Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
13.10.2026 um 15:00 Uhr
1 Oktober, 2026| Hazel| |
ERUPTION

Es war ein unterrichtsfreier Tag, und Hazel hatte das dringende Bedürfnis, dem Trubel der Akademie zu entkommen – und gleichzeitig einen entscheidenden Schritt für ihre Mission zu tun. In ihren alten Folianten hatte sie von einem ganz besonderen Edelstein gelesen, der perfekt zum Realm-Schlüssel passte und dessen Magie massiv verstärken würde: der Nocturnit. Ein tief dunkelblauer Edelstein, der im Inneren funkelte wie ein nächtlicher Sternenhimmel und für Portale und unendliche Weiten stand. Seine Vorkommen ließen sich am besten in Birkhafen aufspüren, einer kleinen Hafenstadt, in die Flüsse die Minerale aus den Bergen trugen.

Zusammen mit Citrin und der kleinen Merle nutzte sie den freien Tag für diesen Ausflug. Ihr Ziel war genau diese abgelegene Hafenbucht.

Bevor sie sich jedoch auf den Weg machten, musterte Citrin ihre Gefährtin mit besorgtem Blick. Sie schwebte nah an Hazels Gesicht heran: „Du, Hazel… wann warst du eigentlich das letzte mal bei der Manaquelle und hast Energie aufgeladen?“

Hazel schüttelte erschöpft den Kopf. Sie wusste es selbst nicht genau. „Ich… ich hatte einfach keine Zeit dafür.“ Citrin sah Hazel streng an. „Wenn wir das erledigt haben, wirst du dir einen Tag Ruhe gönnen. Du brauchst deine Kraft Hazel!“ ermahnte sie. „Einen halben Tag.“ entgegnete Hazel ihrer Elfe. Sie sah sie ebenfalls ernst an. Doch schnell wurde Hazel’s Blick weicher, als sie merkte das Citrin nicht nachgab. „Ok Ok. Einen Tag Energie tanken. Ist gut.“ schmollend machte Hazel alles bereit zum Aufbruch. Man sah Hazel an, wie unglaublich müde sie war. Die anstrengenden letzten Wochen hatten sie ausgezehrt.

In Birkhafen angekommen, strahlte der Ort eine seltsam karge und unnahbare Atmosphäre aus. Obwohl die Bucht malerisch wirkte, lag über dem Dorf eine kühle, fast verhexte Stille. Die Bäume trugen ein ewiges, herbstliches Gewand aus rot-goldenen Blättern, und sanfte Nebelschwaden zogen durch die engen Gassen. Hazel sah ein fasziniertes leuchten in Merles Augen, das wärmte ihr Herz.

Bevor sie sich jedoch in die Natur stürzten, wollte Hazel direkt nach dem Stein suchen. Sie erklärte es Merle, diese blieb mit Citrin am Rande zurück. Hazel trat dann an das Flussufer, konzentrierte sich und versuchte, die ätherische Signatur des Nocturnit zu orten. Doch egal, wie sehr sie sich anstrengte – die Magie wollte nicht richtig fließen, und der Stein schien wie vom Erdboden verschluckt. Lag es an ihrer Erschöpfung?

Da krabbelte die kleine Merle an ihre Seite. Hazel zuckte erschrocken zusammen. Merle verstand zwar noch nicht, was es mit dem Stein auf sich hatte, aber sie spürte genau, dass Hazel diese Suche am Herzen lag. Merle lächelte Hazel an, streckte die kleinen Hände aus, und plötzlich strömte ein sanftes, hellblaues Funkeln aus ihren Fingern. Dank Merles frischer, junger Energie, leitete sie Hazel direkt zu einer verborgenen, schimmernden Felsspalte am Flussufer, tief im Nebel – und tatsächlich: Da lag etwas…. ein funkelnder Nocturnit. Sie hob ihn auf und betrachtete den dunkelblauen Edelstein. Es sah aus, als würden Sterne darin funkeln. 

Glücklich und erleichtert drückte Sie Merle an die Brust. Nun machten sie einen ausgedehnten Spaziergang durch die Natur. Danach kehrten Sie in das winzige, urgemütliche Gasthaus ein. Bei einer warmen Mahlzeit und frischem Gebäck schien alles leicht und unbeschwert. Merle gluckste vergnügt, während Citrin zufrieden auf Hazels Schulter saß und den letzten Keks verputzte.

Gut gelaunt und frisch gestärkt traten sie am Nachmittag wieder nach draußen in die frische, neblige Luft, um noch ein Stück an der Hafenbucht entlangzuwandern.

Doch dann kreuzte sich ihr Weg in einer schmalen Gasse mit jemandem, den Hazel in diesem Moment nicht erwartet hatte: Sejanus.

Sofort durchfuhr Hazel dieses vertraute Kribbeln – ein unverkennbares Ziehen, das von einer unerklärlichen Anziehung herrührte. Ihr Herz schlug schlagartig schneller, und ein breites Grinsen, das sie nicht unter Kontrolle hatte, machte sich auf ihrem Gesicht breit. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, doch gleichzeitig machte sie sich Sorgen. Ihr schossen die Bilder der Bibliothek in den Kopf. Sie wusste, er trug Artefakte bei sich, die sie nicht deuten konnte. Und doch freute sie sich riesig ihn zu sehen. 

„Merle, sieh nur, jetzt kann ich dir endlich jemanden vorstellen.“

Sejanus blieb stehen, und in seinem Blick lag derselbe überraschte, elektrisierende Ausdruck. Ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu und machte Anstalten, sie zu begrüßen –

In genau diesem Moment, veränderte sich die Situation abrupt.

Merle, die eben noch fröhlich auf Hazels Arm gebrabbelt und sich sichtlich gefreut hatte, den geheimnisvollen Fremden kennenzulernen, von dem Hazel so viel erzählt hatte, erstarrte. Ein schrilles, schmerzliches Weinen durchschnitt die Stille des Hafendorfes. Die Kleine fing augenblicklich an am ganzen Körper zu zittern. Ihre Haut glühte in einem fieberhaften Hauch, und eine wilde, unkontrollierte Welle magischer Energie schoss aus ihrem kleinen Körper hervor.

Hazel wich kurz erschrocken zurück, drückte Merle danach aber gleich schützend an ihre Brust und rang nach Luft. „Merle! Was ist los? Was hast du denn plötzlich?!“

Panik überkam sie. DAS war kein gewöhnliches Fieber, das spürte sie sofort – es war eine heftige magische Abwehrreaktion. Aber woher kam das? Fragend und mit verzweifelter Miene sah sie hastig zwischen Citrin und Sejanus hin und her. 

Sejanus zuckte zusammen. Entsetzen spiegelte sich in seinem Gesicht, als er den Blick auf das weinende Hexenbaby richtete. Er begriff sofort, dass diese heftige Reaktion in direkter Verbindung zu ihm stehen musste.

„Hazel, es tut mir leid!“, rief er hastig, während Merles Schreie durch die Gasse hallten. „Warte hier, ich helfe! Ich bin sofort zurück!“

Ohne auf eine Antwort zu warten, schwang er sich fluchtartig auf seinen Besen. Citrin, die alarmiert von Hazels Schulter aufgesprungen war, schwebte mit misstrauischen Augen hinter ihm her. „Ich folge ihm!“, rief sie Hazel hastig zu, da sie dem geheimnisvollen Magier ohnehin nicht traute.

Mit einem kräftigen Stoß stieg Sejanus mit seinem Besen in die Luft und sauste im Eiltempo durch die nebligen Gassen, direkt zur örtlichen Apotheke, dicht gefolgt von Citrin.

Hazel blieb in der Gasse wie angewurzelt stehen. Unfahig sich zu bewegen. Sie versuchte Merle zu beruhigen, summte ein Lied und strich dem glühenden Kind sanft über die Stirn. Was ist nur los?

Bei der Apotheke angekommen, stürmte Sejanus hinein und verlangte atemlos einen spezialisierten Beruhigungstrank für magische Kinder. In seiner heillosen Eile ließ er seine schwere Ledertasche auf dem Tresen stehen. Citrin schwebte derweil dicht heran, sah die Apothekerin mit ernstem Blick an und rief ihr zu: „Ein Notfall! Ein Hexenkind in der Gasse braucht sofort diesen Trank, es hat Fieber und bricht in magische Krämpfe aus!“ Die Apothekerin nickte erschrocken über die Dringlichkeit und sauste sofort los.

Sejanus schnappte sich das Fläschchen mit Medizin, bemerkte, dass Citrin entschlossen neben ihm schwebte, und rannte augenblicklich wieder nach draußen zu seinem Besen. Gemeinsam flogen sie zurück zu Hazel und Merle.

Sejanus landete vor ihnen. Mit besorgtem Blick reichte er Hazel zügig das Fläschchen. „Hier, nimm!“

Hazel zögerte kurz, doch als sie zu Citrin sah und die Elfe ein bestätigendes Nicken gab –, öffnete Hazel das Fläschchen und flößte Merle vorsichtig den Trank ein.

Kaum hatte die Kleine ein paar Schlucke davon genommen, beruhigte sie sich. Das fieberhafte Glühen auf ihrer Haut kühlte augenblicklich ab, das Zittern hörte auf, und das schrille Weinen ging in ein müdes, leises Schluchzen über, bis Merle schließlich ganz friedlich in Hazels Armen einschlief.

Mit einem Mal war alles okay. Die Anspannung wich aus der Luft.

Hazel atmete tief durch, das Herz noch immer bis zum Hals schlagend. Sie sah Sejanus an, in dessen Gesicht pure Erleichterung lag. Auch Citrin schwebte nun etwas ruhiger, wenn auch noch immer wachsam, in der Luft. „Ich muss… ich muss mit ihr zurück zum Sternchenweg“, sagte Hazel mit fester Stimme. „Im Kindergarten sind erfahrene Hexen, sie sollen Merle noch einmal gründlich durchchecken. Ich kann kein Risiko eingehen.“

Sejanus nickte langsam. „Ja… du hast recht. Bring sie in Sicherheit, Hazel.“

Mit einem letzten, intensiven Blick wandte Hazel sich um. Mit Citrin an ihrer Seite und der schlafenden Merle im Arm machte sie sich eilig auf den Weg zurück.

Sejanus sah ihr nach, bis sie im Nebel verschwunden war. Erst in diesem Moment fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Seine Tasche! Die hatte er in der Apotheke völlig vergessen.

Er flog schnell zurück zum Laden, wo ihm die freundliche Apothekerin lächelnd die schwere Tasche entgegenstreckte: „Da haben Sie aber Glück gehabt, junger Mann!“

Sejanus nahm die Tasche dankend entgegen. Doch als er das schwere Leder wieder in der Hand hielt und den kalten Druck im Inneren spürte, durchfuhr ihn ein plötzlicher, eisiger Verdacht. Er blieb in der Gasse stehen, schaute hinab auf die Tasche, und der Atem stockte ihm. Merles Reaktion. Es kam ihm vor wie ein Déjà-vu. Das Fest in der Mittsommernacht… dort gab es damals einen ähnlichen Moment.

„Als ich zu ihnen zurückkehrte… da war die Tasche nicht bei mir. Und das Kind hat sich schlagartig erholt.“

Sejanus schluckte schwer. Konnte das wirklich sein? Lag es an den Dingen, die er sammelte? Konnte von diesen Fundstücken eine so zerstörerische Strahlung ausgehen, dass sie auf die feine, reine Magie eines Hexenbabys reagierte wie Gift? Er drückte den Lederriemen fester, während sich ein tiefes, nagendes Unbehagen in seiner Brust ausbreitete. Hazel… wie müde sie aussah. Er würde sie so gern fragen was sie beschäftigte. Doch nun hatte etwas anderes Priorität.

Und während Sejanus dort im kalten Nebel stand und grübelte, eilte Hazel mit der schlafenden Merle im Arm zurück in Richtung Sternchenweg.

Während des Fluges durchfuhr sie ein plötzlicher Schauer der Selbsterkenntnis, und sie machte sich in Gedanken heftige Vorwürfe. Wie konnte sie in ihrer Panik eigentlich so leichtsinnig sein? Sie kannte Sejanus kaum und hatte ihm in einer Notsituation blind vertraut, ohne zu wissen, was in diesem Trank gesteckt hatte. Doch als sie hinabblickte und sah, wie ruhig und friedlich Merle in ihren Armen atmete, wich die Strenge mit sich selbst einer tiefen, erleichterten Dankbarkeit. Er hatte ihr in der Not geholfen, und im Nachhinein war sie einfach nur froh, dass alles gut gegangen war – auch dank Citrins klarem Kopf. Ich habe mich nicht einmal richtig bedankt. Das jagte ihr einen Stich ins Herz.

Eine Antwort auf das, was diesen fieberhaften Ausbruch, diese plötzliche Eruption, ausgelöst hatte, hatte sie zwar noch nicht, aber sie würde es herausfinden.

 

Fortsetzung folgt…