LUNASTRIA HEXENAKADEMIE

  • Der Winter kommt
    15 November, 2025||
28 November, 2025| Hazel|

Die vierte Stunde bei Professorin Elvina war stets ein intellektueller Genuss, doch dieser Tag übertraf die Erwartungen. Das Thema, das sie auf die Tafel gezaubert hatte, fesselte die Studierenden augenblicklich: Die Überwachung und Bestrafung von Richtern und Wachen in den magischen Landen von Astraea wurde detailreich beleuchtet. Es war ein komplexes System der Rechenschaftspflicht, dessen Feinheiten Elvina mit der ihr eigenen, eleganten Präzision darlegte.

Hazel erfuhr, dass bei gravierenden Vergehen oder Korruption nicht einfach weltliche Autoritäten einschritten. Stattdessen wurden die Skaturi-Hexen – eine berüchtigte und gefürchtete magische Spezialeinheit – alarmiert, um mit unerbittlicher Härte und mächtigen Zaubern die Ordnung wiederherzustellen.

Kurz bevor sie die Stunde beendete, lächelte Elvina geheimnisvoll. „Heute noch“, verkündete sie mit einer vibrierenden Stimme, „dürfen wir eine ganz besondere Besucherin begrüßen.“

Die allgemeine Neugierde war bereits spürbar, als die schwere Eichentür des Hörsaals unerwartet aufgestoßen wurde. Im Türrahmen stand eine große, dunkel gewandete Gestalt, deren Aura beinahe den Schein der Beleuchtung verschluckte. Eine Welle beklemmender Intensität strömte in den Raum. Die plötzliche, unheimliche Spannung, die nun alle umklammerte, war anders als alles, was Hazel in den Hallen der Akademie je zuvor empfunden hatte. Sie wusste instinktiv: Dies war keine gewöhnliche Hexe.

Tatsächlich war sie solchen Hexen schon mehrfach begegnet: damals, als die Suche nach ihrer Schwester – kurz nach Marus‘ Verschwinden – auf Hochtouren lief.

Doch diese Frau hatte eine ganz andere Ausstrahlung. War es, weil Hazel jetzt, da sie ihre Magie lernte zu kontrollieren, die Aura einfach nur anders wahrnahm?

Die gut 1,90 Meter große Frau war schlank und sportlich. Sie hatte dunkelrote, fast schwarze Haare, die ihr lang und wild über ihre Schulter fielen. Auch ihre Kleidung und ihr Hexenhut hatten eine Schwarz-Rote Farbe, die an fließende Lava und erkaltete Kohle erinnerte.

Hazel schluckte schwer, als ihre roten Augen Hazels Blick suchten und trafen. Kurz verweilten sie auf ihr, dann sah die Skaturi-Hexe sich weiter im Raum um – ein Blick, der jedes Versteckspiel zunichtemachte.

Kannte Hazel diese Hexe?

Die Hexe stellte sich vor: „Mein Name ist Ifarién.“ Ihre Stimme war ruhig und hatte einen angenehmen, wenn auch strengen Klang. Die Hexenschüler stellten ihr viele Fragen: Wo kam sie her? Wo war sie Zuhause? Seit wann war sie in der Spezialeinheit und wie sah die Ausbildung dazu aus?

Mit Engelsgeduld beantwortete sie die vielen Fragen, und bald schon war die Zeit um. Hazel hatte noch keine Fragen gestellt. Sie wusste, wie die Skaturi-Hexen arbeiteten.

Angestrengt dachte Hazel nach. Sie kannte Ifarién. Zumindest war sie ihr damals kurz begegnet. Ifarién hatte eine andere Hexe bei der Befragung ihrer Eltern begleitet. Nichts hatte sich damals ergeben. Hazel wusste noch, wie enttäuscht sie war, trotz der Kenntnis, dass auch diese Einheit alles auf den Kopf gestellt hatte.

Ifariéns Augen trafen erneut auf Hazels. Ihrem Blick war zu entnehmen, dass sie sich ebenfalls erinnerte. Ein stummes Nicken mit einem hauchzarten Lächeln auf den Lippen ging in Hazels Richtung. Es war kein mitleidiger Blick wie damals, sondern einer, der Respekt und vielleicht sogar… Anerkennung verriet.

Hazel verstand. Damals hatte Ifarién nur die verzweifelte Schwester gesehen. Heute sah sie die Hexe, die ihre Magie lernte zu kontrollieren. Und die eine Frage, die Hazel nicht gestellt hatte – die nach dem Aufenthaltsort von Maru – schien Ifarién in diesem Moment laut und deutlich gehört zu haben.

Dann beendete Professorin Elvina den Unterricht und sie verabschiedeten sich von der Skaturi-Hexe.

Hazel wusste – sie würde Ifarién irgendwann erneut aufsuchen!