Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
12.07.2026 um 09:25 Uhr
Der Hüter und der Sturm

Der schwere Duft von getrocknetem Salbei und süßem Myrrhe-Rauch hing dicht in der Luft des Klassenzimmers, das an diesem Nachmittag kaum wiederzuerkennen war. Wo sonst die Raben von Professorin Elspeth auf ihren Holzstangen saßen, brannten nun sanfte, violette Kerzen. Auf den Tischen glitzerten Kristallkugeln, Runensteine und kunstvoll verzierte Karten. Die geladene Wahrsagerhexe – eine ältere Frau mit einem Schleier, der wie flüssiger Nachthimmel wirkte – strahlte eine geheimnisvolle Ruhe aus.

Professorin Elspeth trat vor die Klasse. „Heute blicken wir nicht nur nach außen, sondern nach innen“, verkündete sie. „Es ist Zeit, euch selbst besser kennenzulernen – und zu erfahren, wer euch auf eurem Weg begleiten wird.“ Ein Vertrauten, so erklärte sie, war ein Wesen, das sich untrennbar mit der eigenen Seele verweben würde.

Hazel spürte ein mächtiges, ehrfürchtiges Kribbeln in der Brust. Sie ging mit unendlich viel Respekt an diese Stunde heran. Wie weit sie gekommen war! Sie musste unwillkürlich an ihre zweite Stunde im Fach Wahrsagen denken. Damals hatte sie völlig ratlos vor ihrer Kristallkugel gesessen, in der ihr eine geisterhafte Hasengestalt in einem dunklen Wald erschienen war. Professorin Celestine hatte damals gemunkelt, es sei der Vertraute einer Hexe – und Hazel hatte nur enttäuscht gemurmelt: „Was ist denn das nun schon wieder.“

Heute war sie keine unwissende Anfängerin mehr. Heute wusste sie es schmerzhaft genau: Dieser Hase aus ihrer Vision war Marus Vertrauter. Trotz all des Halts, den ihre Freunde, ihre Familie, die treue Citrin und ihr kleiner Zuwachs Merle ihr gaben – der Riss in ihrer Seele blieb. Wo bist du, Maru?

Als Hazel an der Reihe war, bat die Wahrsagerin sie, sich ihr gegenüberzusetzen. Die Hexe legte ein Deck aus samtigen, nachtblauen Karten zwischen sie. „Konzentriere dich nicht auf das, was du suchst, Hazel“, flüsterte die Seherin, als hätte sie die aufwühlenden Erinnerungen in dem Mädchen gespürt. „Konzentriere dich auf das, WAS DU BIST.“

Hazel schloss die Augen und atmete tief ein. Der Versuch, ihren Geist zu leeren, scheiterte an der unendlichen Sehnsucht nach ihrer Schwester. Doch Hazel wusste wie sich sich beruhigen konnte. Erneut atmete sie ruhig ein uns aus, nahm ihren Hexenkristall in die Hand und konzentriert sich auf das schwarz hinter den geschlossenen Augen. 

Plötzlich begann die Vision sich zu formen. Ein tiefes, schimmerndes grün, durchzogen von funkelnden Goldtönen, flutete die Schwärze – die Farben von ihrer Magie. Aus dem dichten Nebel ertönte das Knacken von Unterholz, und eine stolze, majestätische Gestalt trat hervor: 

Ein riesiger Hirsch, dessen Geweih mit funkelnden Kristallen besetzt war. Er verströmte eine unerschütterliche, uralte Ruhe.

Doch die Vision blieb nicht still. Hazels Gedanken an Maru und die Erinnerung an die Kristallkugel rissen an der Magie. Ein heftiger Sturm zog im Nebel auf. Die goldenen Funken wirbelten wild umher. Doch anstatt zu fliehen, senkte der Hirsch stolz den Kopf. Er stellte sich schützend in den Wind – genau zwischen Hazel und die tosende Dunkelheit.

Und dann schloss sich der Kreis. Im wirbelnden Nebel, tief im Schutz des Waldes im Hintergrund, zeichnete sich dieselbe Silhouette ab, die Hazel damals in der Kugel gesehen hatte: der zarte, schleierhafte Hase aus purem, weißem Mondlicht. Er huschte flink durch das Unterholz. Auf Hazel’s Armen breitete sich eine Gänsehaut aus. 

Der Hase hob für den Bruchteil einer Sekunde den Kopf, blickte zu ihr, ehe er im dichten, unwegsamen Dickicht der Vision verschwand. Doch der Hirsch wich nicht zurück. Seine bernsteinfarbenen Augen fixierten Hazel mit einem Blick voller Versprechen. Er würde sie durch jeden Sturm leiten, seine schützende Krone über sie halten und nicht ruhen. Er war ihr Fels in der Brandung – und ihr Wegweiser.

Als das Bild verblasste und das sanfte Klacken von Karten Hazel zurückholte, zitterten ihre Hände. Ein heftiger Schauer durchfuhr ihren Körper, und ihr stockte der Atem. Es war kein bloßes Erschrecken – es war eine Erschütterung, die sie bis ins Mark traf. Tränen des Begreifens stiegen ihr in die Augen. Maru. Es war kein Traum gewesen, keine Einbildung. Ihre Schwester war da draußen!

Die Wahrsagerin blickte sie mit tiefem Mitgefühl an. Vor Hazel lagen drei Karten: Der Sturm, Der Sucher und Das Band.

„Ein mächtiger Führer, mein Kind“, raunte die Hexe leise. „Er wird dich auf Pfaden leiten, die noch tief im Verborgenen liegen, um das zu finden, was dein Herz schmerzhaft vermisst.“

Hazel hörte die Worte kaum noch. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Kaum hatte Professorin Elspeth die Stunde offiziell beendet, packte Hazel ihre Sachen mit zitternden Fingern zusammen. Sie stürmte geradezu aus dem Raum, dich gefolgt von Citrin. So schnell ihre Füße sie trugen, quer über den Campus zu Tante Cybil.

Völlig außer Atem stieß sie die Tür auf. „Tante!“, rief sie aus.

Cybil, die gerade einige getrocknete Kräuter sortierte, blickte erschrocken auf und ließ sofort alles stehen und liegen. „Hazel? Was ist passiert? Ist etwas mit Merle?“

„Nein, nein, Merle geht es gut“, brachte Hazel hervor, während sie versuchte, ihren rasenden Puls zu beruhigen. Sie trat hastig an Cybils Arbeitstisch. „Es ist Maru! Ich habe sie gesehen. Gerade eben in Wahrsagen. Ihr weißer Hase war in meiner Vision. Er hat mich angesehen, Tante! Sie versucht, mir ein Zeichen zu geben. Wir müssen sie suchen gehen, sofort! Sie muss irgendwo in den Wäldern sein, wo der Nebel ist. Wir müssen los!“

Tante Cybil trat seufzend, aber unendlich sanft auf Hazel zu und legte ihr beruhigend die Hände auf die Schultern. Ihre Augen strahlten eine tiefe Wärme aus, gemischt mit einem schmerzhaften Wissen. „Hazel… atme erst einmal tief ein. Schau mich an.“ Sie wartete, bis sich Hazels hektischer Atem ein wenig legte. „Ich verstehe, wie viel dir das bedeutet. Und mein Herz sehnt sich nach nichts anderem. Aber… eine Vision ist ein Blick durch den Schleier der Zeit und des Geistes. Man kann eine Vision nicht betreten. Man kann die Koordinaten eines Traums nicht auf einer echten Landkarte einzeichnen. Wir wissen nicht, wo oder wann dieser Wald existiert.“

Hazel schluckte schwer, die aufkeimende Hoffnung drohte in ihrer Brust zu zerbrechen. „Aber ich kann doch jetzt nicht einfach herumsitzen und nichts tun…“, flüsterte sie, und eine Träne stahl sich über ihre Wange.

Cybil strich ihr sanft die Träne weg und schenkte ihr ein entschlossenes Lächeln. „Das wirst du auch nicht. Weißt du was? Nur um ganz sicherzugehen und damit dein Kopf zur Ruhe kommt: Ich werde heute Abend die nahegelegenen Wälder rund um das Gelände und Helvik noch einmal gründlich durchkämmen. Und du nutzt diese Zeit, um dich auf deine Magie zu konzentrieren. Wenn der Hirsch dein Wegweiser ist, dann musst du stark genug sein, um ihm zu folgen, wenn die Zeit reif ist. Einverstanden?“

Hazel nickte langsam. Das Wissen, dass Cybil sie ernst nahm, gab ihr den nötigen Halt, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Maru war da irgendwo! Jetzt war sie sich ganz sicher!

Welche Art von Vertrautem das eigene Wesen spiegelt:

Der magische Hirsch als Waldhüter und Pfadfinder spiegelt mein Wesen wider, da meine Magie auf Schutz (Rune Algiz) und Wegfindung basiert. Er ergänzt mich dort, wo mein innerer Schmerz eine Lücke hinterlassen hat. Die Vision baut direkt auf meiner allerersten Wahrsage-Erfahrung auf: Damals verstand ich den Hasen im Nebelwald nicht. Heute zeigt mir die Magie, dass mein künftiger Vertrauter die unerschütterliche Standhaftigkeit besitzt, mich durch den Sturm zu führen, um die Spur von Maru wiederzufinden. Er ist der „Sucher“, der das zerschnittene „Band“ zwischen uns wieder zusammenfügen wird.

Hazel’s Reflektion

Der emotionale Riss durch Marus Verlust und das plötzliche Verknüpfen der alten Kristallkugel-Vision haben das rituelle Umfeld destabilisiert und einen magischen Sturm erzeugt. Allerdings zeigt mir dieser Verlauf, wie stark sich mein magisches Verständnis seit der zweiten Unterrichtsstunde entwickelt hat. Ich bin nicht mehr enttäuscht oder ratlos wie damals. Ich erkenne nun die Zeichen. Für die Zukunft reflektiere ich, dass wahre Magie eng mit der eigenen Geschichte verwoben ist. Ich muss den Schmerz und die Erinnerung nicht verdrängen, sondern die Ausdauer des Hirsches nutzen, um meinen Fokus auf dem Weg nicht zu verlieren.