Erschöpft lässt Iris sich auf ihren Stuhl im Klassenzimmer sinken. In letzter Zeit ist sie ständig müde – bestimmt, weil der Sommer dieses Jahr gar nicht hell und fröhlich ist. Normalerweise ist der Sommer Iris liebste Jahreszeit – die strahlende Sonne, die prachtvollen Blumen, lange Abende mit Freunden am See mit dem leichten Grillenzirpen im Hintergrund – doch dieses Jahr waren bisher hauptsächlich Regenwolken zu sehen. Mit einem gelangweilten Blick legte Iris ihren Kopf auf den Tisch. Immer nur drinnen zu sein ist einfach nichts für mich! Und jetzt kommen noch mehr Unterrichtsstunden voller Theorie auf mich zu!, denkt Iris bei sich.
Doch bevor Iris noch weiter vor sich hin grummeln kann, Professorin Cybil schwungvoll den Klassenraum und nickt ihnen kurz zu. „Guten Morgen, liebe Schüler*innen“, sagt sie und wendet sich einer schwebenden Kiste zu. „Heute habe ich etwas Besonderes vorbereitet“, erzählt sie ohne Umschweife und startet direkt mit dem Unterricht. „Diese Kugeln“, sagt sie und holt nach und nach mit ihrem Zauberstab interessant verzierte Kugeln aus der Kiste. „Diese Kugeln werden euch heute unterrichten.“ Bei den Worten horcht auch Iris auf, die schon einige böse Blicke von Elisa abbekommen hat. Sie war schon kurz davor gewesen, sich in eine ihrer Traumwelten zurückzuziehen und den Unterricht einfach an sich vorbeiziehen zu lassen, zumindest soweit Elisa das zugelassen hätte. Aber Kugeln, die sie unterrichten?
Mit einer winzigen Geste des Zauberstabs zischt eine der Kugeln blitzschnell durch den Klassenraum. Professorin Cybil sieht die Schüler*innen prüfend an. „Heute geht es um eure Reaktionsfähigkeit. Schnelligkeit – Reflexe – Intuition – wie immer ihr es nennen wollt, es kann den Unterschied in einer lebensgefährlichen Situation machen. Bei Verteidigungszaubern zählt jede Sekunde!“ Professorin Cybil winkt die Schüler*innen zu sich und sie stellen gemeinsam die Tische beiseite. Als sie sich alle in einen Kreis gestellt haben, schickt die Professorin die kleinen Kugeln los, die mit einem einfachen Blockzauber abgewehrt werden sollen. Zunächst sind die Kugeln langsam, werden dann aber immer und immer schneller! Iris merkt, wie ihre Konzentration nicht mehr genug zu sein scheint. Vor allem ihr langer Zauberspruch macht ihr mehr und mehr zu schaffen. Über das Gemurmel der Zaubersprüche klingt plötzlich die Stimme der Professorin. „Der Zauberspruch muss nicht immer vollständig gesagt werden“, erinnert Professorin Cybil. „Ihr müsst ihn im Kopf haben, ihr müsst der Magie ihre Bedeutung geben und sie fokussieren. Mit genügend Übung werdet ihr Zaubersprüche blitzschnell fokussieren können – der Blockzauber soll sich für euch wie das natürlichste der Welt anfühlen!“
Nach und nach werden die Schüler*innen schneller und besser. Immer mehr Kugeln werden rechtzeitig blockiert, immer mehr Schülerinnen schaffen es, ihren Zauber blitzschnell zu sprechen – oder auch in Gedanken zu fokussieren. Auch Iris übt und übt, bis ihr Arm schwer wird. Dann klatscht Professorin Cybil in die Hände und der Praxisunterricht ist beendet. „Sehr schön. Wir werden nun noch über ein wichtiges Thema sprechen. Zauberstäbe“, sagt sie, während die Schüler*innen ihre Tische wieder aufstellen und sich hinsetzen. „Wozu benötigen wir einen Zauberstab?“, fragte sie offen ins Klassenzimmer. Einige Hände schnellen nach oben, andere schauen sich verwirrt um. „Na, um zu zaubern, oder nicht?“, murmelt jemand in der zweiten Reihe. Professorin Cybil blickt scharf in die Richtung, nickt dann aber. „Natürlich, um zu zaubern. Aber … benötigen wir wirklich einen Zauberstab, um zu zaubern? Wir nutzen ihn für einen Fokus, für Zielgerichtetheit, als Unterstützung. Aber gerade erfahrene Hexen können auch ohne Zauberstab gefährlich exakte Magie wirken. Ihre Gedanken, ihre Hände, das alles kann reichen, um einen mächtigen Zauber zu entfesseln. Es ist so ähnlich, wie euer Zauberwort. Oder wie die Zaubersprüche. Sie benennen konkret, was wir wollen. Sie helfen uns, den Fokus zu wahren und die Wege der Magie zu bestimmen. Aber so, wie ihr eure Magie in euren Gedanken festlegen könnt, so könnt ihr sie mit euren Gedanken freisetzen. Wir sehen das oft bei sehr jungen Hexen, die ihre magischen Fähigkeiten noch nicht unter Kontrolle haben. Sie entfesseln Magie einzig und allein mit ihren Emotionen, ihren Gedanken“, erläutert die Professorin ernst.
„Ja, bitte?“ – „Heißt das, wir können irgendwann einfach so Magie wirken – ohne Zauberspruch, ohne Zauberstab?“, fragt eine der Schülerinnen neugierig und die Professorin nickt. „Einfach so würde ich es nicht nennen. Das Wirken von Magie ohne Zauberspruch und ohne Zauberstab ist eine Kunst für sich. Nur wenige Hexen meistern diese Fähigkeit jemals und meist nur für einzelne Fertigkeiten. Es sind meistens die meistgenutzten Sprüche und es erfordert viel Konzentration und einen scharfen Geist. Dennoch solltet ihr nie vergessen: um zu zaubern benötigt eine Hexe nicht zwangsläufig einen Zauberstab. Ihr müsst immer aufpassen, dass eine Hexe tatsächlich zauberunfähig ist, selbst wenn ihr ihr den Zauberstab entwendet habt“, erklärt Professorin Cybil. Aha, darauf will sie also hinaus, versteht Iris nun. „Worauf müsst ihr noch achten? Welche Wege der Magie kennt ihr noch?“, fragte sie. „Man könnte auch versteckte Runen haben, die aktiviert werden!“, schlägt Iris vor. „Ja, in der Tat. Die Runenmagie ist eine sehr starke Magie.
Als eine der ältesten Künste ist sie alt und präzise. Selten benötigen Runenhexen einen Zauberstab, das heißt aber nicht, dass sie keinen bei sich tragen. Hat noch jemand eine Idee?“ – „Es könnten auch verzauberte Gegenstände sein oder vielleicht ein Zauber, der in einer Kugel oder so gespeichert wurde?“, meint eine Schülerin und wieder nickt Professorin Cybil. „Ja, auch das kann vorkommen. Wichtig ist also auch, dass ihr Sinnesschärfungszauber oder Suchzauber kennt, mit denen ihr entsprechende Gegenstände aufspüren könnt. Seid immer aufmerksam. Nur weil einer Hexe der Zauberstab fehlt, ist sie nicht hilflos. Auch wenn Hexen heutzutage darauf in gewisser Form angewiesen sind, gibt es immer wieder Sonderfälle. Bleibt wachsam. Achtet auf eure Sicherheit. Solange die Gefahr nicht gebannt ist, fühlt euch nicht zu sicher!“
Iris bekommt ein mulmiges Gefühl. Natürlich wusste sie, dass ein Zauberstab nicht zwangsläufig benötigt wird. Aber nun, da Professorin Cybil ihnen mit aller Ernsthaftigkeit vor Augen führt, wie gefährlich eine Auseinandersetzung zwischen zwei Hexen werden kann, hat Iris doch irgendwie ein wenig Angst. Zum Glück befinden sie sich noch in der Ausbildung! Und ihre Träumereien, eine heldenhafte Hexe zu werden, werden wohl eine Zeit lang durch genügsame Träume eines friedlichen Lebens abgelöst werden. Vielleicht ein Leben mit Sonne… mit warmen Sonnenstrahlen, die die Haut kitzeln und Blütenduft, der sich sanft durch die Luft tragen lässt…