Lunastria
Hexenakademie
- Codex Astraea NEU
- Astrolabium Zodiac
Prompt August 2026
01.08.2026 um 11:40 Uhr
#50 | Der Blick in die Karten
Wahrsagen fühlte sich für Echo seltsam vertraut an. Sie hatte kaum Erfahrung damit und kannte bisher nur die Bedeutungen, die Professorin Celestine ihnen erklärt hatte. Trotzdem musste sie sich nicht anstrengen, um etwas in den Karten zu erkennen. Es war eher, als würde sie sich an etwas erinnern, das sie nie gelernt hatte.
Seit einiger Zeit gelangen ihr kleine Zeitzauber. Manchmal konnte sie einen Augenblick dehnen oder wenige Sekunden zurückdrehen. Auch ihre Sanduhr, mit der sie einen Augenblick, die Zeit umkehren kann, war ihr erstaunlich schnell geglückt. Sie hielt das für eine noch unausgereifte Begabung, die sie mit genügend Übung irgendwann besser verstehen würde. Das vertraute Gefühl dazu blieb. Und es überrascht sie auch nicht, denn sie war in der Uhrenwerkstatt ihres Vaters aufgewachsen. Dass diese Magie, die sich für sie so vertraut anfühlte, sehr viel älter und mächtiger war, als sie ahnte, wusste Echo nicht.
Professorin Celestine dagegen beobachtete sie seit Beginn der Stunde aufmerksam. Echo kramte ihre geliebten Tarotkarten heraus, die sie auch schon beim Mittsommerfest genutzt hatte. Die Rückseiten waren dunkelblau und mit feinen goldenen Sternlinien verziert. Dawn schwebte auf den Rand und setzte sich ihr gegenüber. Auch ihre kleine Elfe war bereit.
„Drei Karten“, erklärte Professorin Celestine. „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Lernt ihre Bedeutungen, aber verlasst euch nicht allein auf das, was in euren Büchern steht, sondern hört in euch hinein, wie in die Kristallkugel zu blicken.“
Echo begann, die Karten bedacht zu mischen. Schon nach wenigen Bewegungen wurde der Raum um sie herum still. Die anderen Schülerinnen waren noch da. Echo hörte Karten rascheln und Stühle über den Boden schaben, doch alle Geräusche klangen plötzlich weit entfernt.
Zwischen ihren Händen schienen sich die Karten langsamer zu bewegen als alles andere. Echo dachte an Dawn. An ihre erste Begegnung, an ihre stille Hilfe und an all die Augenblicke, in denen die kleine Elfe etwas bemerkt hatte, bevor Echo selbst darauf aufmerksam geworden war.
Ohne bewusst eine Karte auszuwählen, zog Echo drei Stück aus dem Stapel. Ihre Finger wussten bereits, welche es sein mussten. Sie legte die Karten verdeckt nebeneinander. Dann zeichnete sie mit ihrem Zauberstab über jede Karte die Runen für Vergangenheit (Praeteris | ᛈ ᚱ ᚨ ᛖ ᛏ ᛖ ᚱ ᛁ ᛋ), Gegenwart (Praesentia | ᛈ ᚱ ᚨ ᛖ ᛋ ᛖ ᚾ ᛏ ᛁ ᚨ) und Zukunft (Ventura | ᚢ ᛖ ᚾ ᛏ ᚢ ᚱ ᚨ). Die Symbole leuchteten kurz und zerfielen wie feiner Staub auf die jeweilige Tarotkarte.
⭐ Die erste Karte war: Der Stern.
Noch bevor Echo das Bild richtig betrachtete, spürte sie Hoffnung. Aber darunter lag auch Einsamkeit. Nicht wie ein Gedanke, sondern wie die Erinnerung an einen vergangenen Augenblick. Sie sah Dawn nicht nur so, wie sie jetzt vor ihr saß. Für einen kurzen Moment sah Echo das erste schwache Leuchten, aus dem die kleine Elfe entstanden war. Sie fühlte ihren eigenen damaligen Wunsch nach Begleitung und Verständnis so deutlich, als geschähe alles noch einmal. Erst danach erinnerte sie sich an die gelernte Bedeutung der Karte. Der Stern stand für Hoffnung, Vertrauen, Heilung und einen neuen Anfang nach einer Zeit der Unsicherheit.
„Vergangenheit“, sagte Echo leise. „Du bist aus Hoffnung entstanden. Weil ich nicht mehr allein sein wollte und alles neu für mich war, weil ich so weit von der Akademie und den Hexen aufgewachsen bin. Ein Wunsch. Ein Stern.“ Dawn berührte vorsichtig den Rand der Karte. Das Papier glitzerte unter ihren Fingern. Dawn lächelte Echo liebevoll an.
👵🏻 Echo deckte die zweite Karte auf: Die Hohepriesterin.
Sie stand für Intuition, verborgenes Wissen und Dinge, die sich nicht mit den Augen allein erkennen ließen. Doch wieder war die Bedeutung schon da, bevor Echo sie in Worte fassen konnte. Sie sah Dawn an und wusste plötzlich, dass die kleine Elfe weit mehr wahrnahm, als sie zeigen konnte. Dawn spürte Veränderungen, Gefahren und Stimmungen oft früher als Echo. Manchmal schien sie sogar auf etwas zu reagieren, das noch gar nicht geschehen war, um Echo den richtigen Weg zu zeigen oder ihr zu helfen, wie beim Jul-Konzert, wo Echo fast ihren Einsatz verpasste.
„Gegenwart“, murmelte Echo. „Du weißt manches schon, bevor ich bereit bin, es zu verstehen, und bist mit ihr so viel stärker geworden, seit wir hier sind.“ Dawn wurde ganz still und schaute ihr tief in die Augen.
Professorin Celestine trat einen Schritt näher. Echo bemerkte es nicht. Ihr Blick ruhte bereits auf der dritten Karte.
☀️ Noch bevor Echo sie umdrehte, wusste sie, dass darauf Die Sonne zu sehen sein würde. Als sie die Karte aufdeckte, fiel warmes Licht auf ihren Tisch.
Die Sonne stand für Freude, Klarheit, Wachstum und Lebenskraft. Echo lächelte. Sie sah darin keine ferne oder bedrohliche Zukunft. Dawn würde mutiger werden und wachsen. Sie würde nicht für immer nur Echos kleine Begleiterin bleiben, sondern ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und zu einer großen, starken Elfe werden. Es war nur noch eine Frage der Zeit.
Da begann die Luft über den drei Karten zu flimmern. Echo sah Dawn zwischen hohen Blumen fliegen. Vor ihr verlief ein heller Pfad, der sich in der Ferne zwischen den Blüten verlor. Dawn folgte ihm, hielt dann inne und blickte zu Echo zurück. Für einen Augenblick sah es aus, als würde nicht Echo die kleine Elfe führen, sondern Dawn sie.
Dann veränderte sich das Bild. Hinter Dawn erhob sich ein gewaltiger Kreis aus Licht. Unzählige Zeichen bewegten sich darin wie die Zeiger einer Uhr, doch einige liefen vorwärts, während andere sich rückwärts drehten. Echo verstand keines der Symbole, aber sie spürte, wie die Taschenuhr ihres Vaters neben ihr in ihrer Schultasche anfing zu glühen und zu vibrieren. Trotzdem kam ihr ihr Anblick vertraut vor. Etwas Altes schien durch die Karten nach ihr zu greifen. Nicht feindselig. Eher so, als hätte es lange auf sie gewartet. Im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden. Vor Echo lagen wieder nur die drei Tarotkarten.
Professorin Celestine stand nun direkt neben ihr. Ihr Gesicht war ruhig, doch in ihrem Blick lag etwas, das Echo nicht einordnen konnte.
„Der Stern, Die Hohepriesterin und Die Sonne“, sagte sie. „Hoffnung, Intuition und Entfaltung. Eine ausgesprochen klare Legung.“ Echo wartete darauf, dass die Professorin weiterging. Stattdessen nahm Celestine die Sonnenkarte vorsichtig in die Hand.
„Du hast die letzte Karte erkannt, bevor du sie aufgedeckt hast.“ Echo blinzelte. „Ich habe nur geraten.“
„Nein“, antwortete Professorin Celestine. „Das hast du nicht.“ Echo sah auf die Karten hinunter. „Dann war es vielleicht Chronos. Meine Zeitzauber werden langsam besser.“
Für einen Moment sagte Professorin Celestine nichts. „Was du Chronos nennst, ist mehr als ein Talent für kleine Zeitzauber“, erklärte sie schließlich. „Es gibt Formen der Zeitmagie, die älter sind als die meisten Zauber, die heute gelehrt werden. Sie erlauben es nicht nur, einen Augenblick zu verändern. Sie verbinden Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukünfte miteinander.“
Echo verstand kaum die Hälfte davon. „Und ich kann so etwas?“ Professorin Celestine legte die Karte zurück auf den Tisch. „Du hast heute nicht einfach drei Karten gedeutet. Du hast in jeder von ihnen einen anderen Teil der Zeit berührt.“
Echo betrachtete ihre Hände. Sie fühlten sich nicht anders an als zuvor. „Warum weiß ich dann nichts darüber?“ „Vielleicht, weil diese Magie schon bei dir war, lange bevor du einen Namen für sie hattest.“
Mehr sagte Professorin Celestine nicht. Sie wandte sich wieder den anderen Schülerinnen zu, behielt Echo jedoch weiterhin im Auge. Dawn setzte sich mitten auf die Sonnenkarte und legte beide Hände darauf.
Echo lächelte unsicher. Für sie war es eine gelungene erste Legung gewesen, bei der sie auch ihre Runenmagie mit eingebracht hatte. Dass sie etwas berührt hatte, das viel älter war als die Akademie und vielleicht sogar älter als die bekannte Lehre der Zeitmagie, konnte sie noch nicht begreifen. Doch die Karten unter Dawns Händen glitzerten weiter, obwohl längst kein Zauber mehr auf ihnen liegen sollte, aber nur Echo und Dawn konnten diesen Schimmer noch sehen in diesem Moment bevor er ganz verflogen war.














