Nach dem Unterricht schlendert Claire mit RiLe an ihrer Seite durch die Straßen von Helvik. Die Sonne steht hoch am Himmel, und das Pflaster glitzert noch vom morgendlichen Tau. Eigentlich wollte Sie nur ein paar Besorgungen machen und am Marktplatz vorbeischauen. Doch dann fällt ihr etwas auf, dass sie noch nie gesehen hat.
Mitten auf dem kleinen Platz zwischen der Bäckerei und dem alten Brunnen schwebt ein Tor aus türkisfarbenem Licht. Es glitzert wie flüssiges Glas und schimmert in allen Blautönen des Meeres.
„Was ist das?“ fragt Sie leise.
RiLe flattert näher heran und tippt mit dem Finger in die Luft, die wie Wasserwellen zittert. „Das muss das Sommerportal zum Meeresgarten sein! Die Leute reden doch immer davon, dass es nur wenige Wochen im Jahr erscheint.“
Neugierig tritt Sie näher. Ein kühler, salziger Duft weht ihr entgegen. „Wollen wir mal sehen, ob die Geschichten stimmen?“
„Unbedingt!“ strahlt RiLe.
Sie holt tief Luft und murmle den Zauberspruch, den uns Professorin Estrella beigebracht hat:
“Aquatis Spirare“.
Sofort legt sich ein leichter, kühler Film auf ihre Haut, und Sie spürt, wie die Lungen sich ohne Widerstand an das kommende Wasser anpassen.
„Bereit?“ fragt Claire.
„Ich bin schon halb drin!“ kichert RiLe – und fliegt durch das Portal.
Ein sanftes ziehen erfasst Sie und im nächsten Moment stehe ich mitten im Meeresgarten. Überall schweben bunte Fische, Korallen wachsen in allen Formen und Farben, und das Licht der Sonne bricht sich in tanzenden Mustern am sandigen Boden. Zwischen den Pflanzen flattern winzige Meereselfen, und von fern hört man das leise Klingen von Muschelglöckchen.
„Es ist wunderschön…“ flüstert sie.
„Und riecht nach Abenteuer!“ fügt RiLe hinzu.
Die Beiden treiben langsam durch die Hauptpassage, vorbei an Ständen, an denen Muschelschmuck und Seestern-Broschen verkauft werden. In einer Ecke üben ein paar junger Meerhexen mit Wasserwirbeln und weiter hinten glitzern Stoffe in der Strömung wie Sternenlicht.
„Claire!“ Eine leise Stimme erklingt von der Ferne und dann kommt Miyu um die Ecke, begleitet von Mimi und Tia.
„Ihr hier?“ fragt Claire überrascht.
„Ich wollte euch schon längst mal den Meeresgarten zeigen.“ sagt Miyu zurück.
„Wir haben das Portal erst heute entdeckt,“ erklärt Claire. „Und jetzt genießen wir einfach ein bisschen den Anblick.“
Miyu lächelt daraufhin und führt Claire, zusammen mit ihren Elfen, durch die Unterwasserstadt. An den Fassaden der Häuser kann man erkennen, dass bald ein Fest stattfinden wird, da alles mit bunten Korallen, Muscheln und Perlen geschmückt ist. Nachdem Claire und RiLe einiges gesehen hatten bleibt Miyu vor einer großen Straße stehen. Sie deutete dann auf ein Haus und sagt:
„Dort liegt die Schneiderei. Marisa näht gerade den Festumhang der Königin. Lass uns mal vorbei schauen.“
„Das klingt interessant,“ sagt Claire und die Gruppe schwimmt dem Gebäude immer näher.
Als die Gruppe an der Schneiderei vorbeikommt sehen sie Marisa vor dem Eingang stehen. Diese winkt die Gruppe eilig heran, ihre Stirn leicht gerunzelt.
„Miyu! Gut, dass du da bist,“ ruft sie. „Ich brauche dringend deine Hilfe… der Perlenkranz der Königin ist verschwunden!“
„Beruhige dich erst einmal und atme tief durch.“ erwidert Miyu daraufhin und beginnt zu Marisa zu schwimmen. „Wir bekommen das schon wieder hin. Zusammen mit Claire und den Elfen werden wir dir schon helfen.“
Nachdem Marisa durchgeatmet hat erklärt sie den Freundinnen ihr Problem.
„Ein junger Delfin hat ihn sich geschnappt und ist damit davongeschwommen. Ich habe nur das hier gefunden.“, fügt Marisa noch hinzu.
Sie zog ein Stück Seegras hervor, in dessen Fasern kleine, silbern schimmernde Schuppen hingen.
RiLe beugte sich näher. „Frisch. Das heißt, er kann noch nicht weit sein.“
„Genau. Die Spur führt hinaus zum offenen Riff, aber ich muss den Festumhang fertigstellen, sonst bin ich noch vor der Königin erledigt.“
Claire nickt. „Dann übernehmen wir. Miyu, was meinst du?“
„Natürlich helfe ich,“ sagte sie ohne zu zögern.
„Gut. RiLe, du achtest auf jede Schuppe. Mimi, du gehst ein Stück voraus und leuchtest, falls es dunkler wird. Tia, halte seitlich Ausschau, ob er einen Umweg nimmt.“
„Aye, Captain!“ rief RiLe grinsend, und Mimi und Tia kicherten.
Die Gruppe folgt der Spur – kleine Schuppen, die im Wasser wie Sternchen glitzerten.
„Er spielt bestimmt gerade,“ meinte Tia.
„Und wir sind seine Verfolger im großen Fangspiel,“ erwidert Claire trocken.
Zwischen hohen Fächerkorallen wurde das Pfeifen lauter. Als wir um eine Felswand bogen, sahen sie ihn: den jungen Delfin, wie er den Perlenkranz auf seiner Schnauze balancierte, ihn in die Luft warf und wieder auffing.
„He! Das gehört nicht dir!“ rief Claire.
Der Delfin sah uns an – und schoss im nächsten Moment davon.
„Hinterher!“ Claire stieß sich vom Boden ab und schwamm in kräftigen Zügen hinterher. Miyu kam neben mir, die Feen sausten voraus. Doch der Delfin war schnell, schlüpfte durch enge Felsspalten, wirbelte Sand auf und verschwand kurz aus dem Blick.
„Links!“ rief RiLe. „Ich habe den Glanz seiner Schuppen gesehen!“
Alle setzten nach, aber er drehte das Spiel um: Wartete, bis wir nah genug waren, und schoss dann wieder davon.
„Ich glaube der Delfin möchte mit uns spielen.“ sagt Miyu und wendet sich zu den anderen.
„Gut, dann tricksen wir ihn aus,“ sagt Claire zurück. „Miyu, kannst du eine kleine Strömung machen?“
„Schon dabei.“ Sie wirbelte das Wasser so, dass der Delfin abgedrängt wurde. Tia nutzt den Moment, saust vor und treibt ihn direkt in Claires Richtung.
Überrascht quietscht er auf, bremst ab und schwimmt langsam auf Claire zu.
„Komm schon,“ sagt sie ruhig. „Wir bringen ihn zurück – danach kannst du mit uns um die Wette schwimmen.“
Er umrundet die Gruppe noch einmal, stupst RiLe mit der Schnauze an – und legt dann den Perlenkranz vorsichtig in meine Hände.
„Danke,“ lächelt Claire. „Aber nächstes Mal nimm etwas, das nicht der Königin gehört.“
„Wie eine schimmernde Muschel!“ schlug Tia vor.
„Oder ein riesiger Seestern,“ fügte Mimi hinzu.
Der Delfin pfeift fröhlich, dreht noch eine Runde um uns und verschwindet im Blau der Tiefe.
Zurück im Meeresgarten nahm Marisa den Kranz behutsam entgegen und legt ihn sofort in die Muscheltruhe.
„Ihr habt mir den Tag gerettet,“ sagt sie erleichtert. „Beim nächsten Fest gibt es für euch alle etwas Besonderes.“
RiLe strahlt. „Hoffentlich mit Glitzer!“
Claire grinst. „Mit euch dreien ist Glitzer sowieso garantiert.“
Selbst Marisa muss lachen, bevor sie wieder zu ihren Stoffen zurückkehrt.