Lunastria
Hexenakademie
14.06 – 12.07.2026
- Astrolabium Zodiac
Prompt Juni 2026
15.06.2026 um 15:40 Uhr
Die Kunst des Zauberkreisels
Nachdem Professorin Estrella unsere Aufgabe – gemeinsam mit einer Partnerin einen Zauberkreis zu erschaffen – für diese Stunde verkündet hatte, verwandelte sich der Klassenraum augenblicklich in einen summenden Bienenstock. Das laute Kratzen von Stühlen auf dem Steinboden hallte von den Wänden wider, während alle gleichzeitig durcheinanderliefen, um sich eine Partnerin zu suchen.
Ich blieb erst einmal wie angewurzelt stehen. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus und ich fühlte mich ein bisschen wie in eine Falle getappt – denn meine beste Freundin Lou war heute krank. Ausgerechnet heute! Hilflos ließ ich den Blick schweifen, schaute wahllos in die Menge, doch in dem hektischen Treiben beachtete mich niemand.
Schließlich fasste ich mir ein Herz und steuerte auf Marie zu. Sie war eine bodenständige und sanfte Äthermagierin, mit der ich mich vor einiger Zeit angefreundet hatte.
„Hey… hast du schon eine Partnerin gefunden?“, fragte ich zaghaft und nestelte nervös an meinem Ärmel.
Marie drehte sich um und schenkte mir ein mitfühlendes Lächeln. Sie nickte und deutete auf ein unscheinbares Mädchen an ihrer Seite, das mich schüchtern über den Rand ihrer runden Brille hinweg musterte. „Yep, ich mache diese Stunde mit Inès.“
„Oh, ach so! Klar, kein Ding“, erwiderte ich und nickte den beiden höflich zu.
Trotzdem breitete sich eine tiefe Enttäuschung in mir aus. Während ich langsam den Rückzug antrat, stellte ich fest, dass sich fast alle Paare bereits gefunden hatten. Nur noch eine Handvoll Mädchen stand allein im Raum – darunter ich.
Und, zu meinem Entsetzen, Juliette de Valois.
Bloß die nicht, dachte ich panisch. Juliette war die angebliche Prinzessin eines winzigen, aber unermesslich reichen Stadtstaates im Westen des Kontinents. Doch trotz ihres hohen Status und ihrer unbestreitbaren Schönheit hatte sie sich an unserer Schule einen ganz besonderen Ruf geschmiedet: Sie galt als eine höchst eingebildete, unnahbare Sauergurke, mit der freiwillig niemand abhing – nicht einmal für eine simple Gruppenarbeit.
„Wie es aussieht, bleibt uns beiden wohl keine andere Wahl“, riss mich eine kühle, melodische Stimme aus meinen Gedanken.
Ich drehte mich um und blickte direkt in Juliettes makelloses Gesicht. Sie stand vor mir, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah mich mit diesem typischen, herablassenden Blick an, als hätte sie soeben in eine Zitrone gebissen. Ich stöhnte innerlich auf, verzog genervt das Gesicht und machte nicht einmal den Versuch, meine Gereiztheit zu verbergen.
Bevor ich auch nur ein Wort erwidern konnte, glitt ihr verurteilender Blick über meinen Tisch. Dort herrschte das pure Chaos: getrocknete Blütenblätter, verstreute Pergamentfetzen und umgekippte Tintenfässchen. Juliette rümpfte die Nase, als hätte sie gerade an einer verfaulten Wurzel gerochen.
„Wir arbeiten an meinem Platz“, bestimmte sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
Sie drehte sich auf dem Absatz um, ohne auf meine Antwort zu warten. Ich schnaubte wütend, raffte meine Sachen zusammen und trottete widerwillig hinter ihr her. Quer durch den Raum, bis zum anderen Ende des Klassenzimmers, wo ihr Tisch stand – natürlich absolut perfekt geordnet, kein Staubkorn in Sicht. Auf dem Weg dorthin fing ich die mitleidigen Blicke von einigen Mitschülerinnen, darunter auch von Marie, ein. Warum muss es bloß mich treffen?, dachte ich verzweifelt und wünschte mir sehnlichst Lou und ihre rettende Gegenwart herbei.
Der Anfang unserer Zusammenarbeit war eine absolute Katastrophe. Wir sprachen kein Wort mehr als nötig. Das Problem war jedoch: Ein Zauberkreis erfordert vollkommene Harmonie, doch zwischen uns herrschte Zwiespalt und Hass. Da wir innerlich überhaupt keinen gemeinsamen Nenner fanden, stießen unsere magischen Frequenzen sich vehement ab. Meine Blütenmagie weigerte sich, mit ihrer Melodiemagie zu verschmelzen. Jedes Mal, wenn ich eine Knospe sprießen lassen wollte, zerschlug der kühle, schwingende Ton ihrer Magie meine Blüten in tausend Teile.
„Du machst das völlig falsch!“, zischte Juliette nach dem dritten missglückten Versuch. „Deine Energie ist genauso schwach wie deine Noten in Kräuterkunde! Kein Wunder, dass aus deinen Blumen nur Unkraut wird.“
„Ach, und deine arrogante Art soll helfen?“, feuerte ich wütend zurück, während meine Wangen brannten. „Du bist so gefühlskalt und unangenehm, dass deine Melodien klingen wie Fingernägel auf einer Tafel! Du denkst wohl, mit deinem Prinzessinnen-Titel darfst du tun was du willst und reden was du willst… allerdings hast du dich bei mir da gewaltig getäuscht!“
Sie schnappte hörbar nach Luft und baute sich drohend vor mir auf. Ihre Augen funkelten gefährlich. „Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?“
„Die Einzige, die überhaupt noch mit dir spricht“, gab ich mit eiskalter, schneidender Stimme zurück. „Schau dich doch mal um. Du hast tonnenweise Gold, aber nicht eine einzige echte Freundin. Du bist einfach nur eine einsame, unausstehliche Ziege, mit der niemand freiwillig in einem Raum sein will.“
Juliette erstarrte. Für einen winzigen Sekundenbruchteil sackte ihr stolzer Blick in sich zusammen, als hätte ich einen Volltreffer gelandet. Doch sofort schossen ihre Verteidigungsmauern wieder hoch.
„Wenigstens sehe ich dabei nicht aus, als hätte ich mich im Dunkeln angezogen!“, schoss sie giftig nach und warf einen vernichtenden Blick auf meine zerzausten Locken.
„Hört sofort auf mit diesem unreifen Theater!“, ertönte plötzlich eine scharfe Stimme. Professorin Estrella war zu uns herbeigeeilt, die Hände in die Hüften gestemmt. Um uns herum war es still geworden; viele Gruppen hatten ihren Kreis bereits erfolgreich geschlossen. Alle glotzten uns mit großen Augen an. „Ihr müsst euch augenblicklich konzentrieren und diese Aufgabe gemeinsam lösen! Wenn ihr diesen Zauberkreis jetzt nicht zustande bringt, werdet ihr beide heute Abend nachsitzen und die gesamte Nacht im Kerker verbringen – und zwar so lange, bis ihr den Zauberkreis fehlerfrei meistert, den ich von euch genauso wie von allen anderen Gruppen erwarte! Ist das klar?“
Das saß. Nachsitzen? Mit ihr? Auf gar keinen Fall.
Wir starrten uns hasserfüllt an, bissen die Zähne zusammen und nickten der Professorin gezwungen zu. Diese seufzte schwer. „Da eure beiden Magieformen extrem unbändig und kraftvoll sind, rate ich euch, den Klassenraum zu verlassen. Geht in den Schlossgarten. Findet einen Weg, eure Kräfte zu bündeln.“
Schweigend verließen wir das Schloss und suchten uns eine abgelegene, ruhige Ecke im Schlossgarten, umgeben von alten Steinmauern und schattigen Bäumen. Der Wind strich sanft durch das Gras. Wir stellten uns mit großem Abstand gegenüber auf. Ich atme tief ein, schluckte meinen Stolz hinunter und versuchte, mich trotz des inneren Grolls respektvoll zu verhalten. „Also gut… fängst du an?“, fragte ich gepresst.
Juliette nickte steif. Sie schloss die Augen, hob leicht die Hände und begann zu singen.
In dem Moment, als die ersten Töne ihre Lippen verließen, stockte mir der Atem. Sie sang nicht einfach nur – sie sang in einer uralten, vergessenen Sprache, ihre Stimme glitt wie Samt durch die Luft. Ihre Stimme war so unglaublich rein, voller Sehnsucht und einer versteckten Tiefe, dass sich mein Herz völlig gegen meinen Willen schmerzhaft zusammenzog und weich wurde. Ich schaute verlegen weg, um nicht zu zeigen, wie tief mich ihr Gesang berührte.
Ihre Melodiemagie breitete sich als pulsierende, goldene Schallwellen auf dem Boden aus. Jetzt war ich an der Reihe. Ich griff nach meiner Blütenmagie, doch dieses Mal fühlte es sich anders an. Überraschend natürlich und mühelos klinkte sich meine Energie in den Rhythmus ihres Gesangs ein. Wo ihre Schallwellen den Boden berührten, brachen plötzlich hunderte zart violette Blütenknospen aus der Erde hervor. Unsere Magie stieß sich nicht mehr ab – sie suchte nacheinander, verwob sich wie zwei Stimmen in einem perfekten Lied.
Es war Zeit für den wichtigsten Teil. Die Zauberkreiselsprüche fühlten sich auf unseren Lippen noch völlig fremd und ungewohnt an, da wir sie noch nie laut ausgesprochen hatten, doch wir ließen uns darauf ein.
„élodie, petite fée – danse avec le vent, temps de la rêverie!“, rief ich, und der Wind trug meine Blütenblätter in einem majestätischen Wirbel nach oben.
„Juliette, la princesse – temps d’élégance!“, stimmte sie zeitgleich ein.
Ihre Musik schloss sich wie ein goldener Käfig um den Blütenwirbel und formte einen gigantischen, perfekt pulsierenden Zauberkreisel, der in einem warmen, roségoldenen Licht erstrahlte. Die magische Schwingung war so kraftvoll, dass sie das Gras um uns herum in Schwingung versetzte.
Als der Kreis sich schloss und die Energie harmonisch zur Ruhe kam, ließen wir erschöpft die Arme sinken. Der Zauberkreis war ein voller Erfolg. Ein tiefes Gefühl der Erleichterung breitete sich in meiner Brust aus. Ich sah zu Juliette auf. Sie wendete zwar sofort den Blick ab, als sie meinen auf ihr spürte, doch ich hatte es genau gesehen: In ihren Augen lag derselbe Ausdruck von Erleichterung und eine überraschend vulnerable Dankbarkeit, die sie niemals laut zugegeben hätte.
Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, liefen wir schweigend nebeneinander zurück in die Schule.













