Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
28.06.2026 um 08:20 Uhr
20 Juni, 2026| Hazel| , |
Der Blick ins Ungewisse

Wahrsagen war für Hazel ein Buch mit sieben Siegeln. Auch wenn sie nun ihren Hexenkristall, die starken Runen und Citrin als Hilfe hatte. Als Professorin Celestine das Kaffeesatzlesen vorstellte, atmete Hazel zumindest ein bisschen auf. Das klang nach einem guten Plan.

Hazel besorgte einen frisch gebrauten Kaffee aus dem „Tautröpfchen“, den Citrin nun bis auf den letzten Schluck genüsslich austrank. Als die Tasse leer war, schwenkte Hazel das Porzellan dreimal im Uhrzeigersinn und kippte es vorsichtig auf die Untertasse. Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie die Tasse wieder umdrehte.

Hazel starrte auf den feuchten, dunklen Kaffeesatz am Tassenboden. Zuerst sah sie nur formlose Klumpen. Sie wollte schon frustriert aufseufzen, als sie sich an Professorin Celestines Worte erinnerte: Lebhafte Vorstellungskraft und das Erkennen von Mustern.

Hazel zwang sich, den Blick nicht abzuwenden. Sie vergaß den Lärm im Klassenzimmer, fixierte das tiefe Schwarz in der Tasse – und plötzlich passierte es. Rein aus einem tiefen, instinktiven Impuls heraus, veränderte sich das Bild vor ihren Augen. Die feuchten Kaffeekörner schienen sich beinahe langsam zu bewegen.

Ein Frösteln überlief sie, und ihre Hände in den wurden plötzlich ganz kalt. Sie spürte die Erwartung von Professorin Celestine, die mitsamt Citrin näher getreten war, um zu hören, was Hazel entdeckt hatte. Hazel schluckte schwer, wich unwillkürlich ein Stück zurück und begann mit ungewohnt leiser, zögerlicher Stimme zu sprechen:

„Ich… ich sehe eine Knospe“, begann sie und deutete mit einem Finger in das Innere der Tasse. „Sie ist fest verschlossen, umgeben von Dornen. Es sieht aus, als würde sie… schlafen?“ Hazel blickte kurz auf, fixierte die Professorin und sprach dann weiter: „Und direkt darüber ist ein einzelner Stern. Er scheint diese Knospe anzustrahlen, als würde er über sie wachen.“ Sie hielt inne. Das ganze Klassenzimmer schien plötzlich still zu sein. Hazel spürte ein tiefes Unbehagen in der Brust, eine Mischung aus Ehrfurcht und Angst vor dem, was sie da gerade selbst entschlüsselt hatte.

„Da wartet etwas auf uns“, sagte sie schließlich laut, während sie Citrin direkt in die großen, goldenen Augen blickte. 

Mit einem mulmigen Gefühl schob Hazel die Tasse ein Stück von sich weg. Citrin sah mit neugierigem Blick selbst in die Tasse.

Auch Professorin Celestine blickte noch einen langen Moment schweigend auf den Kaffeesatz, ehe sie den Blick hob. Ihre Augen, die sonst oft einen verträumten Eindruck machten, waren plötzlich glasklar und voller Ernst.

„Ein bemerkenswerter Blick, Miss Hazel“, sagte sie mit einer Stimme, die leise genug war, um nur für Hazel und Citrin bestimmt zu sein. „Und deine Vorsicht ehrt dich. Viele junge Hexen machen den Fehler, eine Vision sofort stürmisch jagen zu wollen. Mein Rat an dich lautet: Erzwinge nichts. Manche Geheimnisse schützen sich selbst, weil die Zeit für sie noch nicht reif ist. Wenn dieser Stern dein Licht ist, dann wird er dir den Weg weisen, sobald die Knospe bereit ist, aufzublühen. Bis dahin… bewahre diese Vision in deinem Herzen, aber lass dich von der Furcht vor dem Ungewissheit nicht lähmen. Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt, auf dein tägliches Handwerk.“

Sie schenkte Hazel ein kleines, geheimnisvolles Lächeln, das etwas Tröstliches an sich hatte. „Du hast heute deine wahre Intuition bewiesen. Sei stolz darauf!“

Mit einem letzten, vielsagenden Blick zu Citrin zog sich die Professorin zurück, glättete ihr langes Gewand und wandte sich mit ihrer gewohnt schwebenden Art der nächsten Schülerin zu, als wäre nichts gewesen. Doch Hazel spürte, dass der Rat der Professorin wie ein unsichtbarer Schutzschild wirkte – die Angst war verflogen, zurück blieb eine respektvolle, wachsame Neugier.

Citrin schwebte einen Stück näher, legte ihre Hand auf Hazels Schulter und sagte mit ihrer klaren, sanften Stimme: „Es ist das Schicksal, Hazel. Und das Schicksal ist selten sicher. Aber du wirst nicht allein sein, wenn die Knospe erwacht. Das verspreche ich dir.“ 

Ein Glück habe ich dich, Citrin!