Der Unterricht war gerade zu Ende, als Professorin Estrella mich bat, noch kurz zu bleiben.
„Claire,“ begann sie, „heute wirst du deine praktische Zauberprüfung absolvieren. In der Schule ist ein magisches Item versteckt – eine Kristallkette. Finde sie, und du bestehst die Aufgabe.“
„Haben Sie einen Hinweis für mich?“ fragte ich hoffnungsvoll.
Ein geheimnisvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Das wäre ja zu einfach, nicht wahr?“
RiLe flatterte von meinem Tisch auf meine Schulter. „Also ganz ohne Hilfe? Das wird spannend!“
„Oder chaotisch…“ murmelte ich, während ich meinen Zauberstab fester umklammerte.
Wir begannen im Klassenzimmer. Ich hob Stühle hoch, schaute unter Schränke und warf sogar einen Blick in den Besenschrank.
„Magica Revela!“ versuchte ich – aber der Zauber brachte nur eine seltsam glitzernde Kreide zum Vorschein.
„Äh… das ist nicht die Kette,“ stellte RiLe fest.
Auf dem Flur hörten wir leises Gemurmel aus dem Musikzimmer. Als ich hineinschaute, war es leer – nur ein Flügel stand im Halbdunkel.
„Vielleicht drin?“ fragte RiLe.
Ich öffnete vorsichtig den Deckel, spielte einen Ton – der hallte gespenstisch nach, aber von einer Kette keine Spur.
In der Bibliothek suchte ich in den Regalen. „Locate Gemma!“ rief ich und ließ den Zauberstab kreisen.
Eine goldene Funkenlinie führte mich zu einem alten Buch… das sich als Kochbuch für Suppen herausstellte.
„Tja,“ seufzte ich, „nicht jeder Zauber trifft ins Schwarze.“
„Zum Glück riecht’s hier wenigstens nicht nach Keller,“ sagte RiLe und nieste, als ein Staubkrümel an ihrer Nase kitzelte.
Gerade als wir den Bibliotheksflur verlassen wollten, spürte ich einen kühlen Luftzug an meinem Rücken. Ich drehte mich um – kein offenes Fenster, keine Tür.
„Hast du das gespürt?“ fragte ich leise.
RiLe nickte und rieb sich die Arme. „Wie ein Hauch aus dem Nichts.“
Der Luftzug wurde stärker, als wir dem langen Gang folgten. Am Ende stand eine schwere, dunkle Tür, die ich noch nie so bewusst wahrgenommen hatte. Die Messingklinke war kalt wie Eis.
„Das ist bestimmt…“ begann RiLe.
„…der Keller,“ beendete ich den Satz und schluckte.
Mit einem Quietschen öffnete sich die Tür. Eine steile Treppe führte hinab in die Dunkelheit. Ich zündete einen Lumina Orbis-Zauber – die Lichtkugel flackerte schwach, hielt aber.
Jede Stufe knarrte, und von irgendwo tropfte Wasser. Schatten tanzten an den feuchten Steinwänden.
Zwischen alten Regalen und Kisten suchten wir vorsichtig weiter. Plötzlich huschte etwas Schwarzes am Rand meines Lichts vorbei.
„Bitte sag, das war nur eine Maus…“ flüsterte ich.
„…mit Flügeln?“ entgegnete RiLe und versteckte sich halb hinter meinem Haar.
Hinter einem umgestürzten Fass lag eine kleine Truhe, halb im Schatten verborgen. Ihr Metallbeschlag war angelaufen, und auf dem Deckel hatte sich ein feines Muster aus Staub gebildet – wie kleine, sich windende Linien.
„Die sieht… nett aus,“ murmelte RiLe und zog den Satz in die Länge.
„Nett-gruselig,“ verbesserte ich und hob den Zauberstab. „Apertura!“
Ein leiser Knall – und statt dass das Schloss aufsprang, schoss mir eine Wolke kalter Luft entgegen. Das Lumina Orbis über uns flackerte heftig, warf die Schatten in wirre Muster.
„Ähm, Claire… da hinten bewegt sich was,“ wisperte RiLe.
Ich drehte mich um und sah einen dunklen Umriss an der Wand entlanggleiten. Für einen Augenblick meinte ich, zwei schimmernde Punkte darin zu erkennen – als ob uns jemand anstarrte.
„Ignorieren und weitermachen,“ sagte ich mehr zu mir selbst als zu RiLe.
Vorsichtig legte ich die Hand an das Schloss – es wirkte kalt wie Eis, aber mit einem Ruck gab es nach. Als der Deckel aufsprang, lag sie da: die Kristallkette, ihr rosalila Stein funkelte wie eingefrorenes Licht.
In diesem Moment huschte der Schatten noch einmal über die Wand, doch diesmal löste er sich langsam auf, als hätte die Kette seine Präsenz vertrieben.
Professorin Estrella nahm die Kette lächelnd entgegen. „Gut gemacht, Claire. Manchmal führt dich nicht der Zauber, sondern dein Gespür ans Ziel.“
Ich grinste schwach. „Und manchmal ein unheimlicher Luftzug.“
„War gar nicht so schlimm,“ behauptete RiLe – was wir beide wussten, war gelogen.