Lunastria
Hexenakademie
14.06 – 12.07.2026
- Astrolabium Zodiac
Prompt Juni 2026
15.06.2026 um 15:40 Uhr
Die fabelhaften Eisdiebinnen von Lunastria
Die Luft flirrte so stark, dass die Türme der Lunastria-Akademie aussähen, als würden sie schmelzen. Juni 2026 brachte keine normale Sommerwärme. Die Hitze war so drückend, dass selbst die magisch gekühlten Springbrunnen im Innenhof kapitulierten und komplett austrockneten.
Ich strich mir eine verschwitzte Locke aus der Stirn und seufzte. Neben mir ließ Vivi, meine kleine Elfe, träge die Flügel hängen. Ihre sonst so hell leuchtende Aura wirkte wie eine matte Glühbirne.
„Élodie…“, maulte Vivi. „Sogar meine Glitzerpartikel schwitzen. Tu was. Bitte.“
Ich grinste matt. Wenn eine Elfe zu erschöpft war, um Unfug zu treiben, war die Lage ernst. Eigentlich sollte ich für die Wahrsagerei-Prüfung büffeln. Stattdessen saßen wir in der uralten, stickigen Bibliothek und kämpften um jeden Atemzug. Die Pergamentrollen klebten an meinen Unterarmen.
„Warte kurz“, murmelte ich. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf das bisschen Restenergie in mir. Ich visualisierte flüssiges Eis und den Duft von frischer Minze.
Mit einer eleganten Handbewegung webte ich einen kleinen, kühlenden Frostzauber direkt über Vivi. Ein leises Puff ertönte. Winzige, schneeweiße Flocken rieselten auf sie herab.
Vivi schreckte hoch, fing eine Schneeflocke mit der Zunge auf und kicherte zufrieden. „Oh, danke! Du bist die beste Magierin des gesamten Jahrgangs!“
„Übertreib nicht“, lachte ich, während ich uns mit Papier frische Luft zufächelte. „Aber wenn wir diese Hitzewelle überstehen wollen, müssen wir die Wahrsagerei-Bücher wohl oder übel in den tiefen Keller verlegen.“
Vivi flog auf meine Schulter und knuffte mich in die Wange. „Hauptsache, es gibt dort unten keine Hitzedämonen. Los geht’s, Élodie!“
Sie hatte recht. Wenn wir hier nur herumsitzen, kriegen wir in der Hitze eh nix gescheites hin. Ich raffte meine Schuluniform zusammen, warf das nutzlose Wahrsagerei-Buch in die Tasche und stand auf. Meine Beine fühlten sich an wie Blei, aber der Gedanke an etwas Kaltes trieb mich voran.
„Wir gehen nicht in den Keller“, bestimmte ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Wir holen uns Eis. Und zwar sofort.“
Vivis Augen leuchteten augenblicklich in einem gierigen Violett-Ton auf. „Das Astral-Eis aus der Cafeteria? Das mit den prickelnden Sternensplittern?“
„Genau das.“ Ich schnaubte leise, während wir den schattigen Torbogen verließen und die flirrende Hitze des Innenhofs uns sofort traf. „Auch wenn Professor Kael uns hochkant rauswirft, weil die Cafeteria aufgrund ihrer Betriebszeiten eigentlich geschlossen ist.“
„Pah, Kael soll sich mal nicht so anstellen“, schmollte Vivi, die versuchte, in meinem Schatten zu fliegen, um den direkten Sonnenstrahlen zu entkommen.
Wir huschten an den Rosenbeeten des Schulhofs vorbei. Der Boden war so heiß, dass ich die Wärme durch die dünnen Sohlen meiner Stiefel spüren konnte. Als wir die schwere Eichentür der Cafeteria erreichten, drückte ich vorsichtig die Klinke nach unten. Verschlossen. Natürlich. Am Türschloss schimmerte eine bläuliche Rune – ein magisches Siegel.
„Vivi, dein Einsatz“, flüsterte ich und sah mich hektisch um. Der Hof war glücklicherweise wie leergefegt, da keiner wollte in der Hitze draußen sein wollte.
„Nichts leichter als das!“ Die kleine Elfe flog vor das Schloss. Sie kneifte die Augen zusammen, konzentrierte sich und tippte mit ihrer winzigen Hand auf die Rune. Ein leises, goldenes Prickeln ging von ihren Fingerspitzen aus. Vivi hatte das seltene Talent, die magischen Signaturen von Schlössern einfach zu „kitzeln“, bis sie nachgaben.
Mit einem satten Klack sprang die Tür auf. Ein Schwall von herrlich kühler Luft schlug uns entgegen. Es roch nach gefrorenem Nektar und Minze.
„Schnell rein!“, drängte ich, und schlüpfte in den dunklen, klimatisierten Raum. Hinter uns fiel die Tür ins Schloss.
Vor uns stand die große Magietruhe, in der die seltenen Eisvorräte der Akademie gelagert wurden. Doch gerade als ich den Deckel anheben wollte, um nach dem Astral-Eis zu greifen, hörten wir Schritte aus dem hinteren Vorratsraum. Schwere, rhythmische Schritte.
Professor Kael.
„Élodie, versteck dich!“, quiekte Vivi viel zu laut und versuchte, mich hinter eine Reihe von hölzernen Servierwagen zu schieben.
Mein Herz rutschte mir in die Hose. Die schweren Schritte von Professor Kael kamen unaufhaltsam näher, begleitet von dem tiefen Murmeln eines Zauberspruchs, den er wahrscheinlich gerade im Geiste durchging. Wenn er uns hier erwischte, konnte ich mir die Wahrsagerei-Prüfung komplett abschminken.
„Vivi, wir brauchen ein Ablenkungsmanöver. Sofort!“, flüsterte ich panisch, während ich mich so flach wie möglich hinter den Servierwagen presste.
„Überlass das mir!“, flüsterte sie zurück. Ihre Augen blitzten abenteuerlustig. Sie wirbelte dreimal um ihre eigene Achse und feuerte eine winzige, neongrüne Kugel aus reinem Elfenstaub quer durch den Raum.
Der Staub traf die metallenen Serviertabletts am anderen Ende der Cafeteria. Puff.
Anstatt eines einfachen Geräuschs explodierte die grüne Kugel in einer magischen Illusion. Plötzlich ertönte das ohrenbetäubende Gackern von mindestens zwei Dutzend unsichtbaren, aufgescheuchten Hühnern. Es klang, als würde eine ganze Horde von ihnen die Cafeteria zerlegen. Ein wildes Flattern und Klappern erfüllte den Raum.
„Was beim Barte von Merlin…?!“, dröhnte Kaels Stimme. Er riss die Tür zum Vorratsraum auf und stürmte mit erhobenem Zauberstab an unserem Versteck vorbei, direkt auf das unsichtbare Hühner-Chaos zu. „Verschwindet aus meinen Vorräten, ihr gefiederten Plagen!“
„Jetzt oder nie!“, zischte ich.
Ich sprang aus der Deckung, stürzte vor zur großen Silbertruhe und riss den schweren Deckel auf. Ein Schwall von eiskaltem Nebel schlug mir entgegen. Das war kein normales Eis – es schimmerte in allen Farben des Regenbogens und warfen kleine, funkelnde Sternenschnuppen an die Decke. Das legendäre Astral-Eis.
Ich griff blindlings hinein, packte zwei riesige, frostige Becher und drückte sie an meine Brust. Die Kälte tat so verdammt gut, dass ich fast laut geseufzt hätte.
„Élodie! Kael merkt, dass die Hühner nicht echt sind! Los!“, rief Vivi, die bereits wie eine Verrückte in Richtung Ausgang flatterte.
Tatsächlich: Hinter mir schwang Kael seinen Stab und löste Vivis Illusionsstaub mit einem lauten Zisch auf. Die Hühner verschwanden. Es wurde totenstill.
„Wer ist da?!“, rief er, und ich hörte, wie er sich wütend umdrehte.
Ich wirbelte herum, die Becher fest im Arm, stürmte auf die schwere Eichentür zu und drückte sie mit der Schulter auf. Wir stolperten hinaus in die sengende Juni-Hitze, während hinter uns Kaels wütende Stimme durch den Korridor hallte: „ÉLODIE! VIVI! ICH WEISS, DASS IHR DAS SEID!“
Wir rannten. Wir rannten, als wären die Hitzedämonen persönlich hinter uns her, quer über den glühenden Innenhof, bis wir die schattigen Stufen des alten Astronomieturms erreichten.
„Hierbleiben!“, keuchte Vivi.
„Nein, zu offensichtlich!“, presste ich hervor. Mein Blick flog zurück zum Hof. Kael war zwar nicht der Schnellste, aber wenn er seinen Spürzauber aktivierte, hatte er uns am Turm in zwei Minuten eingekesselt. „Wir müssen weiter. Tiefer rein!“
Mit brennenden Lungen und den eisigen Bechern fest an meine Brust gepresst, stürmte ich an den Stufen des Turms vorbei. Wir bogen scharf nach links ab, hinein in das labyrinthische Rosengestrüpp der hinteren Schlossgärten.
„Élodie, da hinten ist die alte Treppe zum Gewächshaus!“, rief Vivi und zeigte mit ihrer Hand nach vorne.
Wir schlugen Haken wie aufgescheuchte Hasen. Ich spürte, wie der Schweiß über die Stirn lief, aber ich rannte weiter, die Treppe hinunter, vorbei an den verlassenen Lehrgärten, bis wir schließlich hinter der dicken, efeubewachsenen Steinmauer des alten Westflügels landeten.cHier ging es nur noch über eine morsche Holztür nach unten – in ein meist unbenutztes, kleines Kellergewölbe.
Ich riss die Tür auf, wir schlüpften hindurch, und ich zog sie so leise wie möglich wieder hinter uns zu.
Keuchend lehnte ich mich gegen das Holz. Drinnen war es totenstill. Nur das dumpfe Echo unserer eigenen Herzschläge war zu hören. Durch das kleine, dreckige Kellerfenster sah ich Sekunden später Professor Kael oben auf dem Pfad vorbeistürmen. Er hielt suchend seinen Zauberstab in die Luft, blickte starr in Richtung Astronomieturm und rannte mit wehendem Umhang daran vorbei.
Er hatte uns verloren. Komplett.
Ein erlöster Seufzer entwich meiner Brust, und ich ließ mich langsam an der feuchten Kellerwand zu Boden gleiten. Die Luft hier unten war herrlich dick, muffig und – das Beste von allem – wunderbar kühl.
Ich sah Vivi an. Sie sah mich an. Und dann brachen wir beide in schallendes, unterdrücktes Gelächter aus.
Ich stellte die zwei schimmernden Becher zwischen uns auf den staubigen Steinboden. Das Astral-Eis prickelte geheimnisvoll im Dämmerlicht und warf bunte Farben an die alten Gewölbebögen. Ich reichte Vivi einen kleinen Löffel, den ich noch aus der Cafeteria mitgehen lassen hatte.
„Auf unser Überleben“, grinste ich und nahm den ersten Löffel. Es schmeckte nach gefrorenen Brombeeren, Sternenstaub und purem Triumph.
„ Élodie, das ist die beste Abkühlung des Universums!“, seufzte Vivi glücklich und vergrub ihr ganzes Gesicht im Eis.













