Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
15.09.2026 um 15:00 Uhr
3 September, 2026| Hazel| |
Ein Ruf im Garten

Die Gedanken an ihre Mutter Ceres und den wunderschönen Kräutergarten von Professorin Sindonys Freundin am Sternensee, ließen Hazel ein paar Tage nach dem Unterricht nicht los. Eine tiefe, schwere Melancholie lag wie ein sanfter Schleier auf ihrem Gemüt. Um den Kopf freizubekommen und sich ein wenig auszuruhen, beschloss sie, einen Spaziergang durch den weitläufigen Schulgarten der Akademie zu machen. Citrin begleitete sie.

Der Schulgarten war tagsüber ein Ort des Lernens und Lachens, doch in den schattigen Abendstunden wirkte er geheimnisvoll. Hazel suchte sich einen abgelegenen Pfad aus, der selten genutzt wurde – einen verwunschenen, moosbewachsenen Nebenweg, der sich tief in ein dickes Gewirr aus riesigen Farnen und alten, knorrigen Schattenlorbeerbüschen schmiegte. 

Plötzlich fröstelte es Hazel. Eine unangenehme, kalte Welle strich durch die Abendluft.

Instinktiv griff sie an ihren Hals – ihr magischer Anhänger vibrierte wild und schlug Alarm. Keine Zweifel mehr: Hier war ein verfluchtes Artefakt versteckt.

„Citrin, hast du das gespürt?“, flüsterte Hazel und zog ihren kleinen Kompass hervor. Die feine Nadel spielte verrückt und drehte sich wild im Kreis, bevor sie tief in das dichte Unterholz zeigte, direkt an die Basis eines uralten, gewaltigen Schattenlorbeerbaums.

Wo in aller Welt könnte sich hier etwas verbergen? Da der Garten täglich von vielen Hexen betreten wurde, musste es unauffällig sein. Als Hazel vorsichtig die tief herabhängenden Blätter beiseite schob, entdeckte sie das Versteck: Eingebettet zwischen den obersten, moosigen Wurzeln des Baumes, fast so, als wäre es ein ganz natürlicher Teil des Stammes, lag eine Kette mit einem wunderschönen dunkelblauen Stiala Kristall. Doch der Kristall war mit feinen, schwarz glänzenden Runen graviert, die eine dunkle, heimtückische Aura ausstrahlten. Jemand hatte ihn hier einfach zurückgelassen und der Baum war um ihn herum weitergewachsen. 

Hazel zögerte keinen Moment. Sie trat vor, um das Artefakt zu bannen.

Sie atmete tief durch, schloss für eine Sekunde die Augen und streckte die Hände aus. Citrin schwebte wachsam hinter ihr, bereit, im Notfall einzugreifen. Hazel bündelte ihre gesamte Energie und webte einen goldenen, klaren Energiestrom aus ihren Fingerspitzen.

Summend legte sich ihre Magie wie ein strahlendes Netz um die Kette. Die dunklen Runen flackerten wütend auf. Doch statt nachzugeben, bäumte sich die schwarze Macht plötzlich mit einem Mal wütend und gewaltig auf!

Ein kalter Windstoß riss an Hazels Haaren. Aus dem dichten, aufsteigenden Rauch formte sich mit einem harten Zischen eine fiese, verzerrte Grimasse aus purem Schatten, die sie mit hasserfüllten Augen anstarrte und versuchte, ihren Willen zu brechen. Das dunkle Wesen schien greifen zu wollen, doch Hazel wankte nicht. Sie blieb stark, verankerte ihre Füße im Moos und goss all ihre Entschlossenheit in ihren Willen.

Sie hob den Kopf, blickte der Fratze direkt in die Augen und sprach mit fester Stimme ihren vertrauten Zauber, gefolgt von einer mächtigen Bannformel die sie gelernt hatte:

Lunae Lucem! Vincula frange, malum dissolve, exi in umbras!“. (Licht des Mondes! Brich die Fesseln, löse das Böse auf, weiche in die Schatten!)

Ein gleißendes, goldenes Licht explodierte förmlich aus ihren Händen und ihr grüner Hexenkristall an ihrem Gürtel leichte auf. Die schattige Grimasse schrie laut auf, als das Licht sie durchdrang. Mit einem erstickten Knall brachen die finsteren Schatten auf dem Edelstein endgültig auf. Die schwarze Macht verpuffte in einer dichten Wolke und löste sich endgültig in Nichts auf.

Hazel atmete tief und zitternd aus. Sie hatte es geschafft. Ganz allein. Stolz sah sie Citrin an und diese zeigte fröhlich zwei Daumen hoch.

Doch in dem Moment, als der letzte Rest der schwarzen Macht verblasste und die Luft im Garten wieder klar wurde, geschah etwas, das ihr das Blut in den Adern frieren ließ.

Aus den verbliebenen, sich auflösenden Schattenfunken erklang eine Stimme. Sie war glasklar, vertraut und klang, als käme sie direkt aus einer anderen Welt – oder von ganz weit weg:

„Hazel? … HAZEL!“

Hazel stockte der Atem. Fassungslos starrte sie Citrin an. Die Elfe sah sie ebenfalls mit weit aufgerissenen Augen an, die stumme Bestätigung lag in ihrem Blick.

In Hazels Augen sammelten sich heiße Tränen. Sie stürzte nach vorn, hob die nun harmlose Kette auf und presste Sie fest an ihre Brust, als hielte sie den letzten Beweis der Welt in Händen. Sie rang nach Luft, ihre Stimme zitterte.

„Citrin…“, flüsterte Hazel, während die Tränen über ihre Wangen liefen. „Das… das war sie. Das war Maru! Ihre Stimme! Du hast es doch auch gehört, oder?!?! Sag, dass ich mir das nicht einbilde!“

Citrin nickte langsam. „Ja, Ich habe es gehört! Es war ihre Stimme.“

Es war das erste echte, unmissverständliche Zeichen seit drei langen, quälenden Jahren. Drei Jahre voller Ungewissheit, Suche und der nagenden Angst, dass Maru vielleicht für immer verschwunden war. Jetzt war die Gewissheit da: Maru war irgendwo da draußen – und sie hatte sie gerufen.

Hazels Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust. Ein Teil von ihr wollte sofort zurück in die Akademie rennen, zu Professorin Celia, zu Tante Cybil oder der Schulleitung, um ihnen zu berichten, was geschehen war. Doch die Realität holte sie schnell ein. Sie erinnerte sich an die vielen Male, als sie von ihren Visionen erzählt hatte. Würde man ihr Glauben? Oder da ganze als emotionale Reaktion auf die Melancholie oder die Bannung abtun. Oder schlimmer noch: Man würde sie für verrückt erklären.

Und selbst wenn man ihr glaubte – wer konnte garantieren, dass sie Maru wirklich helfen konnten? Noch wusste sie nicht das geringste.

Nein. Der Weg, den sie bisher gegangen war, der Weg, auf dem sie gelernt hatte, sich auf ihre eigene Magie und Intuition zu verlassen, hatte sie genau zu diesem Moment geführt. Die Bannung des verfluchten Artefakts aus eigener Kraft hatte ihr gezeigt, wie weit sie gekommen war.

Hazel wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch. Ihre Hände zitterten nicht mehr, sondern ballten sich zu entschlossenen Fäusten. Sie sah den Schattenlorbeerbaum an, dann den klaren Sternenhimmel über sich. Die Melancholie war verflogen, vertrieben von einem brennenden Feuer in ihrem Inneren. Sie würde es niemandem erzählen. Nicht jetzt. Noch nicht. 

„Citrin“, sagte Hazel mit fester, klarer Stimme, während sie den Blick entschlossen nach vorn richtete. „Wir werden es für uns behalten. Das hier… das ist unsere Spur. Und wir werden sie verfolgen. Alleine. Genau das ist der richtige Weg.“ 

Citrin nickte. Sie sah das Feuer in Hazel’s Augen und spürte die Kraft die darin lag. Sie würde sie unterstützen, mit jeder Faser ihres Körpers! 

Mit neuem Mut und einer Mission, die klarer war denn je, drehte sich Hazel um und verließ den Schulgarten. Sie war bereit für den nächsten Schritt. Maru wartete.

In einem anderen Teil von Astraea

Weit entfernt von den schattigen Pfaden des Schulgartens, in Birkhafen, ging Sejanus ganz gewohnten Schritten nach. Die Straßen waren erfüllt von Händlern, die ihre Waren feilboten, und Magiern, die in ihren langen Roben eilig durch die Gassen zogen.

Sejanus trug eine schwere Ledertasche unter dem Arm und war auf dem Weg zu einem alten, angesehenen Magier, um ihm seine gesammelten Dokumente und Berichte vorlegen. Alles schien ruhig, beinahe normal. Ein alltäglicher Gang.

Plötzlich, mitten im Gedränge, hielt Sejanus inne. Ein leises, scharfes Knacken drang aus seiner Tasche – ein Geräusch, das ihm sofort einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

Er fuhr herum, drängte sich eilig an eine Hauswand abseits des Stroms und stellte seine Tasche auf einer steinernen Bank ab und öffnete vorsichtig seine Tasche.

Da lag sie: die alte, uralte Schreibfeder. Mit einem mulmigen Gefühl bemerkte Sejanus, dass sich über dem alten Material soeben ein weiterer, feiner Riss gebildet hatte.

Sejanus starrte fassungslos auf das Artefakt. Niemand wusste, was hier eigentlich vor sich ging – und vor allem hatte er absolut keine Ahnung, warum diese Feder sich plötzlich so unnatürlich veränderte. Sollte er vielleicht einen mächtigen Schutzzauber um die Tasche legen? Oder das Artefakt am besten sofort an eine der erfahrenen Professorinnen übergeben, bevor es völlig außer Kontrolle geriet?

Unruhig schloss er die Tasche wieder und drückte Sie fest an sich. Es wurde ihm unheimlich. Ganz langsam dämmerte ihm, dass hier etwas im Gange war, das seine Vorstellungskraft weit überstieg – und das er vielleicht bald nicht mehr allein bewältigen konnte.