Als Marisa die Sachlage geschildert hatte, sahen sich die vier Freundinnen, Chary, Nyx, Coco und Corax, einander an. Aus einigen Blicken konnte sich derselbe Gedanke deutlich herauslesen: Ein Delfin? Von allen möglichen Meerestieren musste es ausgerechnet ein Delfin sein? Chary seufzte tief, ihren Unmut über diese Tiere nicht verbergen könnend und kam nicht daran vorbei die Trauer in den Augen der Schneiderin zu bemerken. Gerade als sie ihren Mund öffnete, meldete sich bereits Corax zu Wort: „Wir sollten ihr helfen. Ich meine, wenn sie uns schon direkt um Hilfe bittet?“
Die anderen Schülerinnen sahen ihre Freundin stumm an. Ihre Hand war in die Hüfte gestemmt und ihre Körperhaltung war ebenso entschlossen wie ihr Tonfall. Die drei wussten, wenn sich Corax etwas vornahm, dann würde sie es auch bis zum Ende durchziehen. Dann tauschten sie noch einmal Blicke aus.
„Corax hat Recht, Leute.“, erklang schließlich Nyx‘ helle Stimme. „Marisa scheint sehr verzweifelt und ich bin mir sicher wir können diesen Kranz locker zurück ergattern.“ Das Lächeln, das dabei ihre Lippen zierte, war so selbstsicher wie eh und je.
Von Coco vernahmen sie nur ein sachtes Nicken, eines, das förmlich sagte sie würde viel lieber anderen Tagträumen hinterher jagen als einem diebischen Delfin. Nichts desto trotz eine Zustimmung. Nun lag es an Chary, ob sie bei der Aktion mitmachen wollte oder nicht. Irgendwann im Gespräch hatte sie ihre Arme verschränkt und sie spürte wie ihre Fingerkuppen fest in die Oberarme drückten, was ihren inneren Konflikt verdeutlichte.
„Okay, dann ist es abgemacht.“, erwiderte sie schlussendlich und sah ihre Auftragsgeberin an, „Wir werden dir dabei helfen den Perlenkranz von Königin Aquamarine wieder in euren Besitz zu bringen, Marisa.“ Abrupt leuchteten die Augen der Schneiderin auf und sie faltete die Hände vor ihrer Brust zusammen. „Habt vielen Dank! Ich glaube an euch!“
Mit diesem Zuspruch gestärkt, versammelten sich die vier Hexen im königlichen Garten. Durch das Aquarias Lumis Fest, das momentan zu Gange war und weswegen sie in erster Linie das Königreich des Meeresvolkes besuchten, war das gesamte Schloss mit einem Zauber belegt, der den Oberflächenbewohnern ermöglichte unter Wasser zu atmen. In einem prachtvollen Pavillon sitzend begutachteten sie zunächst die traumhaft schöne Umgebung. Von farbenfrohen Blumen, zu mächtigen Säulen und Statuen, über einen großen, ziervollen Brunnen. Dieser zog ihre Aufmerksamkeit besonders auf sich, denn statt Wasser quoll eine Fontäne aus schimmernder Essenz hinauf.
„Also…“, räusperte sich Chary schließlich, „Wir brauchen einen Schlachtplan.“ Daraufhin sprach Corax: „Genau. Wir haben keinerlei Anhaltspunkt, wohin sich dieser Delfin verzogen hat.“ Chary nickte. „Mal ganz davon zu schweigen, dass wir einen von TAUSENDEN Delfinen im gesamten Ozean ausfindig machen müssen. Das ist wie die Nadel im Heuhaufen finden!“
Ein eintöniges Grummeln füllte den Bereich zwischen ihnen. Da unterbrach Nyx die beiden in ihrer Frustration: „Der Übeltäter hat doch den Perlenkranz der Königin entwendet, nicht wahr? Vielleicht hat er irgendeinen Meeres-Zauber oder eine kraftvolle Aura an sich, die wir irgendwie orten können?“ „Das ist gar nicht so abwegig, besonders als persönlicher Gegenstand der Königin“, nickte Coco zustimmend und richtete sich die dabei verrutsche Brille zurecht, „Das würde sowohl unsere Auswahl einschränken, als auch unsere Suche erleichtern.“
Damit hatten sie zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer den Kranz zu finden. Die vier Hexen überlegten eifrig weiter, warfen immer wieder Ideen dazwischen, die manchmal doch verrückter schienen als wirklich ernst gemeint. Sie besprachen ihre Stärken und Spezialisierungen und so bildete sich nach und nach ein Plan der narrensicher klang:
Um das Problem der ungünstigen Atemumstände in der Meeresumgebung entgegenzuwirken sollte Coco’s Äthermagie alle Lungen durchgehend mit genug Luft versorgen. Corax‘ Runenmagie diente sowohl dazu ihnen Licht für eine bessere Sicht zu spenden, als auch einen leichten Schutzwall um sie herum zu errichten. Dieser sollte sie zum Beispiel vor vorbeistreifenden, giftigen Quallen bewahren. Für den Fall, dass ihr Weg von Meeresflora erschwert oder sogar blockiert wäre, war Nyx mit ihrer Blütenmagie zur Stelle. Und um den Delfin in erster Linie orten zu können, nutzte Chary ihre Melodiemagie als Sonar; gleichmäßige Schallwellen sollten ihnen den Standort des gesuchten Diebes offenbaren.
„Na dann, auf geht’s!!“ Corax und Chary sprangen auf, entschlossen diesen Plan direkt in die Tat umzusetzen. Sie waren kaum einen Schritt aus dem Pavillon getreten, als Coco’s Stimme plötzlich ertönte. „Und wie, glaubt ihr, finden wir heraus, in welche Richtung der Delfin geschwommen ist?“ Sie war mit dem Oberkörper über die Sitzbank gelehnt, in ihren Brillengläsern spiegelte sich die glitzernde Essenz des Brunnens. Ihre Frage zog die Beiden wie ein Seil abrupt zurück und jegliche Entschlossenheit wich aus ihren Körpern. „Keine Sorge, noch ist nicht alles verloren“, kicherte Nyx amüsiert, beinahe schadenfreudig, „Wir haben ‚Augenzeugen‘.“
„Häh?“
Die junge Blütenhexe stand auf, zupfte sich ihren Rock gerade und zog ihren voluminösen Zopf fest. Mit schnellem Schritt huschte sie an ihren verdutzten Freundinnen vorbei und begab sich zu einem der prachtvollen Blumenbeete. Wie in einer magischen Trance fuhr Nyx vorsichtig mit den Fingerkuppen über die Blütenblätter, während sie diesen etwas lautlos zuflüsterte. Langsam erhoben sich einige der Blumen und senkten sich wieder in einer Art Wellenbewegung. Eine Art weg ergab sich darauf und es war deutlich zu erkennen, dass sie sich gen Westen erstreckten.
„Vielen Dank für eure Unterstützung!“, lachte Nyx zufrieden und klatschte in ihre Hände. Schließlich wand sie sich wieder an ihre Freundinnen. „Sie haben unseren Dieb in diese Richtung schwimmen sehen. Wir können los!“
Ohne weiteres Zögern machten sich die vier Hexenschülerinnen auf, den Hinweisen der Blumen nach Westen folgend. Coco zog die Kordel an ihrem Umhang fester und summte leise, während sie mit konzentrierter Miene einen schimmernden Schleier um ihre Freundinnen legte. Die Luft um sie herum verdichtete sich auf eine erfrischende Weise und jeder Atemzug war gefüllt mit dem salzigen Duft des Meeres, ganz als hätten ihre Lungen niemals etwas anderes gekannt. Ihre Äthermagie bildete eine unsichtbare Verbindung, die leise surrte sobald eine von ihnen zu schnell oder zu langsam atmete. Es war ein fast unhörbares, beruhigendes Geräusch, das sich durch das Wasser zog.
Corax nahm ihren Stab fester in die Hand und in den Augen blitzte Entschlossenheit. Sie führte die Gruppe an, während ihre Runenmagie als matt leuchtendes Band vor ihnen herschwebte. Wo immer der Weg dunkler wurde, flackerte ein violettes Licht in den Tiefen, das selbst durch dichte Tangwälder und dunkle Höhlen reichte. Ihr Zauber schuf zudem einen dünnen Schild, der sanft gegen vorbeigleitende Quallen pulsierte, sodass deren Fühler achtlos an ihnen abprallten. „Bleibt nah beieinander“, murmelte Corax, „es gibt genug, das uns hier sonst piesacken könnte.“
Chary trieb im Wasser neben Nyx und zwinkerte ihr zu als sie ihre Gitarre rausholte. Normalerweise wäre unter Wasser der Ton gedämpft, doch durch ihre strömende Magie glitten die Noten tänzelnd durch das Meer und spielten eine wunderschöne Melodie. Mit jeder Welle, die von ihr ausging, wichen winzige Wasserbewohner aus dem Weg oder kamen neugierig näher, nur um sich dann zu verstecken. Die Schallwellen breiteten sich in alle Richtungen aus. Hin und wieder zuckte Charys Mundwinkel nach oben wenn sie etwas Interessantes spürte; doch noch gab es kein Zeichen vom Perlenkranz oder seinem Dieb.
Nyx ließ sich im Wasser treiben, griff nach einer Seerosenknospe, die sie an den Rändern des Tangs ausmachte und flüsterte. Die Pflanzen bebten, ihre Stängel zeigten gen Süden, dann zuckten sie abrupt nach rechts. „Sie haben was gesehen! Silberner Schimmer, da vorne!“, sagte sie und deutete nach Westen, wo ein schmaler Tunnel aus Seegras lag. Ihre pinke Magie funkelte um ihre Finger, ließ winzige Blüten aus dem Nichts wachsen, die mit zarten Lichtpartikeln den Weg markierten.
So bahnten sie sich ihren Weg tiefer in den Ozean, die Welt über ihnen verlor sich im welligen Blau. Zwischen Schwärmen bunter Fische und träge treibenden Quallen tasteten sie sich immer weiter voran. Der Weg wurde enger, das Wasser kühler. Ab und zu blitzte ein Fischschwarm auf oder eine Anemone zog sich zusammen wenn sie zu nahe kamen. Doch die Kombination ihrer Magien ließ sie voranschreiten, wie ein geöltes Uhrwerk.
„Stopp, da ist etwas!“, flüsterte Chary. Sie hielt inne, schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Bewegung in der Ferne. Ein Echo kam zurück, schwach, doch eindeutig anders. Es war ein Ton, der nicht zu den natürlichen Klängen des Meeres passte. „Da vorne. Etwas bewegt sich schnell und es klingt… schelmisch.“ Sie grinste.
Corax hob den Stab und ließ eine Rune über ihren Köpfen tanzen. „Dann nichts wie hinterher.“ Nyx befragte schnell noch ein paar Algen, die erschrocken hin und her wogten, während Coco mit ihrer Magie weitere Luftblasen herbeizauberte. Gemeinsam stießen sie sich ab und schossen durch einen Krater aus Korallen, der aussah, als hätte ein Riese ihn mit einer Hand ausgehoben.
Plötzlich, im hellen Licht einer großen, schimmernden Muschel, tauchte er auf. Der Delfin, mit seinen Augen von einem unruhigen Glitzern durchzogen, schwamm anmutig vor ihnen her. Um seine Schnauze hing wie ein Trophäe der Perlenkranz der Meereskönigin, die Perlen funkelten im Licht der Runenmagie.
„Na endlich, der Dieb höchstpersönlich!“, rief Chary, ihre Stimme war durch das Wasser gedämpft, doch deutlich. Der Delfin grinste breit, zeigte seine beeindruckende Reihe Zähne und vollführte einen Looping.
„Oh, Gäste? Noch dazu von der Oberfläche! Wie reizend. Habt ihr euch verlaufen oder seid ihr gekommen, um das Meer ein bisschen bunter zu machen?“, spottete er und die Worte klangen so klar im Wasser, als spräche er direkt in ihre Köpfe. Die vier Freundinnen rückten enger zusammen. Corax trat einen Schritt vor, den Stab in Verteidigungshaltung, ihre Augen funkelten ernst.
„Wir sind gekommen, um zurückzuholen was du gestohlen hast. Gib den Kranz her, bevor wir unfreundlich werden müssen.“ Ihr Tonfall war scharf, doch der Delfin schien nur noch mehr Vergnügen daran zu haben.
Er zog eine Schnute, schwamm eine Spirale und schüttelte sich, sodass der Kranz leise klirrte. „Warum so eilig? Ich habe gehört, ihr Menschen seid ohnehin gierig. Ein bisschen Zwietracht kann nicht schaden. Vielleicht bricht bald ein herrlicher Krieg aus, alles nur, weil die bööösen Oberflächenhexen der Königin ihren Schmuck gestohlen haben sollen!“
„Du willst also, dass wir die Schuld bekommen?“, fragte Nyx, ihre Stimme war kühl, die pinke Aura ihrer Magie vibrierte. „Was hast du davon?“ Der Delfin zuckte nur die Flossen. „Unterhaltung. Ihr glaubt nicht, wie öde es unter Wasser sein kann, wenn alle immer nur tanzen, singen und Perlen sammeln. Ein bisschen Drama, ein bisschen Ärger… das ist doch spannend. Und ich gebe zu: Ich bin neugierig, wie ihr euch rauswindet.“
Coco schüttelte den Kopf, ihr Blick wurde wach. „Wir lassen uns nicht von einem gelangweilten Delfin austricksen!“, rief sie und ihre Magie ließ eine Brise durch das Wasser gleiten, als wolle sie ihren Standpunkt klar zum Ausdruck bringen.
Der Delfin wich zurück und der Kranz klimperte an seinem Maul. Chary nickte Nyx zu, dann zu Coco und Corax; ein stilles Einverständnis. Die Vier rückten näher zusammen und begannen, ihre Magien zu verweben.
Nyx griff nach einer Alge, ließ rosa Blüten an ihrem Ende wachsen, die sich sanft um die Flossen des Delfins legten. Corax zog mit einer ebenso schnellen Handbewegung einen schimmernden Runenkreis, der sich um die Muschel spannte und den Delfin für einen Moment ablenkte. Coco schickte einen Strom wirbelnder Luftblasen, die wie ein Schwarm winziger Seifenblasen durch das Wasser schossen und ihm die Sicht nahmen.
Während der Delfin sich windend und blubbernd gegen die Blumen und Blasen wehrte, setzte Chary zum entscheidenden Schlag an. Sie stimmte eine Melodie an, bezaubernd, doch in Wahrheit ein raffinierter Zauber. Die Schallwellen ließen den Perlenkranz vibrieren, als wolle er selbst zurück zur Königin zurückkehren. Mit einem klirrenden Pling löste sich der Kranz aus dem Griff des Delfins und glitt elegant durch das Wasser direkt in Coco’s Hände.
Der Delfin schnaubte, ließ sich sinken und sah beleidigt drein. „Spielverderberinnen“, murmelte er, doch ein Funken Bewunderung schwang in seiner Stimme. „Schon gut! Da habt ihr euren blöden Schmuck wieder.“ Dann zuckte er mit der Flosse, stieß einen letzten Pfiff aus und verschwand in einer glitzernden Silberspur zwischen den Korallen. Die Mädchen schauten sich an, ein Lächeln lag auf ihren Gesichtern, erst zögerlich, dann breiter. Der Kranz war wieder sicher. Gemeinsam traten sie den Rückweg an, vorbei an neugierigen Fischen und aufgeregtem Seegras, bis sie wieder das Königsschloss erreichten.
Marisa empfing sie am Eingang und als sie den Kranz sah, leuchteten ihre Augen. „Ihr habt es geschafft! Ich wusste, ich kann auf euch zählen!“ Sie drückte die Mädchen fest an sich, ihre Freude war nicht zu überhören. Nach all der Aufregung, den Begegnungen und dem Ringen mit dem Delfin beschlossen die Vier, sich den restlichen Tag nicht mehr vom Meer streitig machen zu lassen. Sie ließen die Magie für einen Moment Magie sein, tauchten aus dem königlichen Garten auf und liefen, nachdem sie ihre Alltagskleidung durch Badeanzüge ausgetauscht hatten, am Ufer entlang.
Chary platschte als Erste und spritzte mit den Beinen, dass es in alle Richtungen flog. Sie rief den anderen neckische Kommentare zu und grinste breit. Nyx tauchte unter, nur ihr pinker Haarschopf hob sich wie eine Seerose an der Oberfläche, ehe sie neben Coco auftauchte und ihr kichernd kaltes Wasser ins Gesicht warf. Coco lachte und versuchte, davon zu schwimmen, aber Corax griff sie und warf sie direkt ins Wasser.
Nachdem ihre Haut schon schrumpelig wurde, gingen sie aus dem Nass um eine Sandburg am Ufer zu bauen. Sie schichteten Schaufel für Schaufel Sand, bauten Türmchen, kleine Gräben, sogar winzige Brücken aus Muscheln, die sie am Rand fanden. Corax, sonst die Ruhigste von ihnen, warf sich mit echter Hingabe ins Basteln, schichtete den nassen Sand zu einem stolzen Turm und ließ sich von den anderen helfen ihn zu verzieren.
Am Abend, als die Lichter vom Fest noch über dem Wasser lagen und die ersten Sterne am Himmel erschienen, saßen die vier Freundinnen dicht nebeneinander, ihre Blicke gen Horizont gerichtet. Der Ozean lag funkelnd vor ihnen, die Sonne wärmte ihre Gesichter und irgendwo weit draußen sah man noch einen silbernen Blitz über das Wasser jagen.