LUNASTRIA HEXENAKADEMIE

  • Das neue Jahr
    14 Januar, 2026||

Heute fühlt sich der Unterricht anders an. Als würde jedes Wort, das gesprochen wird, mehr Bedeutung tragen als sonst. Professorin Elvina steht bereits vorne, die Hände ruhig auf dem Pult abgelegt, und wartet, bis das letzte Murmeln verstummt.

„Heute beginnen wir mit Fallbeispielen“, sagt sie schließlich. „Ihr sollt lernen, wie ihr euch in schwierigen Situationen angemessen verhaltet. Dafür müsst ihr die Regeln der Magie nicht nur kennen, sondern auch verstehen. Sie sind keine Einschränkung, sondern Leitlinien, damit ihr rechtens handelt und eure Kräfte verantwortungsvoll einsetzt.“

Ich höre aufmerksam zu. Regeln waren für mich nie etwas Bedrohliches. Sie waren immer etwas, das Halt gibt. Etwas, an dem man sich festhalten kann, wenn Zweifel zu laut werden. Nachdem wir die Grundlagen wiederholt haben, erhält jede von uns ein eigenes Szenario. Als ich meines lese, spüre ich, wie sich meine Finger unbewusst um das Blatt schließen.

Ich bin in Helvik unterwegs, als mir eine Hexe auffällt, die von einer kleinen Menschengruppe umgeben ist. Sie verkauft Amulette und verspricht Schutz, Stärke und Glück. Zunächst wirkt alles harmlos. Doch je länger ich beobachte, desto unruhiger werde ich.

Kurz bevor sie ein Amulett übergibt, greift sie jedes Mal nach ihrem Hexenkristall und murmelt leise Worte. Danach verändern sich die Menschen. Zweifel verschwinden aus ihren Blicken, Vorsicht weicht einem fast schon willenlosen Vertrauen.

Mir wird klar, was hier geschieht.

Sie beeinflusst den freien Willen der Käufer mit Magie.
Ein klarer Verstoß gegen die Gesetze.

Mein erster Impuls ist, einzugreifen. Etwas zu tun. Doch kaum entsteht dieser Gedanke, folgt ein anderer leiser, aber schwerer.

Was, wenn meine Magie instabil reagiert?

Ich kenne mich. Meine Zauber sind nicht immer zuverlässig. Gefühle mischen sich ein, verstärken sich gegenseitig. Angst, Unsicherheit, all das hat meine Magie schon einmal kippen lassen. Hier stehen ungeschützte Menschen. Ein falscher Zauber könnte Panik auslösen. Oder schlimmer noch: die fremde Magie nicht aufheben, sondern verstärken.

Meine Hände würden zittern. Ganz sicher.

Ich stelle mir vor, wie meine Magie außer Kontrolle gerät, wie sie nicht das tut, was ich will, sondern das, was ich fühle. Und diese Vorstellung lähmt mich.

Also zwinge ich mich, ruhig zu bleiben. Zu beobachten. Auch wenn es sich falsch anfühlt, nichts zu tun.

Ich präge mir jedes Detail ein: die Worte, die Gesten, den Rhythmus der Magie. Vielleicht könnte ich es wagen, einen kaum spürbaren Schutz zu weben, etwas so Schwaches, dass meine eigene Magie nicht ausbrechen kann. Kein Eingreifen, nur ein leises Dämpfen.

Und dann würde ich Hilfe holen.
Die Stadtwache von Helvik. Eine autorisierte Magierin. Jemanden mit stabiler, kontrollierter Magie.

Es fällt mir schwer, mir einzugestehen, dass ich selbst nicht die Richtige dafür bin. Doch Verantwortung bedeutet auch zu wissen, wann man zurücktreten muss.

Als Professorin Elvina mich bittet, meinen Lösungsansatz vorzustellen, spreche ich leise, aber ehrlich. Ich verschweige meine Zweifel nicht. Ich erzähle von meiner Angst, davon, dass meine Magie unberechenbar werden kann, wenn ich unter Druck stehe.

Ich senke den Blick, während ich erkläre, dass ein falscher Zauber schlimmer wäre als Zögern.
Der Raum ist still.

Professorin Elvina sieht mich lange an. Nicht streng. Nicht kritisch. Sondern aufmerksam.

„Das“, sagt sie schließlich ruhig, „ist eine der wichtigsten Erkenntnisse für eine Hexe. Zu wissen, dass Macht allein nicht genügt. Und dass Zurückhaltung manchmal der mutigste Schritt ist.“

Ihre Worte begleiten mich, auch als sie sich wieder der Klasse zuwendet. Ich atme tief durch. Mein Herz schlägt noch schnell, doch der Druck in meiner Brust lässt nach. Während die nächste Schülerin spricht, sehe ich auf meine Hände. Sie liegen ruhig auf dem Tisch. Still. Und doch weiß ich, was in ihnen steckt.

Magie ist nichts, das einfach gehorcht. Nicht meine. Sie hört auf meine Zweifel, reagiert auf meine Angst. Vielleicht ist das der Grund, warum ich ihr misstraue oder warum ich sie so ernst nehme. Ich frage mich, was passiert wäre, hätte ich in Helvik eingegriffen. Ob ich standhaft geblieben wäre. Oder ob meine Unsicherheit sich unbemerkt in den Zauber geschlichen hätte.

Ein Teil von mir schämt sich noch immer.
Nicht eingegriffen zu haben fühlt sich falsch an.

Doch ebenso falsch wäre es gewesen, unbedacht zu handeln.

Als Professorin Elvina später betont, dass Regeln nicht dazu da sind, Hexen zu fesseln, sondern alle Lebewesen zu schützen, egal von Herkunft oder Abstammung, verstehe ich etwas klarer.

Diese Gesetze sind nicht gegen mich.
Sie sind auch für mich.

Als die Stunde endet, bleibe ich noch einen Moment sitzen. Die anderen packen ihre Sachen, reden leise. Ich atme tief durch und nehme mir vor, eines Tages stark genug zu sein, um eingreifen zu können, ohne dass meine Magie wankt.

Nicht heute.
Aber irgendwann.

Denn Verantwortung beginnt nicht mit einem Zauber.
Sondern mit der Entscheidung, wie man handeln wird.