Der Raum war stickig und schummrig. Nur wenig Tageslicht dran von draußen herein, da die Fenster mit schweren Vorhängen verdunkelt worden waren. Ich setzte mich an einen der Tische. Vor mir stand meine Kristallkugel. Im Gegensatz zu manch anderer Hexenschülerin war meine Kugel nicht wirklich hübsch: Ein bläuliches Glas, in deren Inneren ein kleines rötliches Schimmern zu entdecken war. Ich stellte mir immer vor, es wäre das Herz der Kugel. Sein inneres Wesen, das diesem scheinbar alltäglichen Gegenstand seine besondere Macht verlieh.

Heute sollten wir das Wahrsagen mit Hilfe der Kristallkugel üben. Eigentlich war es mir etwas unangenehm, in meine eigene Zukunft schauen zu wollen. Ich hatte leider schon das ein oder andere Mal erlebt, dass man damit auch gehörig auf die Nase fallen konnte. Deshalb beugte ich mich nur widerwillig über das Glas. Majowelia schritt durch den Raum und sprach mit gedämpfter, aber eindringlicher Stimme: „Leert euren Geist. Öffnet euer inneres Auge… lasst die Magie fließen und SEHT.“ Ich hätte nicht nur meine äußeren Augen sondern gerne auch das innere verdreht, wenn ich es gekonnt hätte. Aber nun gut. Ich atmete tief durch und ließ meine Gedanken wandern, bis ich selber ganz dösig wurde. Das rötliche Schimmern in der Kugel bewegte sich hypnotisch hin und her und ließ kleine Farbwirbel entstehen, die sich langsam zu einem Bild verdichteten.

Zuerst war es noch recht unscharf als wäre es sehr weit weg. Ich blinzelte ein paar Mal, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich etwas reales in der Kristallkugel sah oder es nur eine Reflexion war. Doch allmählich wurde das Bild schärfer. Ich erkannte einen Raum, dessen Wände aus Bücherregalen und Vitrinen bestand, in denen viele verschiedene antike Dinge ruhten. Wie bei einem Wimmelbild entdeckte man immer mehr je länger man hinsah. Kleine Pulte standen im Raum und überall lag Pergament und Schreibfeder herum. Es wirkte wie ein wunderbarer Ort, an dem man alle seine Gedanken fließen und mit Feder und Papier auffangen lassen konnte. Diesen Raum versprühte eine angenehme Atmosphäre und eine tiefe, innere Ruhe breitete sich in mir aus.

‚Wo hatte ich diesen Raum schon mal gesehen?‘, überlegte ich schließlich. Er kam mir merkwürdig bekannt vor. Sicherlich hatte ich ihn schon einmal gesehen. Während ich weiter das Bild in der Kugel betrachtete, merkte ich, das ich selber wohl an einem der Pulte saß. Ich sah nicht mich selber, sondern nur das, was ich sehen würde, würde ich dort sitzen. Die Hand von meinem Kristallkugel-Ich griff zu einer Feder, tauchte diese in ein Tintenfass und schrieb „Literaturclub“ in großen schnörkeligen Buchstaben auf das Pergament. Ich kniff die Augen zusammen.

D-I-N-G D-O-N-G D-I-N-G D-O-N-G
Jäh wurde ich aus den Gedanken gerissen. Die Schulglocke hatte geläutet und meine Konzentration gestört. Majowelia gestattete uns, zusammenzupacken und entließ uns. Noch ziemlich dösig und ein bisschen verwirrt nahm ich meine Sachen und ging mit den anderen ebenfalls hinaus. Das war gerade ziemlich merkwürdig gewesen.

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