In einem leicht rosanen Nebel offenbart meine Kugel mir, wie der morgige Tag einer kleinen Sumpfohreule so aussehen wird. Die recht helle, kompakte kleine Eule zeichnet sich als erstes in meiner Kugel ab und ein warmes kribbeln erfüllt mich bei ihrem Anblick. Das ist das Zeichen, dass ich weiß, ich sehe es jetzt aus der Perspektive dieser kleinen Gestalt.

Ich setze mich bequem vor meine Kugel, konzentriere mich auf die wilden Rauchschwaden und versuche mir alle auf mich eindringenden Bilder gut zu merken und anschließend auf einem Blatt zu notieren.

Die kleine Eule lebt wohl schon seit langer Zeit bei der Hexenpost. Aufgrund ihres Naturells ist sie zu Beginn der Dämmerung aktiv. Sie sitzt in einem kleinen Nest, das sie in einem künstlichen Geäst, welches die Hexen in einer Turmspitze angelegt haben; mehrere – womöglich sogar alle – Eulen der Hexenpost nisten hier und haben somit keinen langen Weg um zu ihrer Arbeit zu kommen.

Sie hüpft, aus dem Nest, auf den Ast und beginnt sich ausgiebig zu putzen. Dabei schaut sie sich aufmerksam immer wieder um. Die Umgebungsgeräusche werden immer lauter, denn auch andere Eulen erwachen und machen sich bereit für den heutigen Tag. Andere Eulen, nämlich die, die mehr nachtaktiv sind, flattern angestrengt in ihre Nester zurück, blicken finster umher als würden sie ihre Umgebung dazu ermahnen wollen leiser zu sein. Doch es bleibt insgesamt friedlich zwischen den Tieren.

Zuerst reinigt sie ihre Flügel, dann ihr Bauchgefieder, und irgendwie ganz komische verbogen schafft sie es auch sich am Rücken zu putzen. Dies ist ein recht langwieriger Prozess und es ist schon fast ein bisschen langweilig sie dabei zu beobachten.

Zufrieden schaut sie sich schließlich um, plustert sich auf und blinzelt nach unten. Da ich Höhenangst habe macht mir der Anblick in den Abgrund schon ein bisschen Angst. Das sind bestimmt fünfunddreißig Meter bis zum Boden – so viel Platz trennt die Eule von dem geschehen am Boden. Es ist allerdings beeindruckend wie gut das Tier sehen kann. Trotz des Abstandes, kann ich die acht Hexen am Boden umherflitzen sehen. Verschlafen und mit müden Schritten schieben sie sich von A nach B. Die eine bringt einen riesigen Haufen neuer Briefe in die Mitte des Raumes, während die andere den riesigen Haufen in sechs verschiedene kleinere Häufchen einsortiert. Die nächsten drei Stempeln jeweils von einem Haufen die Briefe noch einmal extra ab. Eine scheint einfach nur immer wieder den Raum zu verlassen und nach einigen Augenblicken komplett verwirrt wieder zurückzukommen. Und die letzten beiden … die bereiten kleine Säckchen vor. Und diese Säckchen scheinen der Eule besonders zu gefallen. Ich spüre richtig, wie sie mit einem Mal ihre Schwingen spreizt und ab in den Abgrund schießt. Geschickt schnappt sie sich eines der Beutelchen aus der Hand einer der Hexen und fliegt wieder zurück zu ihrem Nest.

Der Inhalt des Beutels scheint ein seltsamer Fleischmus zu sein. Wahrscheinlich eine Art Frühstückspaket für die Eulen. Ich schmecke eine leicht breiige Konsistenz auf meiner Zunge, doch im Gegenteil zu mir, scheint es der Eule sehr zu schmecken. Nachdem ihr Frühstück verspeist wurde schüttelt sie sich kräftig, und stößt erneut in den Abgrund vor. Bevor sie sich dieses Mal was schnappt kreist sie ausgiebig über die Köpfe der Hexen und es gesellen sich auch noch zwei weitere dazu. Es fühlt sich vertraut an. Ob das so … „die Clique“ … also … die Freunde der Eule sind? Es fühlt sich auf jeden Fall angenehm an, als wäre das ein alltägliches, ja, Begrüßungsritual unter Kollegen; und schließlich setzt sich die Eule neben den einen Stapel mit den abgestempelten Briefen. Die Hexe wendet sich der Eule zu und sagt etwas. Auch wenn ich die Worte höre, ihr Inhalt kommt in dem Moment überhaupt nicht bei mir an. Als würde jemand in einer fremden Sprache mit mir reden. Obwohl ich doch genau weiß, was es für Worte sind, die verwendet werden. Verrückt.
Doch dann höre ich tatsächlich ein Wort heraus, das ich verstehe: „Typ“ „Zwischen“ „Falkenpass“ und „Helvik“. Das ist eine recht große Strecke, doch der Eule scheint das genug Info zu sein. Sie schnappt nach dem obersten Brief. „Wichtig!“, sagt die Hexe mit erhobenem Finger noch einmal nachdrücklich und mir fällt auf, dass dieses Wort häufiger gefallen sein muss, doch die Eule scheint ihn erst jetzt auch als solches anzunehmen. Schließlich schwingt sie sich wieder in die Lüfte und aus einem der großen, offenen Fenster, fliegt sie hinaus.

Ich sehe noch die Weite der Landschaft und wie behäbig sich die kleine stämmige Eule gegen den pfeifenden Wind wehrt – doch dann verblasst das Bild zunehmend.

Schließlich gebe ich es auf. Der Nebel wird immer dichter und es tut mir in den Augen nur noch weh weiter auf die Kugel zu starren.

Für die Aufzeichnung was an einem Morgen bei einer Eule so passiert, muss das wohl reichen.

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