Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
25.07.2026 um 21:50 Uhr
20 Juli, 2026| élodie| |
Flüstern im Brunnen

Ich hockte am Schreibtisch meines Wohnheimszimmers, als das Geräusch zum ersten Mal durch das offene Fenster drang. Es war spät, die Kirchturmuhr der Akademie hatte gerade Mitternacht geschlagen, und eigentlich wollte ich nur meine getrockneten Blüten für den Unterricht morgen sortieren. 

Doch durch die Stille schnappte ich ein heiseres, rhythmisches Gemurmel auf. Es klang wie ein schnelles, verzweifeltes Tuscheln, trocken und rasselnd. Ich trat ans Fenster. Der Hof lag friedlich im fahlen Mondlicht, komplett menschenleer. Nur das Flüstern hörte nicht auf. Es kam eindeutig aus der Richtung des alten, ungenutzten Brunnens in der Mitte des Hofes.

Ich streifte meinen Mantel über und schlich die steinerne Wendeltreppe hinab. Draußen drückte ich meine Handflächen gegen den rauen, eisigen Rand des Brunnens. Sofort spürte ich, dass hier etwas absolut nicht stimmte. Die Luft, die aus dem tiefen Schacht aufstieg, roch nicht nach klarem Wasser, sondern faulig und stechend nach verbranntem Schwefel. Ich beugte mich weit über das dunkle Loch, hielt den Atem an und lauschte konzentriert. Das Tuscheln war hier unten viel lauter, fast wie ein hohles Echogemurmel, aber es waren keine menschlichen Stimmen.

Um zu sehen, was da unten vor sich ging, warf ich einige Samen, die zufällig in meiner Hosentasche lagen, in die Dunkelheit hinab und flüsterte ein kurzes Zauberwort.

„Aperi!“

Mitten im Fall brachen die Schalen auf. Lange, grüne Triebe schossen hervor und entfalteten sich zu leuchtend gelben Blumen. Warmes Licht strömte aus dem Inneren der Blumen und beleuchtete den dunklen Boden des Brunnens.

Dort unten saßen keine Geister. Es war eine Gruppe von fünf Wurzel-Wichten – kaum dreißig Zentimeter große Wesen, deren Körper wie knorrige Wurzeln aussahen. Ihre hölzerne Haut war rissig und von einem dicken, grauen Schimmelbelag überzogen. Sie zitterten am ganzen Leib und rieben panisch ihre winzigen Holzfinger aneinander, was dieses raschelnde Flüstern erzeugte. Direkt neben ihnen klaffte ein frischer Riss im Stein, aus dem eine zähe, pechschwarze Flüssigkeit tropfte. Sie fraß sich zischend in den Boden und schnitt die Wichte in einer Ecke ab.

Mithilfe meiner Magie ließ ich eine frische Heckenrosen-Ranke aus meinem Ärmel ausstrecken und berührte die pechschwarze Flüssigkeit damit vorsichtig. Der grüne Stängel verfärbte sich sofort tiefschwarz und zerfiel zu Asche – es war Nekromantie-Gift, das absichtlich in den Brunnen gegossen worden war, um die magischen Wurzelwesen gezielt zu töten. An der Innenseite der Brunnenwand entdeckte ich zudem ein frisch eingeritztes, vierteiliges Siegel. Jemand wollte die Wichte vernichten…aber wieso? Das musste ich der Akademieleitung gleich am nächsten Morgen melden!

Ich durfte keine Zeit verlieren. Schnell ließ ich zwei dicke, dornenlose Ranken aus meinen Ärmeln in den Schacht gleiten, wickelte sie vorsichtig um die Bäuche der fünf zitternden Wurzel-Wichten und zog sie nacheinander sicher nach oben in das feuchte Gras des Innenhofs. Ich kniete mich vor sie und hielt meine Hände über ihre zappelnden Körper. Dann schickte ich einen warmen, goldgrünen Nebel aus meinen Handflächen, der intensiv nach Jasmin und Flieder duftete. Sobald der Nebel die Wichte berührte, blätterte der graue Schimmel von ihrer Rinde ab und zerfiel zu Staub. Ihre ausgetrockneten Glieder saugten die florale Energie auf, bis ihre hölzerne Haut wieder glatt und gesund glänzte.

Zum Dank drückte mir der größte Wicht eine kühl leuchtende Anemone in die Hand. Im nächsten Moment vergruben sich alle fünf flink im schützenden Erdboden. 

Genau in diesem Augenblick hörte ich schwere Schritte auf dem Hof und sah den Schein einer Laterne. Jemand war auf uns aufmerksam geworden! 

Nichts wie weg! Ich packte die leuchtende Blume, drehte mich um und flüchtete mit klopfendem Herzen gerade noch rechtzeitig zurück in mein Zimmer.