Lunastria

Hexenakademie

Zuletzt eingetragen am:
15.06.2026 um 15:40 Uhr
14 Juni, 2026| Hazel| , |
Briefgeflatter & Trüffel-Theater

Professorin Celestine beendete ihre Erklärung und mit einem leisen Raunen im Raum begann die Aufgabe der 5. Unterrichtsstunde. Hazel spürte, wie ihr Herz einen Schlag schneller tat. Wahrsagen war beim besten Willen nicht ihr Fach, aber Aufgeben kam für sie nicht infrage. Sie biss ehrgeizig die Zähne zusammen und zog ihre Kristallkugel zu sich heran. Wenn die reine Intuition ihr nicht half, dann eben die Logik der Runen.

Mit konzentriertem Blick hob Hazel den Finger. Sie begann, präzise, leuchtende Runen für *Fokus*, *Klarheit* und *Sicht* in die Luft direkt um die gläserne Kugel herum zu zeichnen. Die magischen Symbole flirrten und warfen ein sanftes, goldenes Licht auf ihr Gesicht. Doch als Hazel merkte, dass ihr forsch vorandrängender Ehrgeiz die Runen leicht ins Flackern brachte, spürte sie eine beruhigende Präsenz an ihrer Seite.

Citrin trat elegant näher. Die große Elfe strahlte wie gewohnt die personifizierte Ruhe aus. Sie beobachtete Hazels Bewegungen ganz genau, verstand sofort den Fluss der Magie und hob sachte die Hand. Mit einer fließenden, gelassenen Geste tippte Citrin auf zwei der flackernden Runenlinien, stabilisierte den Energiefluss und erdete Hazels sprühende Magie.

Durch Citrins Unterstützung verbanden sich die Runen perfekt mit der Kristallkugel. Das matte Glas klärte sich im selben Moment auf. Hazel atmete tief durch, schaute konzentriert in das Innere der Kugel – und plötzlich formten sich die Nebel zu klaren Bildern. Sie hatten die Spur einer ganz bestimmten Posteule erfasst: Alba.


Während sich die Hexenwelt schlafen legte, schlug die Turmuhr im Ort vier Uhr morgens. In der zentralen Poststation begann das große Flattern. Überall flogen Pergamente durch die Luft, sortiert von magischen Winden. Mittendrin stand Alba, Dienstnummer 402. Mit seinen gerade einmal einundzwanzig Zentimetern Körpergröße war er zwar der kleinste Steinkauz der Station, aber definitiv der gerissenste. Alba schluckte eine Handvoll Zielwasser-Samen gegen den Morgennebel und ließ sich sein Ledergeschirr festschnallen. Dank eines Verkleinerungszaubers wog der schwere Postsack an seinen Krallen fast nichts. Sein Auftrag heute: Route Dunkelwald-Süd – eine Strecke, vor der selbst die großen Uhus Respekt hatten.

Der Vormittag forderte alles von ihm. Als er das Wolkenmeer durchquerte, kreuzte eine Gruppe kichernder Junghexen auf ihren Rennbesen seine Flugbahn. Wo andere Vögel panisch geflohen wären, nutzte Alba seine kompakte Größe aus: Mit einem hocheleganten, pfeilschnellen Sturzflug, der ihn nur ein paar Federn kostete, schoss er einfach mitten durch die Besenreihe hindurch. Ein Postvogel verliert schließlich niemals einen Brief – das war seine absolute Ehrensache.

Gegen Nachmittag, mitten über dem nebligen Moor, passierte es: Albas schwerstes Paket fing plötzlich an zu knurren. Es vibrierte so heftig, dass es den kleinen Kauz fast in die Tiefe riss. Drinnen steckte eine Lieferung „Hüpfender Trüffel“ für die  Professorin Kathleen – und sie waren viel zu früh aufgewacht! Wenn das Paket riss, war die Lieferung verloren. Doch Alba war viel zu clever für eine Panik. Im Sinkflug stimmte er mit seiner durchdringenden Stimme ein tiefes, beruhigendes Uhu-Wiegenlied an, das er noch auf der Post-Akademie gelernt hatte. Die Trüffel lauschten dem unerwartet sanften Gesang des kleinen Kerls, beruhigten sich und schlummerten wieder ein. Mit grimmiger Entschlossenheit landete er punktgenau auf dem rauchenden Schornstein des Alchemisten und drückte seine Stempel-Kralle auf die Lieferung. Zum Dank gab es von Professorin Kathleen ein Stück Mondschein-Käse als Trinkgeld.

Als Alba am Abend erschöpft in die Station zurückkehrte, schmerzten seine Schwingen. Doch während seine Federn mit magischem Glanzöl gepflegt wurden und er an einer Goldmaus knabberte, blickte er stolz in die Runde: Zweiundvierzig Briefe zugestellt, ein Paket gerettet und bewiesen, dass man kein Riese sein muss, um im Dunkelwald den Ton anzugeben. Ein ganz normaler Tag im Leben eines verdammt mutigen Steinkauzes.