Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
23.10.2026 um 14:35 Uhr
27 September, 2026| Hazel| |
Hüterin des Falkenpasses

Am späten Nachmittag stand Hazel, eingepackt in einen warmen Umhang und mit festen Stiefeln, mitten im wilden Falkenpass. Neben ihr schwebte Citrin. Bei Merle waren sie den ganzen Vormittag gewesen, und Hazel hatte sich überlegt, ob sie allein gehen sollte oder wirklich Hilfe brauchte. Doch sie wollte niemanden in die Sache hineinziehen. Außerdem war sie nicht allein. Mit entschlossenem Blick sah sie zu Citrin. Diese nickte.

Die Kulisse raubte beiden den Atem. Die steilen, schneebedeckten Klippen ragten wie Riesen in den Himmel, und die Luft war klar. Doch hier herrschte auch eine schwere, dunkle Aura. Sie machten sich auf die Suche – über steinige Wege, über Berge und Klippen hinauf, teils mit dem Besen, teils zu Fuß, wenn der Wind zu tückisch war.

„Hier muss es sein, Citrin“, flüsterte Hazel nach einer Weile. Ihr Kompass schlug heftig aus, und ihr Medaillon am Hals begann zu kribbeln – ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Artefakt ganz in der Nähe war.

Geleitet von der finsteren Signatur drangen sie tiefer in ein verschneites Dickicht vor. Zwischen dornigen Wurzeln lag es: ein schweres, eisernes Medaillon, mit einem roten Edelstein, der in einem unnatürlichen, kalten Licht schimmerte und die umliegende Flora in meterweitem Umkreis tot erscheinen ließ.

Hazel zögerte nicht. Sie ging in die Knie. Die Kälte des Artefakts biss sofort durch ihre Handschuhe, und eine bleierne Schwere legte sich auf ihre Brust. Sie hob die Hand, um den Bannspruch zu sprechen, doch die Dunkelheit wehrte sich, zischte auf und schleuderte eine Welle eiskalter Energie entgegen.

„Citrin!“ rief Hazel angestrengt.

Die Elfe reagierte sofort. Sie schoss nach vorn, hob ihre Hände und formte in der Luft ein Schutzsiegel – ein Schwall warmer, goldener Magie überzog das Medaillon und brach so im letzten Moment die Schutzbarriere des Fluchs. Hazel nutzte die Sekunde, legte all ihre Willenskraft in ihre Stimme und zeichnete mit schnellen Fingern ein leuchtendes Pentagramm in die Luft: „Lunae Lucem! Vincula frange, malum dissolve, exi in umbras!“

Ein heller Blitz zuckte durch das Unterholz. Der Schatten des Medaillons bäumte sich ein letztes Mal auf – und zerbarst dann in tausend harmlose Splitter, die im Schnee augenblicklich verglühten. Die drückende Last wich schlagartig von Hazels Schultern. Das fünfte Artefakt war gebannt… und zerstört! Citrin strich sofort durch die Umgebung und half der Natur mit ihrer Magie, sich wieder zu erholen.

Hazel atmete tief aus, während die eisige Winterluft in ihrer Lunge brannte. Sie stand fest und aufrecht im Schnee.

Mitten in der kalten Luft, die Hazel ausatmete, flackerte plötzlich ein vertrautes, geisterhaftes Licht auf. Der Hase – Marus treuer Vertrauter – materialisierte sich direkt vor ihr.

Bevor Hazel überhaupt reagieren konnte, legte der Hase seine Stirn an ihre. Es war wie ein Zoom, der Hazel direkt durch die Dimensionen riss: Sie sah Maru! Sie saß an einem Schreibtisch. Als die Perspektive näher heranzog, traf Hazel der Anblick wie ein Schlag – Marus Augen waren völlig leer, traurig und dunkel. Der Hase hielt in der Vision direkt vor Marus leeren Augen an.

Mit einem Blinzeln riss der Blick ab. Hazel stand wieder keuchend im eisigen Wind. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, die Realität traf sie mit voller Wucht: Maru brach zusammen, die Zeit lief davon. Der Hase war verschwunden, und Citrin schwebte qmit besorgtem Blick vor ihr. „Was hast du gesehen? Du warst wie Versteinert!“

Ehe Hazel ihre wirren Gedanken ordnen konnte, riss sie eine Bewegung im Augenwinkel aus der Starre. Auch Citrin fuhr sofort herum.

„Beeindruckende Runenarbeit für jemanden, der hier eigentlich rein gar nichts zu suchen hat“, ertönte eine kalte, feste Stimme.

Ein paar Schritte entfernt trat eine Gestalt aus dem Schatten der Tannen: Eine faszinierende Marulin mit dunkler Haut, kurzen Haaren, Fuchsohren und einem buschigen Schwanz. Ihre strahlend hellblauen Augen musterten Hazel unnachgiebig. Die Naturhüterin trug einen Bogen einsatzbereit geschultert.

Die Frau begann langsam und mit geschmeidigen Schritten um Hazel herumzulaufen. Sie musterte sie von allen Seiten, taxierte ihren Stand, ihre Ausrüstung und die verglühenden Splitter im Schnee, als würde sie ein unbekanntes Raubtier analysieren.

 

„Du stehst mitten in einem geschützten Brutgebiet“, sagte die Marulin mit schneidender Stimme, während sie ihren Blick keinen Moment von Hazel abwandte. „Und du wirkst hier Magie. Du hast einen geisterhaften Begleiter beschworen, der nicht hierhergehört. Wer bist du, und was spielst du für ein gefährliches Spiel?“

Hazel, deren Gedanken noch immer bei Marus leerem Blick kreisten, hielt dem intensiven Blick stand, schluckte schwer und hob abwehrend die Hände. „Ich heiße Hazel. Und ich spiele kein Spiel. Ich habe hier ein verfluchtes Artefakt zerstört, das die Natur bedrohte. Ich wollte niemanden stören.“

Die Marulin blieb schließlich direkt vor Hazel stehen, trat einen Schritt näher und senkte die Stimme zu einer eindringlichen, scharfen Warnung: „Mein Name ist Rhena. Ich bin hier Naturhüterin, und du bist an einem streng geschützten Ort, an den du absolut nicht hingehörst. Was du hier tust, ist brandgefährlich. Die Wildnis verzeiht keine Fehler, und Mächte wie diese ziehen Unheil an.“

Sie musterte Hazel noch einmal von Kopf bis Fuß, warf dann einen kurzen, anerkennenden Blick auf die gereinigten Pflanzen in der Umgebung und fügte in einem etwas milderen Ton hinzu: „Auch wenn ich gesehen habe, wie dein Elfe hier beim Heilen geholfen hat… ich danke euch zwar, dass ihr diese finstere Unreinheit beseitigt habt, aber das ändert nichts an der Sache.“

Rhena blickte Hazel direkt in die Augen. „Ich behalte dich im Auge, Hazel. Und jetzt verlasse dieses Areal. Sofort.“

Hazel schluckte und nickte ernst. „Verstanden. Entschuldigung.“ Mit einer raschen Handbewegung schwebten die verstreuten Splitter des Artefakt in Hazel’s Hand. Sie rief rasch ihren Besen herbei, deutete Citrin an, sich in ihrer Kapuze zu verziehen, und schwang sich in die Luft. Beim Aufstieg warf sie einen letzten Schulterblick auf die Lichtung. Doch von Rhena war bereits jede Spur verschwunden – sie war so zügig und leise fort, wie sie aufgetaucht war.

• • • • • • •

Zurück im Kindergarten, umgeben von der wohligen Wärme und der kleinen Merle, kam Hazel dennoch nicht zur Ruhe. Die Vision des Hasen brannte in ihrem Gedächtnis – Marus leere Augen ließen ihr keine Wahl. Sie musste den Realm-Schlüssel jetzt zügig herstellen und herausfinden, wie sie ihn anwenden konnte. Noch in derselben Nacht nahm sie sich vor, in ihrem Zimmer in der Akademie sofort alle Aufzeichnungen durchzugehen und jede einzelne Zutat und Komponente zusammenzusuchen, die sie für den Bau des Schlüssels benötigte.

Doch während sie Merle an sich drückte und leise über das Erlebte nachdachte, mischte sich ein weiterer Gedanke in ihr Bewusstsein. Der Falkenpass war wild, unbarmherzig und voller Gefahren gewesen – und doch hatte dieser Ort, zusammen mit der strengen Naturhüterin Rhena, die sie unglaublich beeindruckend fand, eine magische Anziehungskraft auf sie ausgeübt.

Hazel wusste tief in ihrem Inneren: Dieser raue, wunderschöne Ort würde ihre Zukunft werden.