Mittsommerfest mit Flaimi

Gleißend hell fielen die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster und kitzelten Yokos Nase. Schlaftrunken drehte sie sich auf die andere Seite. Was gibt es Schöneres als noch einmal in einen Traum zurück zu sinken, aus dem man viel zu früh aufgewacht ist?

Tara, Yokos kleine Elfe, wusste da schon was. Aufgeregt hopste sie auf dem Kopfkissen herum, um Yoko endlich wachzubekommen. „Was ist den los…?“, nuschelte Yoko verschlafen. Tara piepste ununterbrochen, zeigte zum Fenster, hopste wieder auf und ab.

Langsam kehrten die Lebensgeister zu Yoko zurück und die Erinnerung an den vergangenen Tag: Sie war mit Flaimi auf dem Mittsommerfest gewesen, das an der Akademie veranstaltet wurde. Überall hatten bunte Buden gestanden; man konnte an Spielen teilnehmen oder Leckereien naschen. Und dann waren sie zu einem Stand gekommen, an dem eine bitter dreinblickende, alte Hexe saß. Verschiedene längliche Holzkisten standen auf ihrem Tisch.

Verwirrt schauten Flaimi und Yoko sich an. Was die Alte wohl verkaufte?! Die runzlige Hexe hatte die fragenden Blicke der beiden Mädchen bemerkt. „Kommt nur näher, wenn ihr euch traut.“

So ganz geheuer war den beiden das nicht. Andererseits würde die Akademie doch keinen Stand zu lassen, der gefährlich war, oder?! Flaimi fasste sich zuerst ein Herz und trat heran. „Na, geht doch!“, gackerte die Alte. „Was verkaufen Sie?“, frage Flaimi ausgesprochen höflich.

„Ich verkaufe nichts! Dummes Gör. Oder sieht das für dich aus als würde das jemand kaufen?!“ Flaimi schürzte die Lippen. So eine unfreundliche Frau! „Und was kann man dann bei ihnen machen?!“ „Habt ihr beiden Gänse noch nichts von den magischen Tautropfen gehört?! Zur Sommersonnenwende glitzern sie überall an magischen Orten. Man muss sie ganz früh einsammeln, damit sie ihre Wirkung nicht verlieren. Wenn man genug zusammen hat, kann man sie als besondere Zutat für Naschkram verwenden.“

Flaimi hatte sich zu Yoko umgedreht, die nun auch nähergetreten war. „Und in diesen Kästen sind Flaschen, womit wir sie abfüllen können?“ „Du bist ja ‘ne ganz schlaue, was?!“, ging sie nun auch Yoko an. „Aber ja…“ Sie öffnete einen Kasten: Das dunkle Holz war mit weichem Stoff ausgelegt und hatte zehn Fächer. An den Seiten je ein großes und dazwischen in zwei Reihen aufgeteilt acht kleine. In jedem Fach lag eine Phiole mit jeweils einer anderen Form. Mal war eine bauchig, mal war eine lang und dünn, wieder eine andere sah aus wie ein Herz.

Fasziniert starrten die Mädchen auf die Fläschchen. Die Formen waren wunderschön. „Wenn ihr es schafft, alle Phiolen zu füllen, bevor die Sonne alle Tautropfen getrocknet hat, DANN habe ich eine Belohnung für euch.“ Die beiden Hexenschülerinnen waren sofort Feuer und Flamme. Egal was die Belohnung war, allein die Herausforderung würde den Spaß wert sein.

Yoko hatte es inzwischen geschafft, sich auf die Bettkante zu setzen. „Ja, Tara, ich weiß. Wir müssen uns beeilen. Ich hatte Flaimi versprochen, pünktlich zu sein.“ Die zwei wollten gleich nach Sonnenaufgang losziehen, – schließlich hatten sie am längsten Tag des Jahres nicht viel Zeit!

Yoko schulterte den Kasten. Sie hatte sich bereiterklärt, das Ding erstmal zu schleppen. Sie schnappte sich einen Apfel vom Küchentisch und los ging’s! Flaimi wartete schon am vereinbarten Treffpunkt, – dem Marktplatz von Helvik. Auch ihre kleine Elfe Flöflö war mit dabei. Die flog freudig auf Tara zu und begrüßte sie herzlich. „So, da wären wir also. Und wo fangen wir jetzt an?“

Flaimi blickte hoch zur Kirchturmuhr, die gerade fünf Uhr schlug. „Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir uns erstmal die Flaschen anschauen. Eventuell geben sie uns einen Hinweis.“ Gesagt, getan. Yoko stellte den Kasten auf den Boden, öffnete ihn vorsichtig und nahm eine beliebige Phiole heraus. Sie war rechteckig und hatte einen so kurzen Flaschenhals, dass er quasi nicht vorhanden war. Auf der einen Seite waren feine Linien zu erkennen, die ins Glas graviert wurden waren. Sie verliefen jeweils von den Ecken aus zur Mitte, wo sie einen Bogen machten und ineinander übergingen.

Yoko kippte die Flasche zur Seite. „Witzig. Man könnte fast meinen, es sieht aus wie ein Brief.“ Nickend schaute Flaimi ihr über die Schulter. „Ein Brief wie von der Hexenpost.“, überlegte sie laut. „Die HEXENPOST!“, riefen beide wie aus einem Mund.

Geschwind liefen sie über den Platz und in die kleine Gasse hinein, wo sich die Hexenpost befand. Das Gebäude ragte hoch vor ihnen auf. Die Fenster waren noch dunkel und alles war still. Natürlich war es noch viel zu früh und die Post noch gar nicht offen. „Aber wir werden die Tropfen doch sicherlich auch nicht drinnen finden…?“ Flaimi schüttelte den Kopf. „Vermutlich nicht. Es wird wohl eher hier draußen irgendwo sein.“

Auch die beiden Elfen flogen aufgeregt umher und schließlich sogar hoch bis zum Dach. Suchend blickten sie sich um. Tara wirkte etwas frustriert, weil es so schwierig war. Missmutig ließ sie sich auf der Regenrinne nieder und wandelte diese entlang. FLUPP!

Schneller als sie gucken konnte, war sie ausgerutscht und hatte sich den Kopf gestoßen. Verwünschungen murmelnd rappelte sie sich auf. Flöflö war näher gekommen, um zu schauen, ob es ihrer Freundin gut ging. Dabei entdeckte sie, worauf Tara da eigentlich ausgerutscht war: Tautropfen! Der Niederschlag hatte sich hier abgesetzt und gesammelt. Beide Elfen flogen zu ihren Hexen herunter, um ihnen die tolle Nachricht zu berichten.

„Ich habe allerdings wenig Lust, dort jetzt hochzuklettern.“ Yoko schaute zweifelnd nach oben, während sie ihrer Elfe vorsichtig über den Rücken streichelte, um sie zu trösten. „Dann sollten wir vielleicht Magie anwenden.“, meinte Flaimi augenzwinkend. Yoko holte ihren Zauberstab heraus und stellte die kleine, rechteckige Flasche vor sich hin: „Tari Tore Tamelu – kommt herunter Tautropfen und sammelt euch in der Phiole!“

Der Zauber wirkte. Die Tröpfchen flogen erst in die Höhe und dann nach und nach ganz langsam nach unten, wo sie zielsicher in der Flasche landeten. „Das war ja mal wirklich eine Punktlandung!“, staunte Flaimi. „Har har! Gekonnt ist gekonnt!“, lachte Yoko und freute sich über das Kompliment. Vorsichtig verkorkte sie das Fläschchen und stellte es zurück in den Kasten. „Welche jetzt am besten?“ „Was ist mit der hier?“, Flaimi zeigte auf eine lange, dünne Flasche. „Woran erinnert die dich?“

Yoko zog eine Augenbraue nach oben. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Was ist lang und dünn?“ Sie ließ ihren Blick schweifen, in der Hoffnung, in ihrer Umgebung eine Inspiration zu finden. Aber viel zu sehen gab es nicht. „Ein Besenstiel…“, lachte Flaimi und dachte wohl gerade an ihre erste Flugstunde. „Das stimmt. Oder ein Zauberstab…“ Yoko hatte auf ihre Hände geblickt und das kleine Stückchen Holz betrachtet.

„Du weißt, wo man Besen und Zauberstäbe bekommt.“ „Ja, in Majojunas Werkstatt. Meinst du, dort werden wir als nächstes fündig?“ Flaimi nickte. Sie war sich ganz sicher. So gingen die beiden Mädchen die Straßen entlang. Bis zu der Werkstatt war es ein Stück und sie wollten sich beeilen. Schließlich hatten sie noch jede Menge Arbeit vor sich. Vor dem Geschäft angekommen musterten sie aufmerksam ihre Umgebung. „Glaubst du, die Tropfen sind wieder in der Regenrinne?“, überlegte Yoko. „Es wäre unwahrscheinlich, wenn das zwei Mal klappen würde, oder?“ „Wir können zaubern. Was ist also schon unmöglich?“

„Wenn es das letzte Mal oben auf dem Dach war, ist es jetzt vielleicht unten am Boden?“ Doch diese Überlegung schied als Möglichkeit schnell aus. Vor dem Laden waren nur Steinplatten, – so dicht an dicht nebeneinander gelegt, dass nicht einmal Unkraut durchwachsen konnte. Eine leichte Brise kam auf und Yoko schüttelte sich. Es war so früh am Morgen doch noch ganz schön frisch. Auch das Ladenschild von Majojunas Werkstatt versetzte sich in Bewegung und schwang quietschend hin und her. „Siehst du, was dort in der Sonne glitzert?!“ Flaimi deutete aufgeregt auf das in Metall gefasst Stück Holz. Dort waren sie wieder! Die Tautropfen!

Dieses Mal war sie es, die ihren Zauberstab schwang und rief: „Fliri Flari Floriflu – sammelt euch Tautropfen und fallt in diese Phiole!“ Wieder wirkte der Zauber und die einzelnen Tropfen liefen zusammen, wurden immer größer und fielen schließlich von dem Schild herunter. Flaimi fing sie geschickt mit der Flasche auf. „Und dieses war der zweite Streich!“, rief sie ausgelassen und stellte die Flasche zurück in den Kasten.

„Nicht schlecht. Aber wenn wir in dem Tempo weiter machen, werden wir es nie schaffen.“ „Was schlägst du vor?“ Yoko hatte sich vor den Holzkasten hingekniet und nachdenklich die eine oder andere Phiole herausgezogen. „Ich denke, wir sollten uns trennen. Umso gleichzeitig mehr zu schaffen.“ Sie hielt ein besonders kleines Fläschchen in der Hand, welche kaum größer war als ihr Daumen. „Die hier ist ja winzig, – und irgendwie sieht sie aus wie ein Tropfen. Ha ha, Tautropfen beim Tautropfen in Tropfenflasche.“, quasselte sie unwirsch vor sich hin.

Flöflö und Tara blickten sich an. Für sie klang das absolut logisch! Tara nahm Yoko die Phiole aus der Hand und hielt sie fest umklammert. Mit dem zusätzlichen Gewicht hatte sie ganz schön zu kämpfen und das Fliegen fiel ihr zusehends schwerer. Flöflö erklärte unterdessen, dass sie beide sich um diesen ganz besonderen Tautropfen kümmern würden. Und schwupp die wupp waren die beiden kleinen Elfen verschwinden.

„Dann kümmern wir uns unterdessen um diese Flasche hier.“ Flaimi griff in den Kasten und holte eine herzförmige Phiole hervor. „Ich würde jetzt sagen „süß“, aber leider mag ich keine Herzen.“, nuschelte Yoko. „Brauchst du ja auch nicht. Ich finde sie ganz niedlich. Wohin aber könnte sie uns wohl führen?“ „Anscheinend an einen Ort, wo man ganz viel Herz braucht.“

„Oder jemand anderes…“, sponn Flaimi den Gedanken weiter. „So wie Liebe und Zuneigung?“ „Genau. Wo die Menschen von etwas Lieben verlassen wurden.“ „Oder ihre Elfen…“ Flaimi schaute Yoko an. Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf der Elfenstation waren jede Menge kleiner Wesen, die verlassen wurden und eigentlich ganz viel Liebe brauchten. „Komm. Dann gehen wir dort mal gucken.“

An der Pflegestation angekommen, blickten Flaimi und Yoko unsicher um sich. Ihnen taten die kleinen Elfen leid, die hier wohnten, bis sie ein neues Zuhause finden würden. Der Ort wirkte magischer als seine Umgebung. Ein zauberhaftes Glitzern lag in der Luft, wie man es am Eingang der Elfenlichtung wahrnehmen konnte. Die Tür öffnete sich und Majolina trat heraus. „Oooh! So früh schon Besucher. Das ist ja eine nette Überraschung. Kommt herein! Kommt herein!“

Entsetzt rissen beide Mädchen die Augen auf. Wie sollten sie sich nun elegant aus der Affäre ziehen? Majolina hatte Yoko bereits am Arm gepackt und sie in die Pflegestation hineingezerrt. Flaimi verschwand so schnell es ging aus ihrem Blickwinkel und hoffte, dass Yoko die gute für eine Weile ablenken konnte. Sie drehte die Flasche in ihren Händen, ließ ihren Blick wieder wandern, wurde aber nicht fündig. „Verflixt noch eins. Wozu ist man denn schließlich eine Hexe?!“ Sie schwang grazil ihren Zauberstab: „Fliri Flari Floriflu – Zeige mir, wo die Tautröpfen sind!“

Ein kleiner goldener Stern war aus ihrem Zauberstab gekommen und schwebte nun unstet in der Luft herum. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Schließlich näherte er sich der Rose, die an einer Kletterhilfe die Wand hinaufrankte. An ihren gerade geöffneten Blüten glitzerten die wertvollen Tautropfen. „He he, na bitte.“, grinste Flaimi. Sie entkorkte die Flasche und sammelte die Tröpfchen ein. „Das war mal machbar.“ Etwas besorgt späte sie in die Fenster der Pflegestation. Hoffentlich würde Yoko sich bald von Majolina losreißen können. Doch danach sah es noch lange nicht aus.

Unruhig lief Flaimi auf und ab. Gerade hatten sie Zeit gewonnen, jetzt würden sie ihren Vorsprung gleich wieder einbüßen. Sie musste handeln. Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen, – und in solchen sind Notlügen erlaubt! Sie riss die Tür auf und stürmte in die Pflegestation. „SCHNELL!! YOKO! UNSERE ELFEN SIND IN GEFAHR! WIR MÜSSEN IHNEN HELFEN!“ Yoko und Majolina waren zusammengezuckt und hatten entsetzt zu der schreienden Flaimi geblickt. „NA LOS!! WIR MÜSSEN LOS!“

Yoko wusste nicht so richtig, was sie davon halten sollte. Unwirsch und zerstreut griff sie nach ihren Sachen und rannte hinter ihrer Freundin her, die schon wieder aus der Tür hinausgefallen war. „Was ist mit Tara und Flöflö?! Ist alles gut?!“ „Was? Ja klar. Ich denke mal schon. Komm. Lass uns erstmal etwas Abstand bekommen.“ Immer noch verwirrt trotte Yoko hinter Flaimi her. Es dauerte einen Moment bevor sie begriff, dass es sich nur um ein Ablenkungsmanöver gehandelt hatte. Ein bisschen saß ihr der Schrecken ab schon noch in den Knochen.

Ihre Elfen hingegen hatten gerade die Zeit ihres Lebens. Vergnügt und ausgelassen tollten sie umher. Selbst die Phiole schien nun nicht mehr so schwer zu sein. Am Tautröpfen angekommen, drückten sich die beiden Elfen zunächst die Nasen an der Fensterscheibe platt. Was sahen sie da für ehrliche Leckereien: Cupcakes, Beerentee, Eis… Das Café hatte sogar schon geöffnet und bot den ersten Gästen ein breites Frühstück an. Tara und Flöflö konnten nicht widerstehen. Sie nahmen im Außenbereich des Cafés, um den sich herum ein Garten befand, platz und bestellten eine reichliche Auswahl an Köstlichkeiten.

Wie von Zauberhand schwebte alles herbei und der Tisch bog sich förmlich unter den ganzen Tellern. Sie schmausten ausführlich und hatten fast ihre Aufgabe vergessen. Erst als die Sonne schon über die Baumwipfel geklettert war und ihre Strahlen auf den Rasen und den Teich fielen, kehrte langsam ihr Bewusstsein zurück, – und auch das schlechte Gewissen! Wie hatten sie hier nur so ihre Zeit vertrödeln können.

Hastig sprangen sie auf. Wo sollten sie die verdammten Tropfen jetzt auf die Schnelle finden?! Am Ende hatten sie mehr Glück als Verstand. Die Strahlen der Sonne waren inzwischen so intensiv, dass die Tautropfen hell glitzerten und gar nicht übersehen werden konnten. Die beiden kicherten schelmisch. Na das hatte sie doch gut hinbekommen! Flöflö entkorkte die Phiole und Tara brachte Tropfen für Tropfen zu ihr. Sie musste das wertvolle Gut nur von der Wiese einsammeln, wo an jedem Halm und an jeder Blume ein Tautropfen hing.

Das Fläschchen gut verschlossen, flogen sie zurück zu ihren Hexen. Sie wollten schließlich nicht riskieren, dass die Phiole herunterfiel und kaputt ging. Flaimi und Yoko waren inzwischen weitergegangen. Nicht weit von der Elfen-Pflegestation entfernt befand sich der Kindergarten. Nur zu gerne hätte Yoko ihre kleine Yishin besucht. „Glaubst du, hier wird es auch etwas geben?“ „Vielleicht.“ Flaimi zuckte mit den Schultern. „Hol doch mal eine neue Flasche heraus.“

Ohne lange nachzudenken langte Yoko in den Kasten und griff sich unwillkürlich eine von den großen Flaschen. Eine von denen, die in dem erweiterten Seitenfach lagen. Sie hatte die Form einer Note. Fragend blickte Yoko zu Flaimi, die ihrerseits die Augenbrauen hochgezogen hatte: „Warum hast du gerade die genommen?! Die ist doch riesig.“

„Ich weiß nicht. Irgendwie war es Intuition.“ Yoko seufzte. „Irgendwie bedeutet das alles etwas Besonderes für mich, weißt du? Die Musik, Yishin, …“

Kaum hatte sie den Namen ausgesprochen, stand das kleine Hexenbaby auch schon vor ihr und fiel ihr jubelnd in die Arme. Was hatte sie ihre Pflegemutter vermisst! „Ich könnte mir vorstellen, dass alles zusammenhängt, meinst du nicht?“ Flaimi beobachtete wie Yoko Yishin umherwirbelte. „Vielleicht musst du dieses Mal deine Magiespezialisierung einsetzen?“ Was für eine Idee! Aber warum nicht?

Yoko holte ihre Geige hervor, stellte sich vor Yishin hin und begann zu spielen. Erst langsam und leise. Wie ein neuer Tag, an dem die Sonnenstrahlen nur vorsichtig durch’s Fenster blicken und allmählich alles erhellen. Dann wurde sie lauter und schneller. Alles erwachte und begann zu leben. Von der Geige selber schienen sich Noten zu lösen und schwebten durch die Luft. Yishin hatte ihre Ärmchen in die Luft gehoben und versuchte wie ein Dirigent die einzelnen Töne hin und her zu wirbeln. So ging dieser Reigen eine ganze Weile und alle Zuhörer schienen sich wie in Trance zu mit zubewegen. Die Noten verbanden sich, verschmolzen und veränderten ihre Form. Man musste ganz genau hinschauen und entdeckte plötzlich, dass sie sich zu Tropfen gewandelt hatten, – Tautropfen um genau zu sein.

Flaimi blinzelte ein paar Mal, um wieder zu Bewusstsein zu kommen, holte die Flasche hervor und lief herum, um die schwebenden Tropfen einzusammeln. In dem Moment als sie den Korken festzudrückte, verebbte auch die Melodie und das Lied war zu ende. Yishin wirkte ein bisschen traurig, weil es vorbei war. Aber nachdem Yoko sie noch einmal fest gedrückt hatte, fand sie schnell zu ihrem Lachen zurück. „Ich komm dich in ein paar Tagen wieder besuchen. Versprochen! Heute muss ich nur erstmal diese Aufgabe erledigen.“

Yishin nickte, auch wenn sie noch nicht richtig verstand, was das alles bedeutete. Sie kehrte zu den anderen Hexenbabys zurück.

„Wo geht es jetzt hin?“ Sie griffen wahllos nach eine der noch leeren Phiolen und begutachteten diese genauer. Das Glas wies eine sehr bauchige Form auf, wobei kleine Füßchen das Fläschchen dennoch stabil stehen ließen. Am oberen Rand waren außerdem kleine Henkel eingearbeitet. Auch wenn sich das Gewicht des Gefäßes kaum von dem der anderen leeren Phiolen Unterschied, rein vom Erscheinungsbild schrie diese Phiole „Ich bin schwer“ und genauso begutachteten die beiden Hexenschülerinnen das Werk zunächst bedächtig.

Yoko verschränkte dann die Arme, schloss die Augen und lächelte leicht. Flaimi bemerkte die Regung ihrer Freundin und beäugte sie dementsprechend neugierig. “Du hast doch eine Idee, oder?” So war es. Siegessicher öffnete Yoko wieder die Augen. „Das ist eindeutig ein Hexenkessel!“ Sie stellte das Fläschchen aufrecht auf und mit einem Mal fiel es der anderen auch auf, welche Ähnlichkeit die Form mit einem großen schwarzen Kessel hatte, wie sie ihn beispielsweise aus dem Zaubertrankunterricht kannten. “Du hast recht. Wo kam diese Erkenntnis denn so schnell her? Ich war jetzt noch bei irgendeinem Lebewesen oder einer Sitzmöglichkeit oder …“, Flaimi gestikulierte wild, wollte nur betonen, wie fasziniert sie von der raschen Auffassungsgabe Yokos war. Diese setzte sich allerdings bereits in Bewegung, schlug den Weg Richtung Stadtrand ein. Zügig folgte Flaimi ihr.

„Ich warte jetzt schon ein Weilchen auf meinen eigenen Hexenkessel“, gab Yoko zufrieden von sich, „und ich überlege jetzt schon ein Weilchen ob es so lange dauert bis meiner gegossen wird, weil er so eine Außergewöhnliche Form haben könnte oder warum auch sonst immer. Und deswegen begutachte ich zurzeit alle möglichen Kesselformen um dieser Tatsache auf den Grund zu gehen. Und so viel Varianz gibt es da tatsächlich nicht. Er muss rund sein. Und entweder eine Halterung um ihn wodran aufzuhängen, oder eben Stehfüßchen, irgendwie muss ja Feuer drunter.” Grinsend schaute sie zu ihrer Mitschülerin rüber. “Das heißt … wir sind gerade auf dem Weg zum Hexenkessel.”, stellte Flaimi fest. Und es war so.

Sie erreichten recht schnell die die Manaquelle und bemerkten sofort, dass es noch auffällig leer zu dieser Uhrzeit an den sonst so beliebten Thermalquellen war. Ansonsten standen immer einige Hexen außerhalb der Türen des Hexenkessels und unterhielten sich oder warteten auf ihre Anhänge. Auch wenn dieser Ort für eine jede Hexe einem Symbol für Erholung und Entspannung entsprach, so früh wurde er wohl nur von wenigen Individuen aufgesucht. Die Quellen selber lagen am Rande des Sternensees und waren somit von Bäumen und Büschen umgeben; der bequemste Weg zu ihnen führte allerdings durch den extra angelegten überdachten Eingangsbereich, eben dem sogenannten “Hexenkessel”. Und genau diesen betraten sie nun.

Es roch angenehm; Hexen der Kristallmagie beschworen regelmäßig im Eingangsbereich um einen angenehmen Geruch für alle Besucher zu kreieren – heiße Quellen neigen hin und wieder zu einer unangenehmen Geruchsbildung, welcher sie mit dieser Maßnahme sofort entschieden entgegenzuwirken wussten. Ein leises plätschern der Quellen trug zur angenehmen Atmosphäre der Räumlichkeiten bei. Sofort legte sich ein angenehmer Schauer auf ihren Rücken und die beiden Hexenschülerinnen mussten einmal tief durchatmen, um wieder ihren Fokus auf das Suchen der ersehnten Tautropfen zu legen. Beim Vorbeigehen begrüßte sie eine blasse junge Hexe, die am Rande des Bads stand und freundlich zu ihnen hinübersah. Als sie bemerkte, dass die beiden kein Interesse an einem Bad in den Quellen hatten, widmete sie sich aber wieder der Reinigung des Eingangsbereichs.

Sie schauten sich aufmerksam um. In dem überdachten Bereich sah alles sehr sauber und gepflegt aus. Kurz überraschte sie der Gedanke womöglich zu spät aufgebrochen zu sein und nun die Möglichkeit hier Tautropfen einzusammeln verspielt zu haben. Doch dann fiel ihnen die Lampions an der Überdachung auf. Die Spitzzulaufenden Metallgestelle blitzten gerade am unteren Rand auffällig im Sonnenlicht.

“Ob das wirklich Morgentau ist? Oder Lediglich Kondenswasser?”, fragte Yoko mit zusammengekniffenen Augen. Flaimi zückte ihren Besen und schwebte ein paar Meter in die Höhe um sich die leichte Flüssigkeit genauer anzuschauen. Die Hexe die mit der Reinigung des Hexenkessels beschäftigt war schaute irritiert zu den beiden hinüber, akzeptierte ihr seltsames Handeln aber sofort Wortlos und schrubbte fleißig weiter. Da nickte Flaimi nachdenklich. “Es glitzert definitiv ähnlich wie die Tropfen die wir bereits haben im Sonnenlicht.”, sie schaute zu Yoko hinab, “Wir können natürlich auch bei den Pflanzen etwas weiter Abseits schauen ob wir was finden. Aber ich glaube, dass hier ist das Hexenkesselligste was wir spontan bekommen können.”

Sie sahen einander fragend an, hoben abwechselnd zuckend die Schultern und entschlossen sich dann die Tropfen einzusammeln. Yoko reichte Flaimi die Phiole und sie ließ die Tropfen der verschiedenen Lampions in das Fläschchen tropfen. Sie verließen danach recht Zügig den Hexenkessel und froren leicht, als sie wieder vor die Türe traten. Die warme, feuchte Luft machte schon einen Unterschied, obwohl die Sonne bereits warme Strahlen auf die Erde warf. Sie glitzerte zwischen den Baumkronen. Soviel Zeit würden die beiden nicht mehr haben.

Entschieden griffen die Hexenschülerinnen in die Holzkiste und verstauten zunächst die eben gefüllte Flasche und griffen gleich nach der nächsten. Diese Phiole wies eine besonders bauchige Form auf. Also, richtig bauchig. Wogegen der Hexenkessel ja nun bei genauerer Betrachtung doch eher einen Schwerpunkt in der unteren Hälfte seiner runden Ausarbeitung präsentierte, war die Grundform der neuen Phiole komplett rund, wobei eine kreuzförmige Einkerbung die Flasche an eine Art altertümliche Feldflasche erinnern ließ.

Die beiden sahen sich fragend an. Und ihr Blick wandelte sich. „Wo wir eben den Hexenkessel hatten, das sieht doch aus, wie eine Flasche für einen Zaubertrank, oder?“, meinte Yoko mit einem Lächeln auf den Lippen. Flaimi stimmte ihr ebenso zufrieden dreinblickend zu. „Und du weißt, wo es Zaubertränke gibt?“ „Zu Kaufen gibt es sie bei Dela. Aber schau mal.“ Yoko deutete auf den unteren Rand der Flasche. Im Boden der Flasche war eine leichte Gravur zu erkennen: ein Hexenhut und ein Zauberstab mit Sternenspitze. Ein Symbol das sich häufig im Zusammenhang mit der Hexenakademie zeigte. „Du meinst, wir sollten lieber in der Akademie nach einer möglichen Quelle Ausschau halten?“, überlegte Flaimi laut. Yoko stimmte ihr geräuschvoll nickend zu. „Okay. In dem Fall … Bei den Praxisräumen für Zaubertränke Unterricht?“

Auf ihrem Weg zurück zu den Hexenschülerinnen machten Tara und Flöflö kurz Pause. Der Weg war beschwerlich für so kleine Elfen, und die Sonne brannte, trotz ihres noch niedrigen Standes, warm und erbarmungslos. Sie hatten sich neben einer dicken Wurzel verschanzt und nutzten den Schatten um noch einmal ordentlich durch zu schnaufen.

Doch was war das? Ein leises rascheln war mit einem mal zu hören – und es wurde lauter! Flöflö bemerkte es als erstes, schwebte etwas aus dem Schatten hervor … und entdeckte einen großen schwarzen Vogel, der die beiden von dem Baumgipfel missmutig begutachtete. Doch auf einmal erschien ein leuchten in seinen Augen … Und Flöflö erkannte was da so leuchtete – das glitzern des Fläschchens. Wild begann die kleine Elfe zu quietschen, erschreckte damit sowohl ihre Freundin als auch den Vogel. Schnell huschte sie zu Tara, rüttelte diese. Sie Verstand sofort, was die andere Elfe meinte und zusammen umklammerten sie das Fläschchen und huschten aus dem Schatten und wanden ihre Magie an, um sich und das Fläschchen halbwegs unsichtbar werden zu lassen. Doch Rabenaugen entgeht kaum etwas. Der schwarze Vogel setzte zum Flug an und folgte den Schemen, die er noch immer gut erkennen konnte.

Flaimi und Yoko hatten in der Zwischenzeit die Räumlichkeiten für ihre Zaubertrankunterricht aufgesucht und tatsächlich auch ihre nächsten Tropfen abgefüllt. Die Ausrüstung die hier bereitlag war natürlich komplett steril und gereinigt; nicht aber die alten hölzernen Fensterrahmen. Dicke tropfen zeichnete sich am Rahmen der Gläser ab und leuchteten und funkelten in den warmen Sonnenstrahlen die auf sie trafen. Rasch hatten sie mittels Magie einige von ihnen zusammenfließen und in das vorgesehene Fläschchen füllen können. Somit stand nun die nächste Anlaufstelle an. Erneut griff Flaimi in die Box und zog eine Floralgeschwungene Flasche aus der Holzkiste. Sie wirkte so filigran und ästhetisch, dass beide erst einmal ausgiebig dieses Fläschchen bewundern mussten, ehe ihnen erneut eine Einkerbung, wie auch bei der vorherigen Phiole auffiel.

„Also wieder etwas im Schulgebäude.“, bemerkte Yoko, „Und bei der spannenden Form … Hm. Eine Pflanze? Oder etwas was sich verwandelt?“ Flaimi nickte. „Ich denke auch an eine Pflanze. Vielleicht der Schulgarten?“ Sie zögerten nicht lange und machten sich auf den Weg in das Außengelände. Majoflora war bereits im Gelände und inspizierte die Pflanzen. Sie begrüßte die Hexenschülerinnen freundlich als sie sie erblickte, zeigte aber sofort wieder mehr Interesse an ihren Pflanzen, wodurch die beiden sich recht entspannt nach den ersehnten Tautropfen umsehen konnten.

„Am besten wir schauen eher in Bodennähe?“, schlug Yoko vor, „Schließlich wird es da noch am ehesten Kühl sein.“ Sie gingen also auf die Knie und schauten sich die Pflanzen in ihrem unmittelbaren Umfeld genauer an. Es roch sehr intensiv nach Blüten; das summen wilder Insekten drang an ihre Ohren. Und ein kühler, erdiger Geschmack lag mit einem Mal auf ihren Lippen. Doch auch wenn die Temperatur am Boden sich sehr von der oberen unterschied – wirkliche Tautropfen konnten die beiden nicht so schnell finden. Mit einem Mal stand Majoflora vor ihnen.

„Was macht ihr denn auf dem Boden? Sucht ihr nach Wurzelwanzen?“ Die beiden Hexenschülerinnen schüttelten verlegen den Kopf. „Wir sind auf der Suche nach dem besonderen Morgentau!“ Majoflora legte zunächst den Kopf schief, beschloss dann nicht genauer über das gesagt nachzudenken und deutete schräg hinter sich auf einen Busch. „Schaut mal neben dem Recyla-Kraut, der Lugnuc-Busch hat ein sehr dichtes Geäst. Dadurch wird der Tau vom Morgen recht lange bewahrt. Sonst ist hier ja alles so angelegt, dass es möglichst früh Sonnenlicht einfangen kann, und die Bewässerung erfolgt eher künstlich. Ich glaube das wird am Erfolgversprechendsten für euch hier sein.“

Die beiden bedankten sich und krabbelten weiter zum Lugnuc-Busch. Tatsächlich – sie fanden zwischen dem dichten Buschwerk, dass schon recht knapp über dem Boden begann kleine leuchtende Punkte. Flaimi zog mittels ihrer Elementarmagie das Wasser, wie der Flötenspielende Rattenfänger die kleinen Tierchen, aus den Zwischenräumen, ließ es kurz im Sonnenlicht anfunkeln und auch sogleich in der Phiole verschwinden.

Sie verließen die Gärten und wanderten in eine ruhige Ecke auf dem Flur. Einige ihrer Mitschüler machte sich inzwischen auch auf ihren Weg in die Bibliothek oder suchten den Speiseraum auf. Eines stand fest: soviel Zeit hatten sie beide nicht mehr zur Beendigung ihrer Aufgabe. „Okay. Das hier ist jetzt das vorletzte Fläschchen.“, stellte Yoko fest, und begutachtete die kunstvoll bearbeitete Phiole. Ihre Form wirkte zunächst recht rund, doch verschiedene Einkerbungen und Unebenheiten ließen sie unruhig und doch in sich schlüssig und harmonisch erscheinen. Auf dem ersten Blick war es wirklich schwierig einzuordnen, was sie darstellen sollte – doch mit einem Mal war es beiden klar. spätestens sobald eine farbige Flüssigkeit das Fläschchen füllen sollte, würde sich sein Motiv verdeutlichen: eine Rose; in ihrem Zentrum zeichnete sich der Stempel einer Krone ab. Ein jeder wusste, dass die Rose eine besondere Blume in der Hexenwelt darstellt. Schließlich trägt sie Hexenbabys in sich, und gilt damit als Symbol für neues Leben. Und soweit die beiden wussten gibt es nur einen Ort an dem diese besonderen Rosen wachsen: Das Hexenschloss. Die eingestanzte Krone deutete zusätzlich auf diesen Ort als nächstes Ziel hin.

Als sie am Schloss ankamen war der Zugang zum Garten noch gesperrt. Finster dreinblickende Hexen standen am Eingang des Rosengartens, verschränkten die Arme und ließen die jungen Hexenschülerinnen nicht passieren. „Das ist mir egal, was ihr für Rituale zu vollziehen pflegt“, wies die Wache die beiden an, „Ihr habt hier nichts zu suchen! Die erste Hexe die ich heute durchlassen werde ist die Aufsicht für die Hexenrosen, aber ganz sicher keine Schülerinnen von der Akademie!“

Flaimi war versucht sich in eine hitzige Diskussion mit der Hexe zu vertiefen, doch Yoko hielt sie zurück und so gingen sie den Pfad wieder zurück zum Schloss. „Weißt du, ich glaube da macht es wenig Sinn. Wir haben nicht so viel Zeit um uns mit der auseinanderzusetzen. Beim letzten Fläschchen konnte uns jemand vor Ort helfen, aber ich glaube darauf können wir uns hier nicht verlassen.“

“Eben! Wir haben nicht mehr so viel Zeit und …“, Flaimi biss sich selber auf die Unterlippe. Sie war so von dem Gedanken getrieben diese kleine Schnitzeljagd zum erfolgreichen Abschluss zu bringen, dass es sie wahnsinnig machte darüber nachzudenken, dass eine verdammte Wache sie nun nicht an ihr Ziel lassen würde. Yoko bemerkte Flaimis Frust, überlegte kurz und griff dann kurzerhand erneut nach ihrer Geige. Die beruhigende Wirkung von Musik war schließlich bekannt, und wer weiß, wenn sie den Wunsch die Tropfen zu finden mit ihrem Spiel zusammenwirkte, würde dies womöglich eine magische Auswirkung haben? Daran verlor sie aber nur kurz einen Gedanken. Sie strich den Bogen bedächtig über die Saiten. Und sofort lockerte sich die Haltung ihrer Freundin. Flaimi blickte neugierig auf, als die Klänge an ihre Ohren drangen, beobachtete das Spiel ihrer Mitschülerin bedächtig.

Und nicht nur sie. Ein kleiner Spatz gesellte sich zu den beiden und begann, wie in einem Zeichentrickfilm, zusammen mit Yokos spiel zu interagieren. Ein magisches Bild. Sie spielte schneller, er flatterte wild um sie herum und sang schrill und wild dazu. Wurde sie wiederum langsamer landete er neben ihr und betrachtete sie bedächtig, pfiff einmal zwischendurch und wartete bis ihr Spiel wieder an Tempo zunahm. Flaimis Blick wanderte wirr zwischen Yoko und dem Vogel hin und her. Was geschah hier eigentlich gerade?

Als Yoko ihr Spiel beendet hatte bemerkte sie den Vogel das erste Mal. Irritiert blickte sie den kleinen Spatz an, worauf er davon hüpfte und abhob, flog in ein Nest, welches sich an einem alten Turm des Schlosses befand. Die Schülerinnen folgten ihm mit ihrem Blick. “Das war seltsam.” Flaimi wusste mit der Situation gar nichts anzufangen. “Du hast schön gespielt – keine Frage. Aber das mit dem Vogel wirkte unwirklich.” Yoko verstaute ihre Geige wieder, verwundert über die Aussage ihrer Freundin. “Echt? Inwiefern?” “Naja. Kaum fängst du an zu spielen kommt der Vogel dazu. Ihr dudelt euer Duett und kaum seit ihr fertig fliegt er davon als wäre nichts gewesen.” Sie rümpfte die Nase. Irgendwas konnte da doch nicht stimmen!

Weniger Misstrauisch schaute Yoko dem Vogel erneut hinterher. “Meinst du, er könnte ‘magische Beeinflusst’ gewesen sein?”, zwinkerte sie ihrer Freundin zu. Flaimi dämmerte es und sie machten sich auf dem Weg zu dem Turm.

Das Nest des Vogels lag zwischen den Ritzen der klobigen Steine des Turms. Die groben Steine unterschieden sich stark von denen des restlichen Gebäudes. Und tatsächlich – zwischen den Fugen der steinernen Mauer lugte ein seltsamer grüner Halm hervor. Die beiden staunten nicht schlecht als sie die rote Blüte hervorblitzen sahen. Eine Rose? Wenn ja – aber eine komplett andere Sorte als die, die im Rosengarten heranwuchsen. Yoko hatte diese ja bereits genauer begutachten können. Und zwischen den roten Blütenblättern (die natürlich nur einen kleinen Schlitz in ihr innerstes preisgaben), blinzelte ein dicker Tropfen hervor. Behutsam legten die beiden ein Blatt unter die Blüte und schüttelten diese leicht. Mehrere kleine, glitzernde Tropfen wurden sichtbar und rannen so das Blatt hinab, das sie direkt in die Phiole hineinflossen.

Flöflö und Tara hatten sich unter einem Busch versteckt. Der Rabenvogel war ihnen ausdauernd gefolgt und anscheinend beschäftigte ihn diesen Morgen nichts mehr, als die so wunderschön glitzernde Flüssigkeit ihnen zu entreißen. Tatsächlich war die Magie der beiden Elfen nicht ausreichend um eine dauerhafte Unsichtbarkeit hervorzurufen, oder den Vogel so abzuschrecken, dass er endlich von ihnen abließ. Auch nun hörten sie seine aufgeregten Flügelschläge, hin und wieder ein krächzen, als er aufgeregt an dem Gestrüpp entlang flatterte.

Erschöpft diskutierten sie verschiedene Fluchtmöglichkeiten aus. Niemand wollte sich in eine Katze verwandeln, denn der Vogel war so auf das Fläschchen fixiert, ohne einen Kampf würde er sich wohl nicht vertreiben lassen. Und wer wollte dem Vogel schon ernsthaft wehtun? Natürlich keiner von beiden. Ein Schutzschild könnte beschworen werden! … Aber auch lange aufrechterhalten werden müssen. Würde ihre Energie ausreichen? Wohl nicht. Wenn sie den Trank zurückließen und stattdessen einfach so “fliehen” würden? Was, wenn der Vogel in der Zeit den Busch so bearbeiten würde, dass er an das Fläschchen doch rankäme? Verfolgen würde er die beiden wohl nicht – Elfen waren für Vögel meist recht uninteressant. Eigentlich konnten sie nicht mehr machen, als den Busch verstärken mittels Blütenheilung und hoffen, dass sie irgendwas passieren würde, dass sie dem Vogel entkommen würden. Regen. Ein anderes wildes Tier. Hexen. Oder was auch immer.

Da kam Tara die Idee. Sie schlug vor eine Illusion des Fläschchens zu erzeugen und gleichzeitig mit der echten Phiole unterirdisch zu verschwinden. Der Rabenvogel würde ausdauernd weiter nach der Illusion schnappen und in der Zeit konnten die Elfen sich durch die Erde in etwas weiterer Entfernung wieder rausbuddeln umso Abstand zu gewinnen. Sobald sie wieder bei den Hexenschülerinnen wären, wäre alles nur noch halb so dramatisch. Flöflö stimmte diesem Vorschlag zu und so begann sie mittels Magie ein Loch in den Boden zu bohren. Tara erschuf bereits eine Illusion der Phiole und hielt die natürliche Barriere des Buschs mittels Blütenheilmagie aufrecht.

Doch der Rabe war hartnäckig und bohrte sich langsam aber stetig seinen Weg durch das dichte Geäst. Da quietschte Flöflö Tara zu, und sie verschwanden mit dem richtigen Fläschchen im Erdreich. Es war hier dunkel und kalt. So tief war das Loch theoretisch nicht gebuddelt, doch sie gingen nur vorsichtig vorwärts – man weiß ja nie. Und außerdem war da ein dumpfes Grollen. Richtig laut. Immer lauter.

“Gut, die letzte Form”, ganz aufgeregt nahmen die beiden Hexenschülerinnen das letzte Fläschchen aus der Holzkiste. Es bestanden in erster Linie aus einer Sternenform die an einem schmalen Streifen hing. Eine Art Sternschnuppe? Fragend blickten die beiden sich an. “Hö? Ein Stern? Eine Sternschnuppe?”, fasste Flaimi ihre Gedanken lautstark zusammen. Yoko nickte unsicher. “Vielleicht wieder ein Unterrichtsraum … Wahrsagerei vielleicht?” Es befand sich dieses Mal aber keine typische Einkerbung auf der Unterseite. So blieben sie zunächst skeptisch. Doch einen anderen Ansatz fanden sie nicht und so machten sie sich zunächst wieder auf in die Akademie. Dafür stiegen sie auf ihre Besen und flogen über Helviks Dächer hinweg.

Doch es war Yoko die mit einem Mal zögerte. Flaimi wendete ihren Besen und schaute zu Yoko hinüber. Ein wenig genervt, schließlich wollte sie die Aufgabe endlich beenden fragte sie ihre Freundin: “Was ist los?”

Yoko blickte nachdenklich über ihre Schulter. Sie hatte das Gefühl das sie etwas oder jemand rief. Aber wie sollte sie das ohne abgedreht zu klingen Flaimi Mitteilen? Auch eine magische Welt hat ihre Grenzen! Und Flaimi war gerade so von ihrem Ehrgeiz Erfüllt, dass ein diffuses Gefühl wie eben jenes was sie gerade hatte sie bestimmt nur unnötig aufregen würde. Ein Geräusch wie ein fiepen. Ein Mauseschrei. Eine nervige Mücke. Ein … Sie öffnete die Augen. Es war nicht nur ein Gefühl. Sie sah den Ursprung des Geräusches und damit wohl auch des seltsamen Gefühls: Tara düste aus der Richtung des Hexenwaldes geradewegs auf sie zu. Auch Flaimi sah und hörte sie, wurde mit einem Mal ganz blass. Rasch flogen sie der kleinen Elfe entgegen.

“Tara, was ist los? Wo ist Flöflö?”, fragte Yoko ganz aufgeregt denn sie spürte ganz eindeutig das etwas nicht stimmte. Dass das Fläschchen auch fehlte war zwar unglücklich, den beiden in diesem Augenblick aber natürlich nicht so wichtig wie das Fehlen der zweiten Elfe. Tara gestikulierte wild uns wirkte komplett aufgeregt. Erst jetzt viel Yoko auf wie schmutzig ihre kleine Elfe überhaupt aussah. Sie brauchten aber einen kleinen Augenblick um Taras Aussagen auch Sinnvoll zu verstehen.

Tara erzählte von dem Rabenvogel der sie verfolgt hatte. Und wie sie geplant hatten über das Erdreich zu verschwinden. Doch dann gab es einen Zwischenfall. Flöflö war vorausgegangen, schließlich wusste sie, wo der Zauber entlang gebuddelt hatte. Doch dann brach mit einem Mal die Wand durch und Wasser spülte Flöflö, sowie das Fläschchen fort. Flöflö konnte sich gegen das Wasser zunächst durchsetzen, doch als sie sah dass das Fläschchen an ihr vorbeispülte ließ sie sich mit fortspülen. Per Telepathie tauschten die Elfen sich noch aus: Flöflö passte auf das Fläschchen auf und Tara würde die Menschen zur Unterstützung dazu holen. Wie auch immer ihr aktueller Stand wäre, sie sollten erst einmal zum Hexenwald eilen und dort die Elfe und das Fläschchen auflesen.

Natürlich zögerten die beiden nicht lange. Rasch wurde die Richtung der Besen geändert und sie zischten Richtung Hexenwald. Während des Flugs schwiegen die beiden überwiegend. Keiner hinterfragte, wie die Elfen überhaupt diesen Bogen gegangen sein konnten – der Hexenwald lag doch recht weit abseits der eigentlich geplanten Route. Aber wer weiß, auf der Flucht vor dem Vogel würden sie einfach den günstigsten Weg eingeschlagen haben. Tara saß auf der Schulter von Yoko, ruhte sich aus und versuchte natürlich das hohe Piepsen ihrer Freundin auszumachen, sobald sie die Wipfel des Hexenwaldes erspähten.

“Hast du eine Ahnung in welcher Richtung sie gelandet sein könnte?”, fragte Yoko ihre Elfe, als sie über dem Waldeingang schwebten. Tara fiepte ihr etwas ins Ohr. Flaimi suchte den Boden mit ihren Blicken ab. Doch sie wusste, sie würde Flöflös rufen schon hören, wenn sie in ihrer Nähe waren – in diesem Areal würden sie die kleine Elfe niemals finden. “Wenn sie von Wasser weggespült wurde, müssten wir bei den Wasserstellen nach ihr Ausschau halten”, schlussfolgerte sie in flacher Tonlage. Yoko stimmte ihr zu, “Tara meint sie waren in der Nähe des Purpurwegs. Demnach wäre der Sternenfall wohl eher unsere Anlaufstelle? Immerhin strömt da das Wasser ziemlich rasch, kann mir vorstellen, dass der Strom auch schnell unterirdische Höhlen flutet die von Tieren dort erbaut werden.”

Flaimi zuckte mit den Schultern. Sie hatte ein flaues Bauchgefühl seitdem Tara ihnen die Nachricht überbracht hatte. Und eigentlich wollte sie nicht genauer darüber nachdenken, wo Flöflö nur stecken konnte. Eine furchtbare Situation war das einfach nur.

Sie flogen so über die Baumkronen ab Richtung Westen. Die Bäume unter ihnen wechselten ihre Färbung; war es zu Beginn ein blasses Grün welches in den Blättern dominierte wurde es nun immer satter, die einzelnen Blätter immer feiner; und auf einmal war dort dieses riesige Loch im Blätterdach – die große Lichtung. Sie flogen konzentriert weiter. Das Blätterdach schloss sich wieder, und die Blätter wurden immer dunkler. Am Horizont erkannten sie bereits die Purpurnen und blass-lila-schimmernden Blätter des Purpurwegs, darauf verlangsamten sie ihren Flug. Unter ihnen hörten sie ein leises Rauschen. Ein Fluss zog sich wirr durch den unteren Wald und ergoss sich irgendwann in den Sternenfall – einen beeindruckenden Wasserfall inmitten im Grünen. Aufgrund der magischen Macht des Waldes und der in ihm lebenden Kreaturen wurde den Schülern eigentlich empfohlen nur zu Fuß sich im inneren des Waldes fortzubewegen um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – doch unter den aktuellen Umständen wussten die Hexenschülerinnen sich nicht anders zu helfen.

Sie nickten sich zu und senkten ihren Flug, um zwischen den Bäumen nun langsam zur Landung abzusetzen. Kaum waren sie zwischen den ersten Bäumen hindurch geglitten, da schoss ein wütender schwarzer Rabe an ihnen vorbei. Tara wusste sofort, weswegen er so gereizt war. Das war ihr Verfolger gewesen, und womöglich hatte er eben feststellen müssen, dass das Fläschchen das er in sein Nest gebracht hatte nur eine Illusion war. Doch in Begleitung der Menschen hatte der Rabe kein weiteres Interesse an Tara und flog so wütend krächzend an den angehenden Hexen vorbei.

Sie kamen direkt an einem Flussarm zu Boden. Flaimi wartete kaum auf ihre Mitschülerin, suchte bereits mit ihrem Blick rastlos den Boden um sich herum ab. Ob Flöflö überhaupt noch fliegen konnte? Schließlich hatte sie die schwere Flasche bei sich. Allein würde sie wohl nicht sonderlich weit kommen. Schließlich entschied sie sich nach ihrer Elfe zu rufen. Und auch Tara fiepte den Namen ihrer Freundin und Yoko beteiligte sich ebenfalls bei dieser Lautstarken suche. So gingen sie den Fluss entlang. Aufmerksam und besorgt. Das Rauschen des Wassers wurde immer lauter, und das immer stärker schäumende Rauschen verdeutlichte ihnen, dass das nasse Element an Geschwindigkeit zunahm, umso weiter sie gingen.

Auf einmal war es da – ein feiner leiser Ruf. In der Ferne. Die Blicke aller hellten sich auf. Das war eindeutig das rufen einer kleinen Elfe gewesen. Sie riefen noch einmal kollektiv “FLÖFLÖ!” und das kleine fiepen antwortete ihnen. Auch wenn ihnen nur die Grobe Richtung bewusst war, liefen sie los. Wehe, wenn die Geister des Waldes ihnen nur einen Streich spielen wollten!! Sie rannten durch das matschige Grün, erreichten schließlich die Klippen des Sternenfalls. Tosend sauste das Wasser den Abhang hinab und wäre die Situation nicht gerade so einschüchternd gewesen, hätten sie den Anblick womöglich genießen können. Doch wo war nun Flöflö?

Da erklang das Fiepen wieder. Sie sahen auf die andere Seite des Wasserfalls – auf einem kleinen Felsenvorsprung, sahen sie die kleine Elfe, wie sie ihnen wild zuwinkte; mit der anderen Hand umschloss sie fest das schwere Fläschchen. Flaimi fiel in dem Moment sichtlich ein Stein vom Herz. Sie stieg auf den Besen und flog zu ihrer kleinen Elfe, setzte sie auf ihre Schulter und freute sich lautstark, dass ihr nichts passiert war.

Yoko und Tara beobachteten das Geschehen, atmeten auch erleichtert auf. Natürlich sollte einer Elfe solch ein Ereignis nichts anhaben. Schön war es dennoch nicht, nicht zu wissen, wie es einer Freundin erging, wenn sie alleine in einem solch abgelegenen Ort sich aufhielt. Gerade wenn es auch noch dunkel war wie hier – klar, dass Wasser reflektierte das Sonnenlicht kräftig, täuschte aber nicht darüber hinweg das sonst alles von großen hohen Bäumen umschlossen und womöglich gruseligen magischen Kreaturen bewohnt wurde.

In dem Moment wo Yoko sich umsah, bemerkte sie ein leises glitzern neben sich. “Ich bin so froh, dass ihr nichts passiert ist”, seufzte Flaimi als sie wieder zu ihrer Mitschülerin flog, “Und schau, Flöflö hat auf das kleine Fläschchen gut aufgepasst. Danke euch beiden.” “Ja, habt Dank.”, stimmte auch Yoko ein und beide Elfen quietschten zufrieden. Dann schauten die Hexenschülerinnen einander ernster an. “Ich bin wirklich glücklich, dass niemanden etwas ernsthaftes zugestoßen ist”, erklärte Flaimi, “Aber ich glaube … bis wir zurück in der Akademie sind, werden wir es nicht mehr schaffen die letzten Tautropfen einzusammeln. Es ist schon ziemlich spät.”

Die Elfen schauten erschrocken auf. “Ja ihr lieben, das letzte Fläschchen wird zum Unterrichtsraum für Wahrsagerei gehören! Jetzt tut nicht so fassungslos, es gibt schlimmeres als eine Schnitzeljagd zu verlieren.” Yoko musste grinsen, blickte ihre Freundin herausfordernd an: “Meinst du echt, dass wir zurück fliegen müssten für die Tropfen?” “Ja klar. Oder hast du eine andere Idee?” “… Denk mal drüber nach wie man den Ort hier nennt meine Liebe.” Es dauerte einen kleinen Moment, dann dämmerte es dem blassen Mädchen.

“Sternenfall … Wie eine Sternschnuppe … Du meinst, wir sollen hier die letzten Tautropfen einsammeln?” Ob es wirklich die richtige Antwort war, wusste Yoko auch nicht, weswegen sie mit den Schultern zuckte. “Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall”, sie deutete auf das glitzern, dass sie zuvor aus dem Augenwinkel nur wahrgenommen hatte, “haben wir hier wieder glitzernde, schöne Tautropfen. Ich würde sagen wir probieren es einfach mit denen hier.” Und so geschah es.

Als sie zurückkehrten saß die alte Hexe dick eingehüllt in bunte Tücher neben ihrem Stand. Sie musterte ihre langen Fingernägel, als würde sie durch sie in einen Spiegel blicken können, und wirkte sichtlich irritiert, als Yoko und Flaimi auf sie zu schnellten. “Wa-was wollt ihr denn von mir?”, fragte sie unsicher, zog schnell ihre Tücher über ihren Oberkörper zusammen wie einen Vorhang der verschlossen werden musste. Yoko zog die Holzkiste hervor und präsentierte ihr den Inhalt: 10 gefüllte Fläschchen mit Tautropfen des heutigen Morgens.

Flaimi kommentierte die Präsentation: “Wir sind die letzte Stunde durch den Ort, die Akademie und das Umland gesaust um von sämtlichen Ortschaften diese herrlich funkelnden Tautropfen einzusammeln, so wie Ihr es uns aufgetragen habt.” Die alte rümpfte misstrauisch die Nase. “PF! Aufgetragen! Habt ihr heutzutage keinen eigenen Willen?! Ihr hättet die Fläschchen auch einfach für euch behalten und eigene Tränke drinnen einschenken können!” Ruppig ergriff sie trotz ihrer Aussage die Kiste und inspizierte zunächst kritisch, dann aber mit leuchtenden Augen den Inhalt. Die Hexenschülerinnen rollten kurz mit den Augen, verkniffen sich aber jeden weiteren Kommentar zu den Äußerungen der Hexe. Als diese sich die Phiolen genug angeschaut hatte, schloss sie die Kiste geräuschvoll und griff unter eines ihrer bunten Tücher.

“Nun … Ich will ja nicht so sein … Wenn ihr schon so Zeitig was schafft, dann will ich euch dafür auch etwas geben.” Sie schnipste den beiden jeweils eine Art Talisman zu. “Das sind Sonnenanhänger. Er beinhaltet die stärksten Sonnenstrahlen die ein Anhänger nur einfangen kann. Es gibt Momente im Leben wo ein wenig Sonne einem jedem Wesen gut tun können. Egal ob sie Licht spenden oder einem die innere Zuversicht schenken müssen … Und nun macht euch vom Acker. Macht mit den Dingern was ihr wollt!”

Sie musterten die Sonnengeformten Anhänger interessiert, verabschiedeten sich, trotz ihrer Art, höflich von der Hexe und nutzten den Rest des Tages für sich und ihre Elfen.

Regeln & Gesetze – 5. Stunde

Majovina schickte mich los, um einen Siegelfänger zu fangen. Sie hatte mir grob beschrieben, wie dieser ominöse Gegenstand aussah: Eine runde Mendalje mit einem Pentagramm drauf, die aufgrund ihrer kleinen Flügelchen sich sehr schnell bewegen konnte. Gedankenverloren mache ich mich auf den Weg und suche die Schule ab. Im Musikzimmer werde ich schließlich fündig.

Zwischen den Notenständen schlummert ein Siegelfänger. Er fähnt sich in Sicherheit, da er sich im Halbdunkeln befindet. Bedächtig schließe ich die Tür zum Musikzimmer und gehe auf leisen Sohlen langsam näher heran. Zu meinem Unglück war ich dermaßen auf ihn fixiert, dass ich die Kante von dem Lehrerpult übersehen hatte. Ich stieß mir den Fuß und konnte nur mit Müh und Not einen derben Fluch unterdrücken. Leider hatte diese kleine Unvorsichtigkeit schon gereicht und den Siegelfänger aufgeschreckt. Er schoß aus seinem Versteck hervor und flog wild im Raum umher.
Innerlich gratulierte ich mir selber, dass ich so geistesgegenwärtig war und die Tür geschlossen hatte. Nun musste ich dieses Biest nur noch einfangen. Wie schwer konnte das schon sein?!

Sehr schwer, wie sich innerhalb kürzester Zeit herausstellte. Er war an die Decke geflogen und ich sprang von Pult zu Pult, um ihn doch noch zu erwischen. Wieder musste ich fluchen. Aber zum Glück war niemand anwesend, der mich hören konnte. Ziemlich frustriert ging ich zur Tafel. Ein alter Schwamm lag in seiner Halterung. Er war schon lange nicht mehr benutzt wurden und war deshalb komplett eingetrocknet. Wie sehr ich diese alten Tafelschwämme hasse. Sicherlich gibt es nichts, was eine größere Bakterienschleuder ist als dieses Stückchen Schaumstoff.

Wut stieg in mir auf. Ich war so genervt von dieser Aufgabe, bei der auch noch verlangte wurde, dass niemand mir helfen durfte. Ich griff nach dem Schwamm, drehe mich um und warf ihn frustriert in den Raum. Noch nie in der Geschichte führten jähzornige Aktionen zu einem guten Ergebnis. Es wunderte mich daher nicht, dass der brechend harte Schwamm mit einem >klong< irgendwo gegen prallte und zerbröselte. Ich atmete tief durch und trat dann näher. Der Zufall hatte es gewollt, dass ich den unglückseligen Siegelfänger getroffen hatte, der benommen zu Boden taumelte. Schnell sprang ich vor und griff nach ihm. Die Reste des Schwamms stieß ich mit dem Fuß bei Seite.

„Macht nichts. Tritt sich fest.“, dachte ich mir innerlich und zuckte mir den Schulter. Hauptsache ich würde den Siegelfänger nicht wieder verlieren. Ich umkrallte das kleine Ding mit meiner rechten Hand und ging so schnell wie möglich zurück zu Majovina, um ihn zu übergeben.

Quest – Hexenkessel

Ich ging am Hexenkessel vorbei und sah den Aushang. Hier wurde gerade eine Aushilfskraft gesucht. ‚Mh, ich könnte mich ein bisschen nützlich machen und etwas zusätzliche Erfahrung sammeln.‘, überlegte ich. Ich betrat den Hexenkessel und stellte mich bei Majovita vor. Sie war reichlich gestresst und man sah ihr an, dass sie dringend eine helfende Hand brauchte. Sie wies mich an, die traditionelle Kleidung, die hier im Spa getragen wird, anzulegen und ihr dann zu folgen. Natürlich musste ich zunächst die unangenehmen Sachen erledigen: Toiletten schrubben, Böden wischen…

Ich gab mir alle Mühe in Majovitas Gegenwart nicht zu laut zu jammern. Schließlich wollte ich nicht gleich wieder rausfliegen, nachdem ich gerade erst mit der Arbeit begonnen hatte. Ich stützte mich auf meinen Mop. Schweißperlen liefen mir den Nacken hinunter und meine Kleidung klebte an meiner feuchten Haut. Hier im Spa war es wirklich heiß. Normalerweise würde ich das lieben, – wenn ich in der Thermalquelle sitzen oder die Ruheräume benutzen würde. Aber das Arbeiten war eine echt schweißtreibende Angelegenheit. Im wahrsten Sinne des Wortes!

„Hey! Was stehst du hier so faul herum?!“, fauchte mich Majovita an. Ich richtete mich auf und taumelte dabei ein bisschen. „Ist mit dir alles in Ordnung?!“ Ich blinzelte. Ein bisschen schwummrig war mir schon vor Augen. „Komm mal mit!“, wies sie mich an. Ohne Widerrede folgte ich Majovita. Den Mop und den Eimer ließ ich zunächst stehen, wo sie waren. Sicherlich würde ich gleich wieder kommen und meine Arbeit weiter fortführen. „Hier! Trink das erstmal.“ Majovita reichte mich einen Becher mit Zitronenwasser. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn es eiskalt gewesen wäre. Doch es war stattdessen
lauwarm. Majovita sah mein zu einer Grimasse verzogenes Gesicht. „Es ist besser so. Wäre es kalt, würde es dir sofort auf den Magen schlagen.“

Nachdem ich mich ein bisschen erholt hatte, schickte sie mich in den Bar-Bereich. Nachdem ich auch hier alles blitzblank geputzt hatte, nahm mich Majovita zur Seite. Statt einer weiteren Aufgabe, zeigte sie mir stattdessen, wie man ein paar wirklich leckere Vita-Drinks mischte. Aufmerksam sah ich ihr zu, bevor ich es dann selber einmal probieren durfte. Langsam neigte sich der Tag dem Ende zu. Ich war ganz froh darüber und nun wirklich kaputt. So anstrengend hatte ich mir den Job nicht vorgestellt. Aber ich freute mich über die kleine Belohnung, die ich schließlich von Majovita erhielt und über die neu gelernten Rezepte.

Wahrsagerei – 2. Stunde

Der Raum war stickig und schummrig. Nur wenig Tageslicht dran von draußen herein, da die Fenster mit schweren Vorhängen verdunkelt worden waren. Ich setzte mich an einen der Tische. Vor mir stand meine Kristallkugel. Im Gegensatz zu manch anderer Hexenschülerin war meine Kugel nicht wirklich hübsch: Ein bläuliches Glas, in deren Inneren ein kleines rötliches Schimmern zu entdecken war. Ich stellte mir immer vor, es wäre das Herz der Kugel. Sein inneres Wesen, das diesem scheinbar alltäglichen Gegenstand seine besondere Macht verlieh.

Heute sollten wir das Wahrsagen mit Hilfe der Kristallkugel üben. Eigentlich war es mir etwas unangenehm, in meine eigene Zukunft schauen zu wollen. Ich hatte leider schon das ein oder andere Mal erlebt, dass man damit auch gehörig auf die Nase fallen konnte. Deshalb beugte ich mich nur widerwillig über das Glas. Majowelia schritt durch den Raum und sprach mit gedämpfter, aber eindringlicher Stimme: „Leert euren Geist. Öffnet euer inneres Auge… lasst die Magie fließen und SEHT.“ Ich hätte nicht nur meine äußeren Augen sondern gerne auch das innere verdreht, wenn ich es gekonnt hätte. Aber nun gut. Ich atmete tief durch und ließ meine Gedanken wandern, bis ich selber ganz dösig wurde. Das rötliche Schimmern in der Kugel bewegte sich hypnotisch hin und her und ließ kleine Farbwirbel entstehen, die sich langsam zu einem Bild verdichteten.

Zuerst war es noch recht unscharf als wäre es sehr weit weg. Ich blinzelte ein paar Mal, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich etwas reales in der Kristallkugel sah oder es nur eine Reflexion war. Doch allmählich wurde das Bild schärfer. Ich erkannte einen Raum, dessen Wände aus Bücherregalen und Vitrinen bestand, in denen viele verschiedene antike Dinge ruhten. Wie bei einem Wimmelbild entdeckte man immer mehr je länger man hinsah. Kleine Pulte standen im Raum und überall lag Pergament und Schreibfeder herum. Es wirkte wie ein wunderbarer Ort, an dem man alle seine Gedanken fließen und mit Feder und Papier auffangen lassen konnte. Diesen Raum versprühte eine angenehme Atmosphäre und eine tiefe, innere Ruhe breitete sich in mir aus.

‚Wo hatte ich diesen Raum schon mal gesehen?‘, überlegte ich schließlich. Er kam mir merkwürdig bekannt vor. Sicherlich hatte ich ihn schon einmal gesehen. Während ich weiter das Bild in der Kugel betrachtete, merkte ich, das ich selber wohl an einem der Pulte saß. Ich sah nicht mich selber, sondern nur das, was ich sehen würde, würde ich dort sitzen. Die Hand von meinem Kristallkugel-Ich griff zu einer Feder, tauchte diese in ein Tintenfass und schrieb „Literaturclub“ in großen schnörkeligen Buchstaben auf das Pergament. Ich kniff die Augen zusammen.

D-I-N-G D-O-N-G D-I-N-G D-O-N-G
Jäh wurde ich aus den Gedanken gerissen. Die Schulglocke hatte geläutet und meine Konzentration gestört. Majowelia gestattete uns, zusammenzupacken und entließ uns. Noch ziemlich dösig und ein bisschen verwirrt nahm ich meine Sachen und ging mit den anderen ebenfalls hinaus. Das war gerade ziemlich merkwürdig gewesen.