Die Nacht ist lau, und die Luft vibriert förmlich vor Energie. Ich schwinge mich auf meinen Besen und spüre den kühlen Nachtwind in meinen Haaren, während ich gemeinsam mit den anderen Hexen Kurs auf den Blocksberg nehme. Unter uns glitzern die Lichter der Dörfer, aber unser Ziel ist das riesige Maifeuer, das bereits hell oben auf dem Gipfel lodert.
„Schneller, Baldrian!“, höre ich Barbara Blocksberg rufen, die pflichtbewusst an uns vorbeizieht. Sie hat wie jedes Jahr ihren großen Kessel dabei – wahrscheinlich für ihre berüchtigte Spinnenbeinsuppe.
Wir landen im Schein der Flammen und beginnen sofort, ausgelassen um das Feuer zu tanzen. Das Gerücht, wir würden hier mit dem Teufel tanzen, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Es war ein genialer Einfall einer Vorfahrin, um neugierige Menschen fernzuhalten. In Wahrheit feiern wir hier oben nur die Kraft der Natur.
Die Hexen mit der Spezialisierung Melodiemagie haben ihre Plätze eingenommen und musizieren schauerhaft schön auf Instrumenten, die aus edlem Eschenholz gefertigt sind.
Währenddessen kümmern sich die Hexen mit der Spezialisierung Kristallmagie wie jedes Jahr um die Verpflegung. Auf großen Platten servieren sie die Klassiker, die auf keinem Blocksberg-Fest fehlen dürfen: Da gibt es die im Dunkeln glitzernden Knusper-Karies-Kekse und die berüchtigten Zitronen-Zorn-Zungen – saure Fruchtgummis, die auf der Zunge wie Brausepulver explodieren. Auch die Matsch-Muffins, dunkle Schokomuffins mit einem klebrigen Kern, und die Schimmel-Schnitten, deren Puderzucker verdächtig grünlich schimmert, stehen bereit.
Die Runenmagierinnen bringen derweil die Erde zum Leuchten. Sie ritzen mit ihren Stäben uralte Schutzzeichen in den harten Boden des Blocksbergs, die in einem tiefen Bernsteinrot glühen. Diese Runen sorgen dafür, dass kein ungeladener Gast den Berg betreten kann und unsere magische Energie im Kreis bleibt.
Hoch über unseren Köpfen weben die Äthermagierinnen das Licht der Sterne in den Rauch des Maifeuers. Sie greifen scheinbar ins Leere und formen aus der reinen Energie der Nacht schillernde Schleier, die wie Polarlichter über uns hinwegziehen. Durch ihre Magie fühlt es sich an, als würde der Blocksberg zwischen den Welten schweben…
Als Spezialistin für Blütenmagie sorge ich gemeinsam mit meinen Mitmagierinnen für das Erwachen der Natur. Während wir um das Feuer tanzen, lassen wir mit jeder Handbewegung leuchtende Nachtkerzen und silbrige Mondblumen direkt aus dem nackten Fels des Blocksbergs sprießen. Ich wirble im Kreis und lasse Kaskaden von duftendem Flieder und funkelnden Maiglöckchen durch die Luft regnen, die sich wie lebendiger Schmuck in den Haaren und an den Besen der anderen Hexen festsetzen. Es duftet so intensiv nach frischem Frühling, dass man für einen Moment fast vergisst, dass wir uns auf einem kargen Berggipfel befinden.
Punkt Mitternacht hält die Musik plötzlich inne. Ein ehrfürchtiges Schweigen legt sich über den Gipfel, während die Flammen des Feuers plötzlich giftgrün hochschlagen. Wir versammeln uns alle zu einer riesigen Runde und fassen uns an den Händen. Ich spüre die geballte Hexenkraft, die durch unsere Gemeinschaft fließt. Gemeinsam sprechen wir den alten Spruch, um unsere Verbundenheit zu besiegeln und den Frühling endgültig in der Welt willkommen zu heißen.















