zum Pult, um die Anweisungen zu erteilen. „Heute erwartet euch eine besondere Herausforderung“, erhob Professorin Elinor ihre klare, strenge Stimme für die Klasse. „Die Prüfung ist in drei Teile gegliedert – ihr werdet Geschicklichkeit, Verstand und eure magischen Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen.“

Hazel atmete noch einmal tief aus. Die Schatten von Marus Stimme drängte sie ganz tief in den Hinterkopf. Jetzt zählte nur die Prüfung.

Kaum war die Aufgabe erklärt, gab es kein Halten mehr. Der Klassenraum leert sich im Eiltempo, und kurz darauf erfüllte ein lebhaftes Summen und das Aufbrechen von Dutzenden Besen den Akademiehof.

Hazel rief ihren Besen herbei, schwang sich darauf und gab ihm einen sanften Impuls. Auf zum Düsterwald.

Der Fluss der Irrlichter, der sich tief im schattigen Düsterwald wand, war der perfekte Lebensraum. Die Bäume rückten dicht zusammen, die Luft kühlte ab, und ein sanfter, bläulicher Schimmer tanzte über dem schlammigen Ufer – das Licht der Irrlichter. Hazel landete geräuschlos auf dem feuchten Moos, kniete sich nieder und lauschte. Da – ein leises Quaken aus dem Schilf. Sie schob behutsam die Halme zur Seite. Auf einem glatten Stein saß ein stattlicher, grüner Frosch mit golden schimmernden Augen. Mit einer sanften Handbewegung fing sie ihn ein, ließ ihn sicher in einer weichen Tasche an ihrem Gürtel verschwinden und kehrte im Eiltempo zur Akademie zurück.

Zurück im Klassenzimmer setzte Hazel sich an ihren Platz, öffnete behutsam die Tasche und ließ den Frosch auf das Holz klettern. Das Tier blinzelte gemütlich in die helle Klassenzimmerluft. Er war offensichtlich so perplex von diesem flinken Umzug, das er sich keinen Zentimeter vom Fleck rührte.

Ein schlauer Gedanke schoss Hazel durch den Kopf, während sie im Handumdrehen die kurze Rätselaufgabe löste. Der Frosch war schließlich von Natur aus grün. Würde es die Magie nicht vielleicht ein Stück einfacher machen, wenn sie die Grundfarbe beibehielt? Keine komplizierte Neuausrichtung des Farbzaubers, einfach die Textur anpassen und ein anderes, wunderschönes grünes Tier wählen. Ein prächtiger Amazonenpapagei?

Professorin Elinor trat wieder an ihren Tisch. „Sehr gut Hazel. Nun zum entscheidenden dritten Teil: Führe die Verwandlung aus.“

Hazel nickte konzentriert. Sie atmete tief aus, hob ihre Hände dicht um den Frosch herum. Hazel schloss für eine Sekunde die Augen, fixierte dann den Frosch mit ihrem Blick und sprach einen Zauber.

„Lunae Lucens, Mutatio Viridis – wandle die Gestalt im hellen Schimmer des Waldes.“

Ein feiner, goldener Schimmer ging von ihren Fingerspitzen aus und hüllte den Frosch ein. Seine feuchte Haut streckte sich, Federn sprossen hervor, ein eleganter Schnabel bildete sich heraus, und im Nu wuchsen kräftige, smaragdgrüne Flügel heran.

Puff!

Mit einem leisen Flattern saß nun kein Frosch mehr auf dem Holz, sondern ein absolut prächtiger, leuchtend grüner Amazonenpapagei mit gelben Akzenten am Kopf. Er schüttelte stolz sein gefiedertes Haupt, plusterte die Brust und stieß ein lautes „KRAWAAK!“ aus, das durch das gesamte Klassenzimmer hallte.

Die junge Lehrerin, die Hazel vorhin noch so argwöhnisch musterte, zuckte erschrocken zusammen, und auch Elinor hob anerkennend eine Augenbraue.

Doch die Prüfung war noch nicht vorbei. Der schwierigste Teil folgte jetzt: die Rückverwandlung. Hazel bewahrte die Ruhe, senkte ihre Hände ein Stück und lenkte den Fokus ihrer Magie auf die Rückführung.

„Lunae Lucens, Redux forma… kehr zurück in deine wahre Natur.“

Erneut glomm der goldene Zauber auf. Das prachtvolle grüne Gefieder schmolz weich in den Lichtstrahl hinein, die Federn wichen feuchter Haut, und im Bruchteil einer Sekunde landete der grüne Frosch mit einem leisen Plumps wieder auf seinen vier kräftigen Beinen mitten auf dem Holztisch. Er blinzelte verdutzt und stieß ein zufriedenes, tiefes Quak aus.

Im Klassenzimmer herrschte einen kurzen Moment absolute Stille, bevor Professorin Elinor in die Hände klatschte.

„Hervorragend!“, lobte sie mit einem schmunzelnden Lächeln. „Sogar mit einem cleveren Kniff bei der Farbharmonie gearbeitet. Präzise, einfühlsam und absolut fehlerfrei ausgeführt. Eine meisterhafte Verwandlung, Hazel.“

Hazel sank eine tonnenschwere Last von den Schultern. Sie atmete erleichtert aus, strich dem Frosch kurz beruhigend über den Rücken und wusste: Die fünfte Stunde in diesem Fach, hatte sie mit Bravour und einer gehörigen Portion Stil gemeistert! Sie war bereit, den restlichen Weg ihres Studiums zu beenden – es waren nur noch wenige Schritte bis zum offiziellen Abschluss ihrer Hexenausbildung. Auch wenn die Gedanken an Maru durch das Echo des Artefakts präsenter und lauter denn je in ihrem Kopf pochten, wusste sie genau, wofür sie das tat. Sie wollte es aus eigener Kraft schaffen, ihre Magie verfeinern und ihre Stärke ausbauen, um den dunklen Geheimnissen auf den Grund zu gehen und ihre Schwester zu finden.

Niemand konnte sie jetzt noch aufhalten. …oder?