Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
15.06.2026 um 15:40 Uhr
Der Nachtmähneneber 🐗

Das Licht im Klassenzimmer flimmert, als ich vor den mannshohen, silbernen Spiegel trete. Professorin Elspeth nickt mir aufmunternd zu, während die Raben auf den Fensterbänken kollektiv die Köpfe schief legen. 

Ich atme tief durch, hebe meinen Zauberstab und flüstere den Aktivierungszauber, woraufhin die Oberfläche des Spiegels  zu wabern beginnt, bis sich die realistische Projektion einer Felshöhle formt. 

Vor mir liegt zusammengekauert ein mächtiger Nachtmähneneber. Seine Ohren sind flach an den Kopf gepresst, die tiefschwarzen Rückenborsten stehen senkrecht nach oben und sein tiefes, vibrierendes Grollen lässt die Luft erzittern. Bei jeder kleinen Bewegung zuckt das Tier panisch zusammen. Erst beim genaueren Hinsehen bemerke ich den Grund für seine Aggression: Sein linker Hinterlauf ist in der dicken, dornigen Ranke einer Würgeliane verheddert, und dunkles Blut schimmert im fahlen Licht. 

Da der Höhleneingang eng ist und das Wesen keinen Fluchtweg nach hinten hat, wird mir schnell klar, dass es sich in die Enge getrieben fühlt, verletzt ist und Todesangst leidet. Ein Rückzug kommt für mich nicht infrage, da die Schlinge das Bein des Ebers immer weiter abschnürt, weshalb ich mich trotz der Gefahr für eine Rettung entscheide. 

Um keine Bedrohung darzustellen, stecke ich meinen Zauberstab zunächst weg, gehe langsam in die Hocke und vermeide den direkten Augenkontakt, den das Wildtier als Herausforderung sehen könnte. Mit leiser, monotoner Stimme spreche ich beruhigend auf den Eber ein, während ich ihm eine Handvoll getrocknete Beeren vorsichtig auf den Boden rolle. Als das Tier abgelenkt nach den Beeren schnappt, nutze ich den Moment, ziehe blitzschnell meinen Stab und trenne die magische Ranke mit einem lautlosen Schneidezauber durch. 

Der Eber springt erschrocken auf, weicht befreit in die Schatten der Höhle zurück und sieht mich ein letztes Mal mit wachsamen, aber schmerzfreien Augen an, bevor die Projektion des Spiegels endgültig verblasst.

Später wird mir jedoch bewusst, dass mein Vorgehen trotz des Erfolgs extrem riskant war und ich einen entscheidenden Fehler gemacht habe: Meine Distanz war zu gering. Hätte der Eber vor Panik blind um sich geschlagen, hätten mich seine Stoßzähne schwer verletzen können, weshalb ich den Zauber aus sicherer Entfernung hätte wirken müssen. Für das nächste Mal habe ich gelernt, dass es sicherer gewesen wäre, das Tier zuerst mit einem milden Betäubungsmittel in den Schlaf zu bringen, um die Verletzungsgefahr für uns beide vollständig auszuschließen.