Der vergangene Unterricht ging Hazel nicht aus dem Kopf. Die vierte Stunde bei Professorin Elvina hatte Hazel aufgewühlt.
Hazel wollte gerade ihre Pergamente zusammenrollen, als sie einen Schatten im Türrahmen bemerkte. Die anderen Schüler waren bereits aus dem Unterrichtstau verschwunden, doch Ifarién, die Skaturi-Hexe, stand noch da. Sie wartete.
„Hazel.“ Der Klang ihres Namens aus dem Mund dieser Frau ließ Hazels Herz einen Schlag aussetzen.
Ifarién trat näher, ihre Schritte lautlos auf dem Steinboden. „Ich habe gesehen, wie du heute gearbeitet hast. Deine Magie hat sich stabilisiert. Sie ist nicht mehr das wilde, verzweifelte Feuer von vor zwei Jahren. Sie ist… fokussiert.“ Sie hielt kurz inne. „Wir haben eine neue Spur. Nichts Konkretes, kein Ort, aber eine Signatur, die wir im Norden aufgespürt haben. Sie ähnelt Marus magischem Fingerabdruck.“
Hazel spürte, wie ihr die Kehle zuschnürte. „Eine Spur? Warum sind Sie hier und nicht dort?“
„Weil die Skaturi-Hexen dort nicht weiterkommen. Es ist Privatbesitz, altes Recht“, erklärte Ifarién gedämpft. „Aber eine Tochter, die nach Hause zurückkehrt, um ihren Eltern beizustehen… die stellt weniger Fragen und findet vielleicht mehr Antworten.“
Der Entschluss stand fest. Emily, die Leiterin der Akademie, war schwer zu überzeugen gewesen, doch mit Ifariéns diskreter Unterstützung wurde Hazel eine sechsmonatige Beurlaubung gewährt.
Die Rückkehr in ihr Elternhaus war bittersüß. Das Wiedersehen mit Ceres und Hektor war geprägt von Tränen und der stillen Hoffnung, die in ihren Augen aufflackerte, als Hazel von der neuen Spur erzählte. Drei Monate lang durchkämmten sie gemeinsam alte Archive, befragten zwielichtige Informanten in den Grenzdörfern und Hazel nutzte jede freie Minute, um ihre Sinne zu schärfen.
Sie suchte in den Wäldern ihrer Kindheit.
Sie analysierte magische Rückstände in Marus alten Zimmer.
Sie folgte dem Flüstern des Nordwinds.
Doch am Ende des fünften Monats saß Hazel am Küchentisch ihrer Eltern, die Hände um einen kalten Becher Tee geschlossen. Die Spur war im Nichts verlaufen. Maru blieb verschwunden.
Als Hazel nach einem halben Jahr die Tore der Akademie wieder passierte, war sie nicht mehr dieselbe Schülerin, die sie bei ihrer Abreise gewesen war. Ihr Blick war gereift, ihre Haltung aufrechter.
Sie hatte Maru nicht gefunden, aber sie hatte etwas anderes entdeckt: Ihre eigene Belastbarkeit.
In ihrem ersten Unterricht war es totenstill, als Hazel den Raum betrat. Sie setzte sich auf ihren alten Platz, schlug ihr Buch auf und blickte nach vorn. Die Enttäuschung über die erfolglose Suche brannte noch immer in ihrer Brust, aber sie loderte nun wie eine kontrollierte Flamme, die sie antrieb, anstatt sie zu verzehren.
Sie würde weiter studieren. Sie würde die Beste werden. Denn wenn die nächste Spur auftauchte, wollte sie nicht mehr nur diejenige sein, die Fragen stellte – sie wollte diejenige sein, die Maru nach Hause brachte!














