Lunastria
Hexenakademie
14.06 – 12.07.2026
- Astrolabium Zodiac
Prompt Juni 2026
15.06.2026 um 15:40 Uhr
Eine stille Walpurgisnacht
Manchmal vergesse ich, wie laut das Land ist.
Besonders in dieser Nacht. Ich saß auf einem glatten, vom Salzwasser geschliffenen Felsen, die Füße im kalten Schaum der Brandung. Weiter oben auf den Klippen konnte man das Knistern des großen Maifeuers hören. Es roch nach trockenem Fichtenholz und verbrannten Kräutern. Die Landhexen feierten wild, ihre Schatten tanzten wie betrunkene Riesen gegen den Nachthimmel.
Das Spektakel mag lustig klingen, aber Trubel ist wirklich nichts für mich. Ich wurde vor Jahren mal von Bekannten zur Walpurgisnacht geschleppt und habe mich nur unwohl gefühlt. Große Menschenmengen sind wirklich nicht mein Ding.
Daher habe ich für heute Nacht beschlossen, hier an der dunklen, ruhigen Brandung zu sitzen. Ich wollte einfach nur den Gezeitenwechsel beobachten und zu spüren, wie die Welt um mich herum ruhig wird.
Meine ersehnte Stille hielt nicht lange. Ein Knirschen im Kies hinter mir riss mich aus den Gedanken. Jemand kam die Klippen heruntergestolpert. Als ich aufsah, stand eine junge Frau vor mir. Es war eine der Hexen von oben. Sie seufzte tief und sah enttäuscht und müde zugleich aus. „Die reinste Hölle da oben“, murmelte sie, setzte sich wortlos im Schneidersitz neben mich und atmete erst mal tief durch.
Ich nickte nur kurz und wandte den Blick wieder dem Meer zu. Innerlich seufzte ich. Warum ausgerechnet mein Felsen? Mein perfekter Zufluchtsort und die Chance auf Alleinsein war für heute Nacht ruiniert. Nach gefühlten zehn Minuten des gemeinsamen Schweigens, in denen ich krampfhaft versuchte, ihre Anwesenheit auszublenden, brach sie das Eis. „Hast du eine Zigarette?“, fragte sie leise. Ich schüttelte den Kopf. „Rauche nicht“, erwiderte ich einsilbig.
Sie seufzte, kickte einen Kieselstein ins Wasser und starrte wieder aufs Meer.
„Die da oben sind komplett irre“, redete sie einfach weiter, unbeeindruckt von meiner Kälte. „Irgendeine hat versucht, rückwärts über das Maifeuer zu springen. Ist voll in den Büschen gelandet. Samt Hexenhut.“
Mein Mundwinkel zuckte leicht. Sie nahm davon Notiz und musterte mich neugierig von der Seite.
„Ich bin übrigens Maya“, meinte sie nach kurzer Pause.
„Ich heiße Nerida“, erwiderte ich.
„Nerida“, wiederholte sie langsam, als würde sie den Namen austesten. „Klingt ein bisschen nach Meer.“
Ich zog die Schultern hoch und steckte die Hände tiefer in die Jackentaschen. „Kann sein. Ich bin ja auch eine Merfolk-Hexe.“
„Eine Merfolk-Hexe?“, echote sie, und man hörte das Staunen in ihrer Stimme. „Gibt es sowas hier wirklich? Ich dachte, hier treiben sich vor allem Menschen rum. Einige Faes und Alben sind mir auch begegnet…aber du bist die erste Merfolk-Hexe, die ich treffe.“
„Wir sind selten an Land. Hier fühlen wir uns auf lange Dauer nicht wohl“, erklärte ich. Dies schien ihr einzuleuchten.
„Und was bist du?“, fragte ich nach einer Weile.
„Eine Marulin“, grinste sie und schob demonstrativ ihre dichten, braunen Locken hinter die Ohren.
Überrascht sah ich zu ihr rüber. Ich kniff die Augen zusammen und entdeckte unter ihren braunen Locken ihre Ohren. Sie waren unheimlich klein und fein.
Kein Wunder, dass der Lärm auf den Klippen sie vertrieben hatte. Marulins waren für ihre feinen Sinne bekannt. Gegen das Gröhlen der anderen oben am Feuer hatte sie keine Chance gehabt.
„Das muss ein Albtraum da oben für dich gewesen sein“, sagte ich mitfühlend. Maya atmete tief aus. „Es war unerträglich. Meine Ohren tun jetzt noch weh.“ Sie zupfte an einem Grashalm, der einsam am Felsen wuchs.
„Ich vermisse mein Zuhause. Da, wo ich wohne, schläft man auf weichem, grünem Moos und die Bäche plätschern ganz leise, wie ein Schlaflied.“ Ich sah hinaus aufs dunkle Meer.
„Mein Zuhause ist ganz anders. Wir schlafen in großen, glänzenden Muscheln. Und die kleinen Regenbogenfische singen uns in den Schlaf, indem sie bunte Luftblasen pusten.“
Maya staunte und ihre Augen wurden ganz groß. „Luftblasen-Musik? Das klingt wunderschön.“
„Pusten sie denn große oder kleine Blasen?“, fragte sie neugierig.
„Kleine Blasen für die Schlaflieder“, erklärte ich ihr. „Und ganz große, wenn sie fröhlich sind.“
Maya seufzte leise und guckte ganz verträumt. „Bei uns im Wald singen die Moos-Wichtel zwar nicht, aber sie basteln kleine Laternen aus getrockneten Blütenblättern. Wenn es dunkel wird, hängen sie die in die Äste, damit sich die tollpatschigen Meisen sich im Wald nicht verlaufen.“
Ich zog meine Füße aus dem kalten Schaum der Brandung und schlang die Arme um meine Knie. Die Vorstellung davon war wirklich schön. Der Felsen fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so einsam an – und das war erstaunlicherweise überhaupt nicht schlimm.
Es wurde eine erstaunlich leise Walpurgisnacht. Bis tief in die Nacht hinein redeten wir über uns und über Dinge, die ich eigentlich nie mit einer völlig fremden Person teilen würde.
Und so saßen die kleine Marulin und die Merfolk-Hexe noch lange zusammen auf dem glatten Felsen, lauschten dem friedlichen Schnarchen der Wellen und genossen eine Walpurgisnacht, in der selbst die Textur der Luft fantastisch war …













