Echo setzte sich langsam, die Kristallkugel vor sich, beide Hände locker an ihren Seiten. Der Raum um sie herum begann zu verblassen. Das Murmeln der Mitschülerinnen, das leise Scharren von Stühlen, selbst Professorin Celestines Präsenz rückten in den Hintergrund. Mit jedem ruhigen Atemzug zog sie ihre Gedanken weiter nach innen, ließ Zweifel, Erwartung und Unsicherheit los, bis nur noch Stille blieb, so wie es Professorin Celestine beschrieben hatte. Echo fing an, zu beschreiben, was sie sah.
Dann war da zuerst ein Gefühl. Kühl und vertraut. Der Duft von feuchtem Moos und alten Bäumen. Ein dichter Wald. Vertraut. Die Bilder in der Kristallkugel wurden klarer. Hohe, schlanke Stämme, gefiltertes Licht, das in sanften Strahlen durch das Blätterdach fiel. Echo spürte, wie ihr Herz ruhiger schlug, als sie die Lichtung erkannte. Sie kannte diesen Ort. Den Alben-Schrein im Wald. Den Ort, an dem sie als Kind so oft mit ihrer Mutter Lúmeriel gewesen war.
Dort hatte ihre Mutter ihr die alten Albenrituale gezeigt, die Lieder, die Bedeutung von Natur und Licht. Auch wenn Echo nie Teil der Albengemeinschaft gewesen war, hatte Lùmeriel ihr stets vermittelt, dass diese Traditionen zu ihr gehören und ein Teil ihrer selbst sind und immer sein werden.
Doch diesmal blieb das Bild nicht stehen. Echo konzentrierte sich weiter und vergaß, weiter zu beschreiben, was sie sah. Ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit überkam sie. Und plötzlich sah sie mehr. Die Lichtung war nicht leer. Sie selbst stand dort. Älter. Ihre Haare länger und schimmernd im warmen Licht. Neben ihr ihre Mutter. Beide trugen die alten Albengewänder. Echo in Albengold, ihre Mutter in Albensilber. Das Licht um sie herum schien heller zu werden, fast lebendig. Sie fielen sich in die Arme, und Echo spürte eine Welle aus Wärme, Zugehörigkeit und Freude. Das Letzte, was sich in dem Bild formte, waren … Runen. Mit ihrer besonderen Begabung für Runen konnte Echo die alten albischen Runen schnell entziffern: „I aurë i tuluva – der Tag, der kommen wird.“
In der Klasse war es still geworden. Die Mitschülerinnen starrten sie nun gebannt an. Echo stockte. Sollte sie das wirklich teilen? Es war ein sehr persönliches und tiefes Gefühl, was dieses Bild in der Kristallkugel in ihr ausgelöst hatte.
Tränen liefen ihr über die Wange. Doch es waren keine Tränen der Trauer. Es war Freude. Erleichterung. Echo lachte leise, wischte sich über das Gesicht. In diesem Moment kam Dawn zu ihr geflogen und legte sanft eine kleine Hand an ihre Wange. Entweder hatte sie dasselbe gesehen, oder die Verbindung zwischen ihnen war so tief, dass Dawn fühlte, was Echo fühlte.
Professorin Celestine trat einen Schritt näher, ihre Stimme weich. „Du musst es auch nicht allen erzählen …“
„Doch“, unterbrach Echo sie, ruhig, aber bestimmt. „Ich möchte es teilen. Auch wenn es sehr persönlich ist.“ Sie hob den Blick, sah in die Gesichter ihrer Mitschülerinnen. „Ich habe mich gesehen auf der Lichtung. Mit meiner Mutter. Wir trugen die alten Albengewänder. Ich in Gold, sie in Silber. Wir haben uns umarmt.“ Echo atmete tief ein. „Es ist der Tag, an dem ich meine Großmutter und die anderen Alben kennenlerne. Der Tag, an dem ich in ihre Gemeinschaft aufgenommen werde.“ Sie wischte sich die letzte Träne weg. „Das habe ich gesehen. Und jetzt weiß ich, dass dieser Tag kommen wird.“
Für einen Moment herrschte absolute Stille. Dann begann jemand zu klatschen. Weitere folgten. Hazel und Rikku traten zu Echo und legten ihre Arme um sie. Die drei hielten sich fest, ohne Worte. Professorin Celestine nickte Echo wohlwollend zu. Es war mehr als nur eine gelungene Wahrsagung gewesen. Es fühlte sich an wie ein kleiner Durchbruch. Ein Schritt näher zu Echos Albenabstammung.















