Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
12.07.2026 um 09:25 Uhr
12 Juli, 2026| Hazel| , |
Blumenkränze, Tee & Schwärmerei

Die letzten Tage waren für Hazel eine Achterbahn der Gefühle gewesen. Seit der letzten Wahrsagestunde, in der Marus Vertrauter – ein Hase – in ihrer Vision aufgetaucht war, stand ihre Welt kopf. Cybils nächtliche Suche in den Wäldern hatte zwar keine physischen Spuren von ihrer Schwester geliefert, doch das Feuer der Hoffnung brannte heißer denn je in Hazels Brust. Ihr Kopf rauchte von Fragen, und ihr Herz sehnte sich nach einer Antwort auf das Versprechen, das die bernsteinfarbenen Augen des majestätischen Hirsches ihr gegeben hatten.

Umso dankbarer war sie für den heutigen Abend. Die Mittsommernacht.

Der Abend in Helvik war warm und roch nach Sommerregen, gegrillten Leckereien und wildem Thymian. Überall in den Straßen schwebten magische Irrlichter, die die Stadt in ein sanftes, goldenes Licht tauchten. Große Freudenfeuer knackten am Marktplatz, und das Lachen von Hexen, Zauberern und Fabelwesen erfüllte die Luft. Hazel hatte ihren ganz eigenen, gemütlichen Stand am Rande des Festplatzes aufgebaut, direkt unter einer uralten, schützenden Eiche.

Neben dem Verkaufstisch, unter den Ästen, schwebte eine kleine, liebevoll hergerichtete Wiege, in der Merle friedlich schlummerte. Hazel hatte einen Schutzzauber darum gelegt, damit Merle von den Geräuschen des Abends etwas abgeschirmt war.

Hazel hatte ihren Tisch mit duftenden Mittsommer-Blumen, frischen Kräutern und funkelnden Gläsern geschmückt. Ihre Idee war es, den feiernden Hexen und Zauberern einen Ort der Ruhe und des puren Genusses zu schenken. Ihr Stand trug den Namen: „Kräuterklang & Seelenlicht“.

1. Die Mittsommer-Kränze: Mit dem Wissen aus ihrer Gartenpraxis hatte Hazel wunderschöne Haarkränze geflochten. Das Besondere daran: Sie hatte die Blumen mit winzigen Zaubersprüchen belegt. Wer einen Kranz trug, spürte eine sanfte, kühle Brise auf der Haut – perfekt gegen die Hitze der großen Freudenfeuer.

2. Der magische Blüten-Tee: In großen, gläsernen Kannen bot Hazel einen selbstgemachten Eistee aus Mondlilien-Blättern und einer Nuance Minze an. Er beruhigte die Nerven und ließ die Augen der Trinker für ein paar Minuten ganz leicht im Dunkeln funkeln.

Der absolute Publikumsmagnet war jedoch Citrin. Die Elfe hatte ein echtes Talent dafür, die Festbesucher anzulocken. Wann immer sich jemand Hazels Stand näherte, flog Citrin aufgeregt Schleifen und verstreute glitzernden Elfenstaub über den Blütenkränzen, sodass diese in den schönsten Farben des Regenbogens zu leuchten begannen. Sogar die Bibliothekarin Aria Portier kam vorbei, setzte sich schmunzelnd einen von Hazels Kränzen auf den Kopf und lobte die harmonische Wirkung der Kräuter.

Spät am Abend, als die Musik am lautesten war und funkelnde Noten in den Himmel schossen, unterhielt Hazel sich gerade mit einem Kunden, als Citrin auf ihrer Schulter plötzlich aufgeregt zu zappeln begann. Die kleine Elfe zupfte wild an Hazels Haaren und deutete mit ihrem winzigen Finger in die Menge. Hazel blickte auf – und ihr Herz tat auf Anhieb einen heftigen Schlag. „Sieh mal!“, flüsterte Citrin ihr zu.

Dort, im warmen, flackernden Licht des großen Freudenfeuers, stand er. Sejanus. Er trug einen dunklen Festumhang, der im Licht der magischen Irrlichter violett schimmerte, und sah noch ein Stück faszinierender aus als bei ihrer ersten Begegnung. Er schlenderte gelassen durch die Reihen der Stände, bis sein Blick an der alten Eiche hängen blieb. Als er Hazel entdeckte, stahl sich ein schmales, geheimnisvolles Lächeln auf seine Lippen.

Er trat an ihren Stand. „So treffen wir uns wieder, geehrte Wahrsagerin“, sagte er mit seiner angenehm tiefen Stimme. „Ich habe mir sagen lassen, dass man den Stand mit den besten Kränzen der Stadt unmöglich verpassen darf.“

Hazel spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg – und diesmal lag es definitiv nicht am Mittsommerfeuer. „Hallo Sejanus“, erwiderte sie und versuchte, so professionell wie möglich zu klingen, während sie nach einem besonders schönen Kranz aus blauen Kornblumen und silbernem Mondkraut griff. „Die Magie der Pflanzen liegt mir eben auch im Blut. Der hier sorgt für eine kühle Brise, perfekt für die heiße Festnacht.“

„Wunderschön. Den nehme ich“, sagte er, trat einen Schritt näher und ließ sich den Kranz von Hazel geben. Seine Fingerspitzen berührten dabei ganz kurz ihre Hand, was Hazel eine sofortige Gänsehaut bescherte. Citrin hielt sich im Hintergrund den Bauch vor Lachen und schoss ein paar winzige, freche Glitzerfunken in Sejanus‘ Richtung, was er mit einem leisen Lachen quittierte.

Er legte ein paar glänzende Münzen auf den Tisch, setzte den Kranz auf und sah sie noch einmal intensiv an. „Deine Prophezeiung aus der Prüfung lässt mir übrigens keine Ruhe. Die ‚unerwartete Aufgabe‘ hat tatsächlich schon begonnen… und ich habe das Gefühl, der Rest deiner Vorhersage wird sich auch bald erfüllen.“ Er zwinkerte ihr zu, nahm ein tiefes Glas von ihrem funkelnden Mondlilien-Tee und prostete ihr zu.

Gerade als er sich verabschieden wollte, glitt sein Blick zu der schwebenden Wiege, die im sanften Schutz der alten Eiche verankert war. Dort lag die kleine Merle und hatte bisher friedlich geschlafen.

„Ein bezauberndes kleines Wesen“, bemerkte Sejanus leise. Völlig unschuldig trat er einen Schritt näher, um einen Blick auf das Baby zu werfen. „Ja, Merle ist bezaubernd“, gab Hazel verlegen zurück.

Doch kaum hatte sich Sejanus leicht über die Wiege gebeugt, riss Merle die Augen auf. Sie blickte ihn an und fing plötzlich an, kläglich und ganz untypisch schrill zu weinen. Es war kein wütendes Schreien, sondern ein zutiefst verunsichertes Weinen, als hätte sie sich vor seinem Schatten erschrocken oder im Halbschlaf eine plötzliche Kälte gespürt.

Hazel reagierte sofort und absolut routiniert. „Oh, da hat wohl jemand schlecht geträumt“, sagte sie, nahm Merle behutsam auf den Arm und wiegte sie sachte hin und her. „Alles gut, ich bin da.“

Sejanus wich sofort einen Schritt zurück. Auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus Verlegenheit und aufrichtigem Bedauern. „Verzeihung, ich wollte die Kleine nicht aufschrecken“, sagte er und hob abwehrend die Hände. Sichtlich unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte, schenkte er Hazel ein schnelles, entschuldigendes Lächeln. „Ich überlasse euch zwei wohl besser wieder eurer Ruhe. Genieße die Nacht, Hazel.“

„Ist gut. Bis ganz bald wieder“, lächelte Hazel verlegen. Mit einer eleganten Verbeugung drehte Sejanus sich um und ging weiter, bis er in der feiernden Menge verschwand.

Kaum war er ein paar Meter weg, beruhigte sich Merle auch schon wieder. Sie nuckelte an ihrem Daumen, seufzte tief und kuschelte ihr Köpfchen an Hazels Schulter. Hazel lächelte, drückte Merle einen Kuss auf die Stirn und legte sie zurück in die Wiege. Für Hazel war die Sache erledigt – Babys erschraken eben manchmal vor Fremden, besonders im flackernden Licht der Festfeuer.

Nur Citrin blieb noch einen Moment länger auf dem Rand der Wiege sitzen. Sie stützte nachdenklich die Hände ans Gesicht und blickte Sejanus mit einem ungewohnt ernsten Blick hinterher, bis er endgültig im Trubel untergetaucht war.

Hazel klopfte sich den Rock glatt und atmete die warme Sommerluft ein. Ja, diese Mittsommernacht war definitiv unvergesslich – und das Spiel des Schicksals hatte gerade erst begonnen.