LUNASTRIA HEXENAKADEMIE

  • Das neue Jahr
    14 Januar, 2026||
3 Januar, 2026| LegY| , |

Wenn der Winter die Türme der Hexenschule mit Reif umarmt, beginnt mein Herz zu klingen wie die tiefste Saite meines Chellos. Das Julfest ist mehr als ein Konzert – es ist der Atem der Akademie selbst. Kerzen schweben im großen Saal, Lichterketten glühen wie eingefangene Sterne, und die alten Mauern lauschen, als wären sie lebendig. Der große Saal war kaum wiederzuerkennen: Amber und viele andere Schülerinnen hatten ihn geschmückt – Tannenzweige an den Säulen, magische Glitzer Schneeflocken, Bänder aus Licht, die sich wie leise Gedanken durch die Luft zogen. Nichts wirkte zufällig. Es war, als hätte die Schule selbst ihre Hände im Spiel gehabt.

Ich nahm mein Chello auf den Schoß. Das Holz vibrierte schon, bevor ich den Bogen ansetzte. Neben mir stand Echo mit ihrer Querflöte, ruhig wie ein klarer Wintermorgen. Miyu hielt die Leier, Rhiann die Harfe – wir waren bereit, aber nicht allein. Bei einem Julfest ist man das nie.

Als die ersten Töne erklangen, geschah etwas, das man nicht benennen sollte. Nicht plötzlich, nicht deutlich. Die Luft veränderte sich. Zwischen den Lichtern, dort wo man nicht genau hinsieht, war Emily.

Oder besser: etwas, das so genannt wird.

Sie hatte keine festen Konturen. Mal schien sie nah, mal weit entfernt, als würde sie eher zwischen den Klängen existieren als im Raum. Ich versuchte nicht, sie anzusehen. Manche Dinge werden undeutlicher, wenn man sie fixiert. Man sagt, Emily sei der Geist der Hexenakademie – doch das Wort Geist ist zu klein. Sie ist Erinnerung, Versprechen, vielleicht auch Prüfung. Mehr weiß niemand. Oder niemand sagt es.

Ich spielte tiefer, langsamer. Mein Chello sprach von Wintern vor unserer Zeit, von Stimmen, die noch immer in den Mauern wohnen. Echo ließ ihre Flöte wie Atem durch die Melodie gleiten. Miyus Leier funkelte, Rhianns Harfe spannte einen Klangbogen, der den ganzen Saal umschloss. Und irgendwo darin – nicht sichtbar, nicht greifbar – antwortete Emily.

Nicht mit Worten. Nicht mit Gesten.

Mit Stille zwischen den Tönen.

Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass nicht wir für die Schule spielten, sondern die Schule durch uns. Dass Amber und die anderen mit ihrem Schmuck nur sichtbar gemacht hatten, was immer schon da war: ein lebendiges Wesen aus Magie, Erinnerung und Zusammenhalt.

Als der letzte Ton verklang, war Emily fort. Oder nie wirklich da gewesen. Die Kerzen flackerten, als hätten sie etwas verstanden. Ich senkte den Bogen und wusste: Das Geheimnis war geblieben – genau so, wie es sein sollte.