Stunde 6. Der Schicksalsfaden unter der Kristalllupe
Das dämmrige Licht unserer kleinen Stube in der Lunastria Akademie wird nur von der ruhigen, warmen Flamme einer Bienenwachskerze erhellt. Draußen streicht der Nachtwind leise über die spitz zulaufenden Dächer der Zauberschule, doch drinnen zählt im Moment nur ein winziger, magischer Augenblick.
Ich greife nach meiner Lupe aus fein geschliffenem Bergkristall. Phini setzt sich neugierig mit verschränkten Beinchen auf den Tisch, tippelt ein Stück näher und streckt mir schließlich kichernd ihre linke Hand entgegen.
„Nicht kitzeln!“, miemt sie mit einem Schmunzeln, als ich das Glas langsam zwischen mein Auge und ihre winzige Hand führe.
Durch die Lupe offenbart sich mir eine faszinierende Welt. Die feinen Linien auf Phinis Handfläche wirken wie zarte, im Mondlicht gewebte Silberfäden.
Als Erstes fällt mir ihre Herzlinie ins Auge. Sie zieht sich vollkommen klar, tief und ohne jeden Zickzackkurs über die kleine Handfläche. Sie schimmert stetig und rein. Es ist der unweigerliche Beweis für Phinis Aufrichtigkeit: In ihr gibt es keine falschen Gedanken, keine verstellten Gefühle und kein Versteckspiel. Was sie fühlt, schlägt mir offen entgegen – treu und ehrlich.
Dann wandert mein Blick weiter zur Kopflinie, und hier schlägt das Herz meiner Schau höher. Anstatt einfach starr zu verlaufen, verzweigt sich diese Linie in unzählige winzige, funkelnde Ausläufer, die wie feine Wurzeln eines Zauberbaums bis hinauf in ihre kleinen Fingerspitzen reichen. Es sieht fast aus wie ein kleiner Sternenhimmel auf ihrer Haut. Meine Lupe zeigt mir Phinis grenzenlose Phantasie > einen Geist, der niemals stillsteht und in jedem Staubkorn eine Geschichte sieht.
Plötzlich entdecke ich direkt unter ihrem Ringfinger etwas Neues: Ein winziger, glitzernder Stern hat sich frisch in die Schicksalslinien gewoben. Ich blinzle, verstelle den Fokus des Glases ein wenig und schmunzle.
„Eine Vorhersage“, sage ich leise und sehe sie an.
Die Linien verraten mir, was uns in den nächsten Tagen an der Akademie erwartet. Phini wird bei einem unserer Streifzüge über das Gelände etwas entdecken. Für jeden anderen Hexenschüler wäre es nur ein gewöhnlicher Kieselstein oder ein vertrocknetes Blatt. Doch Phini wird mit ihrer sprudelnden Phantasie sofort spüren, dass darin ein langersehnter, verborgener Zauber schlummert.
Und weil sie so durch und durch aufrichtig ist, wird sie keine Sekunde zögern, nicht damit angeben und das Geheimnis nicht für sich behalten. Sie wird direkt zu mir geflogen kommen, mir den Fund in die Hand drücken und mir damit deuten. „Schau mal, was wir daraus zaubern können!“
Gemeinsam werden wir aus diesem kleinen Fundstück einen völlig neuartigen Hilfszauber weben. Und wenn die nächste schwere Praxisprüfung bei den Meistern von Lunastria ansteht, wird genau dieser kleine, ehrliche Zauber uns beiden den Weg ebnen.
Phini zieht ihre Hand zurück, betrachtet ihre winzige Innenfläche mit großen Augen und sieht mich strahlend an.













