Lunastria
Hexenakademie
11.10 – 08.11.2026
- Astrolabium Zodiac
28.10.2026 um 14:50 Uhr
Die Last des Geheimnisses
Die Nächte in der großen Bibliothek der Akademie wurden für Hazel zur gewohnten Heimstätte. Umgeben von staubigen, jahrhundertealten Folianten suchte sie unermüdlich nach dem Wissen, das sie brauchte, um den Realm-Schlüssel zu nutzen.
Schließlich stieß sie in einem vergilbten, schweren Codex auf eine detaillierte, fast kryptische Anleitung zur Aktivierung des Schlüssels. Je länger sie las, desto schneller schlug ihr Herz:
- Das Fundament: Ein dimensionsübergreifendes Portal ließ sich nicht mit gewöhnlicher Magie erzwingen. Es erforderte ein uraltes, präzises Rhythmus-Siegel – ein komplexes Dimensions-Pentagramm, das exakt in den Boden gezeichnet und mit reiner Fokussierung auf Person, Zeit und Ort aufgeladen werden musste.
- Die Resonanz: Der Schlüssel funktionierte wie eine Stimmgabel. Er öffnete kein beliebiges Tor, sondern reagierte sensibel auf die emotionale und energetische Frequenz des Anwenders. Um zu Maru durchzudringen, musste Hazel im Moment der Aktivierung intensiv und unerschütterlich an ihre Schwester und deren Zustand denken, um das Tor im grauen Archiv zu verankern.
- Der Haken: Die Schriften warnten eindringlich vor einer gewaltigen Gefahr. Ein Realm-Schlüssel dieser Art verbrauchte unvorstellbare Mengen an magischer Energie. Versuchte eine einzelne Hexe, ihn allein zu aktivieren, riskierte sie, dass ihre eigene Lebenskraft und ihr gesamter Manavorrat restlos ausgelaugt wurden – der gefürchtete „Rückschlag-Effekt“. Fünf Magiearten mussten ineinandergreifen: Runen-, Äther-, Kristall-, Blüten- und Melodiemagie.
Als Hazel das las, stockte ihr der Atem. Sie hatte den Schlüssel, das Talent und das Wissen für die Siegel – aber sie konnte ihn unmöglich allein benutzen. Sie brauchte Hilfe. Wer konnte ihr bei einer so gewaltigen magischen Last zur Seite stehen?
Citrin, die während der Recherche auf der Stuhlehne gesessen hatte, bemerkte sofort Hazels besorgtes Gesicht, die tiefen Schatten unter ihren Augen und die bleiche Haut. Die Elfe verschränkte resolut die Arme. Genug war genug. Mit Nachdruck schob Citrin die Bücher zur Seite und bedeutete Hazel, dass jetzt sofort Schluss mit der Nachtschicht war – sie musste dringend wieder Magie aufladen! Die Abschlussprüfung in magischer Artefaktkunde hatte sie schließlich viel Kraft gekostet.
Am nächsten Tag, gleich nach dem Frühstück, folgten sie Citrins strengem Befehl. Sie reisten zu den heißen Quellen am Hexenkessel, wo Hazel im dampfenden Wasser saß und ihren Energiespeicher über Stunden hinweg auffüllte, bis das magische Kribbeln in ihren Adern zurückkehrte. Danach unternahmen sie noch einen kurzen, klärenden Spaziergang an der frischen Luft, um den Kopf frei zu bekommen, ehe sie den Rückflug zur Akademie antraten.
Doch mitten im Flug begann Hazels magischer Kompass in ihrer Tasche heftig zu vibrieren. Gleichzeitig zog sich das Amulett an ihrem Hals heiß und pulsierend zusammen. Ein verfluchtes Artefakt war ganz in der Nähe!
Sie landeten am Rande der magischen Quellen. Hoch oben in den dichten Zweigen eines Baumes entdeckten sie es: eine schwere, dunkle Halskette, in deren Fassung ein unheilvoll dunkelblauer Kristall glühte – das siebte verfluchte Artefakt.
Als Hazel sich näherte, brach die Dunkelheit aus dem Kristall hervor wie eine schwarze Welle; eine kalte, bissige Aura schlug ihnen entgegen. In Hazel entbrannte ein wilder, innerer Sturm. Die Müdigkeit, die Sorge, die Verzweiflung – und der Gedanke an Maru, deren Bild ihr wie ein brennender Schmerz durch den Kopf schoss. Sie hatte den Realm-Schlüssel dabei. Sie hatte den Schlüssel in ihr Hand! Warum sollte sie es nicht einfach versuchen? Nur ein kurzer Funke…
Bevor Citrin auch nur reagieren konnte, handelte Hazel in einem irrationalen Impuls. Sie riss den Arm hoch und zog mit ihrer magischen Essenz ein rasches Pentagramm in die Luft. Mit der anderen Hand griff sie in ihren Hexenhut, zog den kleinen, weißen Hasenkopf hervor – ihr geliebtes Geschenk von ihrer Schwester, das sie stets bei sich trug –, drückte ihn fest an ihre Brust und zückte mit zitternden Fingern den Realm-Schlüssel.
„Hazel, nein! Warte!“, schrie Citrin, als sie die drohende Katastrophe erkannte.
Doch es war zu spät.
Hazel entfesselte den Schlüssel und lenkte die ungebändigte Energie auf das Artefakt – auf die fiese, schwarze Fratze. Ein blendender Lichtblitz zuckte auf, gefolgt von einer gewaltigen Druckwelle. Der Rückschlag traf Hazel mit voller Wucht. Sie wurde meterweit nach hinten geschleudert und krachte hart auf den Boden, während ihr der Schlüssel aus der Hand flog.
Citrin reagierte geistesgegenwärtig. Sie schoss wie ein pfeilschneller Lichtblitz nach vorn, warf ein mächtiges, goldenes Schutzsiegel über das wild pulsierende, verfluchte Artefakt und erstickte die Dunkelheit im Keim.
Keuchend und mit klopfendem Herzen richtete sich Hazel auf. Ihr ging es den Umständen entsprechend gut – sie war rücklings in das Moos gestürzt und hatte sich dabei den Kopf heftig an einem massiven, alten Baumstamm gestoßen; eine leichte Schramme zierte ihre Stirn, aber glücklicherweise gab es keine bleibenden Schäden.
Gemeinsam mit Citrin, die immer noch vor Aufregung zitterte, sicherten und versiegelten sie das siebte Artefakt endgültig. Hazel sprach den Bannspruch: „Lunae Lucem! Vincula frange, malum dissolve, exi in umbras!“ und Citrin setzte zusätzlich ein Schutzsiegel ein. Das Artefakt lag nun völlig harmlos da, und Hazel steckte es ein.
Dann entlud sich Citrins aufgestaute Panik in einer gewaltigen Standpauke. Die Elfe gestikulierte wild und schimpfte in schrillen Tönen auf Hazel ein: „Hast du eigentlich den Verstand verloren?! Den Realm-Schlüssel so unüberlegt zu zünden, grenzt an pure Selbstmordabsicht! Du kannst von verdammt viel Glück reden, dass wir so weit draußen im Hain und nicht mitten auf dem Akademiehof sind – du kannst nur beten, dass die Direktorin oder sonst jemand diesen magischen Knall nicht gespürt hat!“ Citrin schossen Tränen in die Augen. Das hätte verdammt dumm ausgehen können. Hazel schloss Citrin schnell in die Arme und drückte sie an sich. Tausendmal entschuldigte sie sich.
Reumütig und mit eingezogenem Kopf sammelte Hazel den Realm-Schlüssel ein und verstaute ihn sicher. Sie mussten zurück zur Akademie.
• • • • • •
Die Nacht war lang, und die Stille in der großen Bibliothek schien fast greifbar. Die Kerzen brannten ungleichmäßig nieder und warfen lange, tanzende Schatten an die gewölbten Wände.
Stunden nach dem Vorfall saß Hazel wieder über den alten Folianten. Ihr Kopf brummte von der Erschöpfung und den endlosen Gedankengängen. Wer in aller Welt könnte ihr bei diesem magischen Kraftakt helfen, ohne sie zu verraten oder zu gefährden?
Plötzlich knackte es leise. Die schwere Holztür der Bibliothek wurde einen Spalt weit aufgestoßen.
Unabhängig voneinander waren Echo und Flaimi in ihren Betten aufgewacht, als sie das schwache, flackernde Licht aus den hohen Fenstern gesehen hatten. Jedes der beiden Mädchen hatte sofort geahnt, wer zu dieser späten Stunde dort saß – und jede von ihnen hatte sich auf den Weg gemacht.
Draußen im dunklen Korridor waren sie fast gleichzeitig an der großen Flügeltür angekommen. Flaimi, die große Grüblerin, war im ersten Moment unsicher gewesen. Sie hatte unentschlossen gezögert, ob sie Hazel wirklich stören sollte. Doch als sie sah, wie Echo ebenfalls vor der Tür stand und mit sich rang, fasste sie sich ein Herz. Die beiden wechselten einen stummen, entschlossenen Blick, nickten einander zu und traten ein.
Echo steckte den Kopf voran. Ihr üblicher, unbeschwerter Frohsinn wich jedoch sofort einer tiefen, aufrichtigen Sorge, als sie in den Raum blickte. Sie trat leise ein.
Im selben Moment folgte Flaimi. Sie schloss die Tür hinter sich, verschränkte abgewogen die Arme und musterte Hazel mit einem skeptischen, aber unverkennbar fürsorglichen Blick. Alle spürten sofort die Anspannung im Raum.
Die beiden traten näher an den Tisch, an dem Hazel saß – blass, mit dunklen Rändern unter den Augen und zwischen den staubigen Büchern.
„Hazel“, begann Flaimi mit leiser, aber bestimmter Stimme. Ihre Skepsis wich einer harten Realität. „Du bist dem Zusammenbruch nah. Und das, was du hier tust… das ist keine normale Hausaufgabe mehr. Das spüren wir beide.“
Echo trat dicht neben Flaimi, legte eine Hand auf die Tischkante und sah Hazel tief in die Augen. „Wir wollten dich nicht einfach ausspionieren… aber wir machen uns zu große Sorgen. Wir können das nicht länger ignorieren.“
Der Vorfall im Hain, die Erschöpfung, die drängenden Fragen – all der Druck schien in diesem Moment auf Hazel einzustürzen. Sie merkte, dass sie das hier nicht länger geheim halten konnte. Und vor allem: dass sie diese Last nicht länger allein tragen durfte. Sie sah Flaimi an, vor der sie so viel Respekt hatte – eine mächtige Hexe, der sie immer nachgeeifert hatte. Und Echo, einst ihre Vertrauensschülerin, die nun so viel reifer war, ihr ebenbürtig… und die sie mit so sorgenvollen Augen ansah.
Mit zitternden Fingern griff Hazel in ihre Tasche, holte den golden schimmernden Realm-Schlüssel hervor und legte ihn mitten auf den Holztisch, zwischen die aufgeschlagenen Folianten.
Echo und Flaimi stockte der Atem. Die schwere, fast greifbare Aura des Artefakts sprach für sich. Flaimi trat einen Schritt zurück, die Augen weit aufgerissen, während Echo nur blinzeln konnte, als würde sie nicht fassen, was dort lag.
„Ich habe ihn gemacht“, flüsterte Hazel. „Den Realm-Schlüssel. Um Maru zu finden.“
„Das ist es also, was wir vor kurzem gespürt haben“, murmelte Flaimi mehr zu sich selbst. Echo nickte nur. Mit stockender Stimme begann Hazel, ihnen alles zu erzählen – von der Nacht in Birkhafen, Sejanus, von den verfluchten Artefakten, von dem heutigen, lebensgefährlichen Versuch im Hain und dem unüberwindbaren Problem, dass sie den Zauber wegen des gewaltigen Rückschlag-Effekts niemals allein vollbringen konnte.
Echo und Flaimi hörten geduldig zu. Der erste Schrecken wich in ihren Blicken schnell etwas viel Stärkerem: tiefem Verständnis, unerschütterlicher Loyalität und dem festen Entschluss, ihrer Freundin beizustehen. „Zum Glück ist dir heute nichts schlimmes passiert!“ platzte es aus Echo heraus und umarmte Hazel schnell.
Als Flaimi sie schließlich mit einem ruhigen, aber bohrenden Blick musterte und fragte: „Hazel… wo genau glaubst du überhaupt, Maru zu finden?“ – traf die Realität Hazel wie ein Keulenschlag.
Hazel hielt inne. Ihre Hände sanken schwer auf den Tisch. In diesem Moment wurde ihr schmerzlich bewusst: Sie hatte das Werkzeug. Sie hatte Freundinnen, die ihr treu zur Seite standen. Aber sie tappte nach wie vor völlig im Dunkeln. Sie hatte absolut keinen blassen Schimmer, wo Maru sich auf der Welt – oder in welcher Dimension – befand. Sie vermutete, dass es etwas mit der dunklen Magie zu tun hatte, die in den verfluchten Artefakten steckte. Doch mit Gewissheit konnte sie es nicht sagen.
Die Stille in der Bibliothek legte sich wie Blei auf ihre Schultern.













