Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
07.10.2026 um 15:05 Uhr
4 Oktober, 2026| Hazel| , |
Der Realm-Schlüssel

Die Luft im Zimmer für magische Artefakte war stickig und voll von der konzentrierten Energie von zwei Dutzend eifrigen Hexenlehrlingen. Die letzte Stunde stand bevor und Professorin Celia wollte die Klasse auf die härteste Prüfung vorbereiten.

Während sich die Schülerinnen vorn um die Pulte drängten, wo Celia eine Truhe mit komplexen Runen präsentierte, hatte sich Hazel ganz bewusst für einen Platz in der hintersten Ecke des Raumes entschieden. Hier war sie für sich. Hier konnte ihr niemand über die Schulter blicken.

Tief in ihrer Tasche lag der dunkelblaue, glänzende Nocturnit-Edelstein, den sie, danke Merle’s Hilfe, aus der abgelegenen Hafenbucht von Birkhafen geborgen hatte. Mit zielstrebiger Hand, formte Sie aus Runengold ihren Schlüsselrohling. Mithilfe eines Ophil Kristalls, einer Flaria Muschel und Feenstaub, wurde das Material stabil und war magisch aufgeladen. Während sie zarte Runen in das Edelmetall zog, hörte sie immer wieder Marus Stimme in ihrem Kopf. Behutsam formte Sie den Nocturnit und fügte ihn in die dafür vorgesehene Fassung ein. Ein kurzes, kaltes Aufleuchten zuckte durch das Metall. Sie wusste, dass sie hier den Grundstein für den Realm-Schlüssel legte.

Plötzlich spürte sie einen Schatten über sich fallen.

Professorin Celia war lautlos nach hinten getreten. Doch statt etwas zu sagen, traf Hazel plötzlich eine klare Stimme direkt in ihrem Verstand. Es war Telepathie – eine Methode, die Celia so gut wie nie anwandte. Aber um die anderen Schülerinnen nicht aufmerksam zu machen, war dies die beste Option.

„Hazel…“, erklang Celias Stimme direkt in ihrem Kopf, was sie zusammenzucken ließ. „Was glaubst du hier zu tun? Ein Realm-Schlüssel sprengt jede herkömmliche Artefaktkunde. Das ist dimensionsübergreifende Magie.“
Hazel schluckte, wagte es nicht, laut zu sprechen, und antwortete in Gedanken ebenso fest: „Ich muss es wissen, Professorin. Ich suche nach dem, was verloren ging.“

Celia schloss kurz die Augen. In ihrem physischen Gesicht lag ein tiefer Schatten. „Dein Talent ist unbestritten Hazel. Aber der Weg dorthin ist brandgefährlich. Ich hoffe du weißt was du tust.“ Celia drehte sich um und ging mit gleichmäßigen Schritten weiter durch die Reihen, ohne ein weiteres Wort.

Am Ende der Stunde, als die anderen Schülerinnen lärmend den Raum verließen, war Hazel noch an ihrem Platz. Der Klassenraum leerte sich rasch. Professorin Celia stand in einiger Entfernung am Pult, musterte sie mit strengem, wachsamen Blick.

Hazel atmete tief ein, sammelte all ihre Willenskraft und beugte sich über ihr Werk. Sie zog die letzten, feinen Pentagramme um den Schlüssel, versiegelte die Äther-Verbindungen mit Präzision und hauchte dem Artefakt den finalen Zauber ein.

Mit einem leisen, tiefen Summen vollendete sich der Schlüssel.

Der Realm-Schlüssel pulsierte für einen kurzen, intensiven Moment, um seine fertige, gewaltige Präsenz zu signalisieren.

Doch dieses subtile, magische Aufleuchten reichte aus. Die Schwingung war so rein und mächtig, dass sie wie ein feiner Nadelstich durch das ganze Geflecht der Akademie zuckte. Junge Hexenschüler bemerkten nichts, aber die Erfahrenen unter ihnen und Professoren, spürten sofort, das hier gerade etwas sehr mächtiges erschaffen worden war.

Hazel’s Freundinnen – Echo, Flaimi, Rhiann, Felo und Élodie – die sich auf dem Hof der Akademie befanden, sahen sich an. Sie tauschten sorgenvolle Blicke aus. Was war gerade passiert? Alle fünft wussten es. Spürten es. Es hatte etwas mit Hazel zutun.

Kaum hatte das Pulsieren des Schlüssels nachgelassen, hallte eine klare, ruhige Stimme direkt in Hazels Verstand wider. Es war die Direktorin höchstpersönlich. Emily.

„Hazel. Komm sofort in mein Büro.“

Zugleich deutete Professorin Celia von vorn im Raum mit einem ernsten, auffordernden Blick zur Tür.

Im Büro der Direktorin

Die Luft in den Räumlichkeiten der Direktorin schien fast zu vibrieren. Emily war keine Lehrerin, vor der man „nur“ Respekt hatte – sie hatte eine Aura, die Ruhe und Macht ausstrahlte. In ihrem Büro hingen Porträts alter Meister, und in antiken Vitrinen surrten geheimnisvolle Artefakte leise vor sich hin. Eine schwarze Katze schlich durch den Raum – doch es war kein Tier. Es war ein Geisterhaftes Wesen. Ihr Vertrauter? Die goldenen Augen fixierten Hazel.

Diese stand vor dem massiven Schreibtisch. Die Direktorin musterte das junge Mädchen kühl, aber keineswegs grausam. Mit einer langsamen Handbewegung ließ Emily etwas über die polierte Holzplatte gleiten:

Es war der fertige Realm-Schlüssel, den Hazel noch vor wenigen Minuten in der Hand gehalten hatte. Sie blickte ihn verdutzt an. Wie konnte sie…

„Du spielst mit Mächten, die vor dir schon ganz andere zu verschlingen drohten, Hazel“, brach Emily schließlich das Schweigen. Ihre Stimme war leise, trug aber ein Gewicht, das den Raum füllte. „Als dein Schlüssel eben pulsierte, wusste ich sofort, wer dahintersteckt. Du trägst das Feuer im Blut… und den gleichen, brandgefährlichen Sturkopf wie damals deine Schwester Maru.“

Hazel schluckte hart. Sie wagte kaum zu atmen.

Emily lehnte sich nach vorn, und in ihren braunen Augen lag eine Mischung aus tiefer Faszination und mütterlicher Strenge. „Du glaubst wahrscheinlich, ich werde dir den Schlüssel jetzt abnehmen und dich für den Rest deiner Tage strafversetzen.“

„Ich… ich musste es versuchen, Direktorin“, brachte Hazel gepresst hervor. „Ich muss wissen, was mit Maru passiert ist. Und ich werde jeden Hebel in Bewegung setzen um es zu erfahren.“

Emily schloss kurz die Augen. Eine leise, fast unmerkliche Weichheit zog über ihr Gesicht, ehe sie wieder die strenge Schulleiterin wurde. „Ich werde ihn dir nicht abnehmen. Ich bin klug genug zu wissen, dass man eine Hexe auf einer solchen Suche nicht aufhalten kann – schon gar nicht mit Verboten. Du wirst diesen Schlüssel für deinen Weg brauchen.“

Emily ließ den Schlüssel langsam ein Stück weiter über den Tisch auf Hazel zu gleiten. „Aber er bleibt vorerst unter Verschluss, solange du ihn nicht einsetzen kannst. Und merk dir eins: Bis zu dem Tag, an dem du bereit bist, trägst du die volle Verantwortung für deine Taten. Wenn du scheiterst, wird die Akademie dich nicht retten können. Nimm ihn – und enttäusche mich nicht.“

Hazel nickte stumm, ergriff den kalten, mächtigen Schlüssel und verließ das Büro mit dem Wissen: Sie hatte ihr Werkzeug. Nun konnte die Recherche beginnen, bis der Moment kam, in dem der Realm-Schlüssel endlich das Tor zu Maru öffnen würde.

• • • • • •

Während Hazel bei der Direktorin war, traf sich, an einem der großen Buntglas Fensterfronten des oberen Korridors, Professorin Celia mit Hazels Tante, Professorin Cybil.

Draußen war die Dämmerung über die Akademie gezogen, doch drinnen im Gang schien die Luft noch immer leicht von der ätherischen Signatur zu vibrieren, die soeben durch das Gebäude gezuckt war. Cybil hatte die Hände vor der Brust verschlungen. Ihr Blick war starr auf den steinernen Boden gerichtet, während Celia ihr leise berichtete, was sich am Ende der neunten Stunde in der letzten Reihe abgespielt hatte.

„Sie hat ihn wirklich vollendet“, sprach Cybil mehr zu sich selbst, und ein Schaudern huschte über ihre Züge. „Ein Realm-Schlüssel… Sie weiß genau, was dieses Ding tun kann. Es öffnet Portale… reist durch Dimensionen.“

Cybil hielt inne. Plötzlich traf sie die schreckliche Erkenntnis wie ein physischer Schlag in die Magengrube. Ihre Augen weiteten sich, und der Schmerz darüber, was das bedeutete, schnürte ihr die Kehle zu. „Sie glaubt es zu wissen“, flüsterte Cybil tonlos, und eine einzelne, heiße Träne brach aus ihren sonst so strengen Augen und lief ihr über die Wange. „Sie glaubt, sie hat einen Hinweis gefunden wo Maru ist.“

Celia schluckte schwer. Der Name traf sie wie ein Echo aus einer längst vergangenen, schmerzvollen Zeit. Sie legte die Hände flach auf die steinerne Fensterbank, während ihre eigenen Augen glasig wurden.

„Sie ist auch nicht zu mir gekommen Cybil“, sagte Celia mit brüchiger Stimme, und ein Schatten tiefer Resignation legte sich über ihr Gesicht. „Dabei war ich es doch, die Maru damals unter ihren Fittichen hatte… die sie ausgebildet hat.“

Ein Schmerz von unerträglicher Schwere lag in Celias Worten. Die alten Vorwürfe, die sie sich jahrelang gemacht hatte, brachen wieder auf. „Der Schmerz, dass ich damals absolut machtlos war, dass ich nichts, absolut gar nichts tun konnte, um Maru rechtzeitig aufzuspüren… er sitzt immer noch so tief. Und jetzt geht Hazel denselben Weg, ganz allein, weil sie uns nicht belasten wollte.“

„Warum ist sie nicht zu mir gekommen?“, presste Cybil hervor, während ihre Hände unkontrolliert zitterten. „Warum hat sie das ganz allein durchgezogen und sich in diese Gefahr gebracht?“ Sie biss sich auf die Unterlippe, bis sie Blut schmeckte. „Weil ich sie gewarnt habe. Weil ich ihr verboten habe, sich mit verfluchten Artefakten einzulassen… Ich habe sie genau dorthin getrieben.“

Celia trat einen Schritt auf die sonst so unerschütterliche Verteidigungsmagierin zu, strich ihr sanft über den Arm und fing den tränenden Blick ihrer Kollegin auf. In diesem Moment waren sie keine strengen Professorinnen mehr, sondern zwei Frauen, die dieselbe geliebte Person beschützen wollten.

Celia atmete tief aus, und mit jeder Sekunde wich der Schmerz einer unerschütterlichen Entschlossenheit. Sie hob den Kopf und sah hinaus in die anbrechende Nacht.

„Wir können die Zeit nicht zurückdrehen Cybil“, sagte Celia leise, aber mit fester Überzeugung. „Und wir können Hazel nicht aufhalten – sie hat Marus Feuer im Blut. Aber wir können dafür sorgen, dass sie auf diesem verdammt gefährlichen Pfad nicht abstürzt.“

Cybil wischte sich rasch die Träne aus dem Gesicht und nickte langsam. Ein schwacher, aber dankbarer Schatten von Zuversicht kehrte in ihre Züge zurück.

„Du hast recht“, flüsterte Cybil. „Sie wird tun, was sie tun muss. Aber wir lassen sie nicht fallen.“

Beide Frauen schwiegen einen Moment, schauten gemeinsam in die Dunkelheit und fassten denselben stillen Entschluss: Sie würden Hazel im Blick behalten. Sie würden wie ein unsichtbarer Schild über ihr wachen, sie aus dem Hintergrund unterstützen und, wenn der Sturm losbrach, bereit sein, sie zu schützen.