Lunastria

Hexenakademie

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01.08.2026 um 11:40 Uhr
23 Juli, 2026| Claire| |
Kapitel IV – Der Hort von Dravemaris

Der Hort lag verborgen zwischen den Bergen, wo Nebel und Licht ineinanderflossen. Die Welt hier schimmerte in einem magischen Gleichgewicht, das selbst die Luft ehrwürdig machte. Kristalle wuchsen aus dem Fels, als hätte der Berg selbst begonnen zu leuchten, und am Himmel zogen Drachen in menschlicher Gestalt ihre Bahnen über den Horizont.

Lillith spürte die Energie dieses Ortes in jeder Faser. Es war anders als jede Magie, die sie kannte. Warm, pulsierend, uralt. Sie fühlte sich klein und unbedeutend, aber zugleich seltsam geborgen.

Damien führte sie einen breiten Pfad entlang, der sich durch die Siedlung schlängelte. Zwischen Häusern aus Stein und Holz brannten Laternen, deren Flammen in allen Farben des Feuers tanzten. Die Blicke, die ihr folgten, waren gemischt aus Neugier, Skepsis, Verwunderung. Vampire waren in dieser Welt seltene Gäste.

Am Rand des Hauptplatzes warteten zwei Gestalten. Der Mann, der dort stand, war groß und trug die Ruhe eines Wesens, das viele Jahrhunderte gesehen hatte. Seine Augen leuchteten bernsteinfarben, und in seinem Blick lag prüfende Strenge. Neben ihm stand eine Frau mit silbernen Augen und weichem, aber wachem Gesichtsausdruck. Ihr Haar fiel in hellen Wellen über die Schultern, und als Lillith sie sah, erkannte sie dieselbe Gelassenheit, die sie bei Damien mochte.

„Du bringst uns also Besuch“, sagte der Mann ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Und das ohne Vorankündigung.“

„Manche Begegnungen sind zu wichtig, um sie zu planen“, erwiderte Damien mit einem kleinen Lächeln.

Die Frau trat näher, betrachtete Lillith einen Moment lang und nickte dann leicht. „Willkommen, Kind. Setz dich, du musst müde sein.“

Sie führte Lillith und Damien in ein helles Gemach, in dem Feuer in einer steinernen Schale brannte. Der Duft von Kräutern lag in der Luft.

Kaum hatten sie Platz genommen, begann das Gespräch. Es war kein Verhör, eher eine Prüfung aus Worten.

„Man sagt, Vampire seien kalte Wesen“, begann eine der Anwesenden, eine ältere Drachenfrau mit schuppigen Linien entlang der Wangen. „Doch du wirkst nicht kalt, Lillith.“

„Ich stamme aus einer Familie, die das Herz vergaß“, antwortete sie ruhig. „Aber ich habe gelernt, dass Kälte nicht Natur, sondern Erziehung ist.“

Ein leises Murmeln ging durch die Runde. Damien sah sie aus dem Augenwinkel an, voller Stolz.

Ein anderer fragte: „Wie hast du ihn getroffen, unseren Damien?“

Lillith lächelte schwach. „Eher hat er mich gefunden, als ich bei einen kleinen Ausbruch aus dem Anwesen an einer wunderschönen Lichtung eingeschlafen bin.“

Ein kurzes, helles Lachen ging durch die Versammlung. Selbst Damiens Vater zog die Mundwinkel leicht nach oben.

Dann stellte jemand die Frage, die sie gefürchtet hatte. „Und du kommst wirklich aus einer Linie reiner Vampire?“

Sie nickte. „Ja. Rein im Sinne von abgeschlossen. Sie glauben, dass das Blut uns schützt. Aber ich denke, es macht uns blind.“

Die Drachen tauschten Blicke aus. Ihr Mut schien sie zu überraschen.

Damiens Vater lehnte sich zurück. „Eine, die aus den Schatten kommt und das Licht nicht fürchtet. Interessant.“

Seine Frau sah ihn mit warnendem Blick an. „Vorsicht. Nicht jeder, der anders ist, trägt Schuld daran.“

Er antwortete nicht, doch sein Blick wurde weicher.

Damien grinste. „Ich hab dich gewarnt, Vater.“

Ein leises Lächeln huschte über Lilliths Lippen, und die Stimmung begann sich zu lösen. Die Gespräche wurden lebendiger, und die Drachen begannen, echte Fragen zu stellen.

„Stimmt es“, fragte jemand neugierig, „dass Vampire Blut brauchen, um ewig zu leben?“

Lillith lächelte leicht. „Ein schöner Mythos. Aber nein. Wir leben von Magie. Von der Energie, die in allem fließt. Blut ist nur ein Symbol. Es war ein Märchen der Menschen, um uns zu fürchten.“

„Also seid ihr keine Jäger der Lebenden?“

„Nein“, sagte sie sanft. „Wir sind Hüter der Energie, keine Räuber. Wenn wir Magie aufnehmen, geben wir sie auch wieder an die Welt zurück.“

Ein leises, zustimmendes Raunen ging durch die Versammlung. Selbst Damiens Vater nickte langsam, während seine Frau das Gespräch weiterlenkte.

„Und was ist mit der Sonne?“ fragte sie mit neugierigem Glanz in den Augen.

Lillith lachte leise. „Sie ist hell, ja. Aber sie tötet uns nicht. Wir fühlen nur stärker, wenn sie scheint. Vielleicht, weil sie uns daran erinnert, dass wir Teil einer Welt sind, die wir zu lange gemieden haben.“

Diese Worte trafen tief. Der Platz wurde still, und in der Flamme der Feuerschale spiegelten sich ihre Gesichter.

Als die Sonne schließlich hinter den Bergen versank, entzündete man auf dem Hauptplatz ein großes Feuer. Damiens Mutter lud sie ein, am Clanmahl teilzunehmen, und so saß Lillith wenig später unter dem Sternenhimmel, umgeben von Wärme, Stimmen und Lachen.

Das Mahl war lebendig es wurden Geschichten erzählt, Lieder erklangen, und Kinder rannten zwischen den Erwachsenen umher. Lillith fühlte sich seltsam frei, als sie in die Flammen blickte. Zum ersten Mal gehörte sie zu einem Kreis, der sie nicht verurteilte.

„Du siehst aus, als würdest du atmen lernen“, sagte Damien, als er sich neben sie setzte.

„Vielleicht tue ich das auch“, antwortete sie leise.

„Wie fühlt es sich an?“

Sie blickte in das Feuer. „Wie ein Herzschlag, der zum ersten Mal schlägt.“

Er lächelte. „Ich hoffe, du bleibst. Du passt hierher, Lillith.“

Sie wollte antworten, doch der Moment verging im Knistern der Flammen. Nach und nach verabschiedeten sich die Clanmitglieder, bis nur noch sie beide am Feuer saßen. Der Wind trug Funken in die Nacht, und über ihnen glitzerten die Sterne.

Damien sah zu ihnen hinauf. „Siehst du das?“ fragte er leise. „Jeder Stern da oben ist ein Versprechen. Manchmal glaube ich, sie sind unsere Erinnerungen – die, die wir nicht vergessen dürfen.“

Lillith folgte seinem Blick. „Wenn das so ist, dann gibt es da oben viele, die ich verloren habe.“

„Dann lass mich dir neue schenken.“

Sie sah ihn an, überrascht. Seine Stimme klang weich, fast scheu – anders als sonst.

„Lillith…“, begann er, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen. „Ich weiß, was du hinter dir gelassen hast. Und ich weiß, dass du dir eine Welt wünschst, in der du frei bist. Aber… wenn du es willst, dann möchte ich ein Teil dieser Welt sein. Nicht, um dich zu besitzen – nur, um sie mit dir zu teilen. Für so lange, wie unsere Leben dauern.“

Ihre Augen wurden weit. Sie hatte nie geglaubt, dass er es aussprechen würde, und doch hatte sie es immer gewusst.

„Damien…“

Er hielt ihrem Blick stand. „Kannst du dir ein Leben mit mir vorstellen? Eines, das für immer ist?“

Lillith schwieg. Der Wind flüsterte durch die Bäume, Funken tanzten in der Luft. Dann legte sie ihre Hand auf seine.

„Ich weiß nicht, was für immer bedeutet“, sagte sie leise. „Aber wenn es sich so anfühlt wie dieser Moment… dann ja.“

Damien lächelte. „Dann ist das genug.“

Sie sahen gemeinsam in die Sterne, und für Lillith fühlte sich das zum ersten Mal nicht mehr wie ein Traum an, sondern wie ein Anfang.