Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
05.07.2026 um 09:30 Uhr
3 Juli, 2026| Hazel| |
Das Band des Herzschlags

Der gesamte Tag war für Hazel wie in Trance vergangen. Die Worte ihrer Tante und das Bild der Rosenknospe hatten wie ein unaufhörliches Echo in ihrem Kopf nachgehallt. Sie hatte sich den Kopf zerrissen, abgewogen und gezweifelt, während sie unruhig in ihrem Zimmer auf und ab ging.

Citrin, die sonst die Ruhe in Person war, hielt dieses endlose Zögern irgendwann nicht mehr aus. Sie schwebte ungeduldig vor dem Fenster auf und ab, bis sie schließlich mitten vor Hazels Gesicht in der Luft verharrte. „Es wird Zeit!“, sprach Citrin plötzlich in die Stille hinein. „Hör auf zu grübeln. Die Rose wartet nicht ewig – und du bist bereit. Wir sind bereit. Lass uns endlich gehen!“ 

Hazel hielt inne, blickte in die entschlossenen Augen ihrer Elfe und ein erstes, echtes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Citrin hatte recht. Je größer die Schatten des Zweifelns wurden, desto klarer wurde das Gefühl in ihrer Brust: Es war Zeit.

Als der frühe Abend den Himmel über Lunastria in ein tiefes Violett und sanftes Orange tauchte, machte sich Hazel auf den Weg. Ihr Hexenkristall lag schwer und beruhigend in ihrer Manteltasche. Citrin saß auf ihrer Schulter.

Der Weg führte sie tief in die Schlossanlagen, dorthin, wo die schweren, schmiedeeisernen Tore des Rosengartens aufragten. Zwei Schlosswachen in funkelnden Rüstungen standen links und rechts des Eingangs. Sie musterten Hazel mit ernsten und erwartingsvollen Blick. Hazel zeigte ihren Hexenkristall.

Die Wachen nickten stumm, traten synchron beiseite und öffneten die schweren Tore.

Dahinter erstreckte sich ein Ort von atemberaubender Pracht. Im fahlen Licht der Abenddämmerung wirkte das dichte Meer aus Blüten fast unwirklich. Überall Rosenknospen in den herrlichsten Farben – tiefes Rubinrot, sonniges Gold und sanftes Violett. Jede dieser Knospen war ein Versprechen, ein schlafendes Wunder, das auf den Herzschlag seiner zukünftigen Pflegemutter wartete.

Hazel ging mit langsamen Schritten den verschlungenen Kiesweg entlang. Ihre Hände zitterten leicht. Sie schloss ihre Augen und lauschte dem Wind, fühlte Citrins Wärme auf ihrer Schulter und atmete ruhig ein uns aus.

Plötzlich veränderte sich etwas. Es war nichts das man sehen konnte, aber Hazel spürte es tief in ihrer Brust: Ihr Herz setzte für einen Wimpernschlag aus, nur um dann in einem ganz neuen, schnelleren Takt weiterzuschlagen. Ein plötzlicher, warmer Schauer lief ihr über den Rücken, als würde ein unsichtbares Band sanft an ihrer Seele ziehen und sie in eine ganz bestimmte Richtung lenken. Hazel öffnete die Augen und verließ ohne zu zögern den Hauptweg.

Ein Stück abseits der anderen Sträucher, geborgen im leichten, schützenden Schatten einer mächtigen, uralten Eiche, wuchs ein einzelner, dornenloser Rosenstock. Und dort blühte eine Rose, die sofort Hazels Blick fesselte: Sie war von einem wunderschönen, reinen Hellblau. Die Blütenblätter schimmerten sanft im schwindenden Tageslicht.

Als Hazel vortrat, passierte etwas Magisches. Die Knospe begann im Takt ihres eigenen Herzschlags ganz leicht zu pulsieren. Citrin stieß einen leisen, entzücktes Ton aus. Sie flog von Hazels Schulter und schwebte um die hellblaue Rose herum. Nach und nach, durch Hazel’s bloße Anwesenheit, öffneten sich die Blüte Stück für Stück mehr.

Hazel trat ganz nah heran und streckte die Hand aus. „Ich bin hier“, flüsterte sie.

In dem Moment, als Hazels Fingerspitzen ein zartes, hellblaues Blütenblatt berührten, wich jede Last von ihr. All die quälende Unsicherheit, die Ängste der letzten Wochen und das Gefühl der Ohnmacht lösten sich auf. Die Rose öffnete sich vollends. Im Herzen der hellblauen Blüte erwachte es – ihr ganz eigenes Hexenkind. Ein winziges, vollkommenes kleines Mädchen, das die Geborgenheit der Knospe verließ.

Hazel spürte, wie ihr vor Erleichterung die Tränen kamen, als sie die kleine Hand sah, die sich ihr entgegenstreckte. Behutsam reichte sie dem Baby ihren Zeigefinger, und als die winzigen Finger sich darum schlossen, breitete sich eine unzertrennliche, tiefe Wärme in Hazels Brust aus.

Merle“, sprach Hazel sanft in die Stille des Abends hinein. „Dein Name ist Merle.“

Citrin landete glücklich auf dem Rand der geöffneten Blüte und beobachtete mit verliebtem Blick das kleine Geschöpf. Hazel hob ihr Hexenkind behutsam an ihre Brust. Mit Merle im Arm spürte sie eine unbändige, neue Kraft. 

Der Weg zu Maru war vielleicht noch lang – aber sie würde ihn finden. Denn der wichtigste Schlüssel lag nun sicher in ihren Armen.